Nokia Booklet 3G Das Büro für die U-Bahn

Was kommt heraus, wenn Nokia ein Netbook baut? Ein zu großes Handy? Ein zu kleiner PC? Das Booklet 3G ist keins von Beiden. Denn die Finnen haben manches anders und vieles besser gemacht als die Konkurrenz - doch das hat seinen Preis.

Hamburg - Neu erfunden haben die Finnen das Netbook nicht, nur verfeinert. Das Gros der im Nokia Booklet 3G verbauten Technik ist identisch oder zumindest ähnlich auch in Billignetbooks zu finden, nur nicht so schön. Denn statt in einem Kunststoffmantel sitzt Nokias Technik in einem massiven Aluminiumgehäuse. Das erinnert an Apples aktuelle Macbooks. Genau wie diese ist auch der Korpus des Booklet 3G aus einem Stück Alu gefertigt. Dadurch ist das Gerät gleichermaßen leicht und stabil - und es sieht verdammt gut aus.

Einzig der Rückendeckel des Bildschirms wird von einer Kunststoffabdeckung geschützt. Vermutlich, weil hier diverse Antennen sind, die ihre Mühe hätten, durch einen Metalldeckel zu funken. Bei der Wahl des Kunststoffmaterials haben Nokias Designer allerdings kein besonders glückliches Händchen gehabt. Ganz dem Zeitgeist folgend ist beim Testgerät alles nicht-metallene aus hochglänzendem schwarzen Plastik hergestellt. Das sieht genau solange gut aus, bis man die Schutzfolie abzieht. Ab diesem Zeitpunkt aber zieht die Lackoberfläche Schmutz verführerisch an, gibt ihn auch dann nur widerwillig her, wenn man sie intensiv mit dem mitgelieferten Putztuch bearbeitet.

Unter dieser blank geputzten Haube aber steckt zunächst einmal viel von der Technik, die man auch von Billig-Netbooks kennt. Allerdings setzt Nokia  anstelle des mittlerweile betagten Atom-N270-Chips den neueren Atom Z530 als Antrieb ein. Wichtigster Unterschied der Beiden: Der Z530 beherrscht Intels Virtualisierungstechnologie Intel VT, eignet sich deshalb besser dafür, Computer in Software nachzubilden. Eine prima Nutzungsmöglichkeit dafür wäre der XP-Modus von Windows 7. Der funktioniert allerdings erst ab Windows 7 Professional. Auf dem Booklet 3G ist dagegen das speziell für Netbooks gedachte Windows 7 Starter Edition installiert - ohne XP-Modus.

Knausern bei der Festplatte

Allerdings ist es fraglich, ob man mit dem kleinen Atom-Chip überhaupt Spaß an einem virtuellen PC im Netbook hätte. Schließlich ist die übrige Ausstattung des Rechners nicht üppiger als bei anderen Netbooks - und damit kaum geeignet dafür, neben dem eigentlichen Betriebssystem noch ein virtuelles zu betreiben. Dafür ist der eingebaute Speicher mit 1 GB viel zu eng und der der Atom-Prozessor mit seiner 1,6-Gigahertz-Taktfrequenz zu schlapp. Knauserig geben sich die Finnen auch bei der integrierten Festplatte. Nur 120 Gigabyte fasst der rotierende Datenträger. Bisher galten 160 Gigabyte als Standard, mit Windows 7 könnten endlich auch größere Festplatten in Netbooks verwendet werden.

Abseits dieser Makel glänzt das Booklet 3G mit seinen Netzwerkfunktionen. Handys beispielsweise lassen sich drahtlos per Bluetooth ankoppeln. Ins Internet geht es entweder per W-Lan, das sogar die schnelle 802.11n-Technik beherrscht, oder über das integrierte UMTS-Modem, das auch den schnellen HSDPA-Standard unterstützt.

Ausgerechnet mit dem UMTS-Modul gab es im Test allerdings Probleme. Wenn es lief, dann lief es prima. Morgens, in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit damit schon mal die wichtigsten RSS-Feeds zu sichten, ein paar Mails zu beantworten, das macht richtig Spaß. Angst, dem Gerät könnte dabei etwas zustoßen, muss man aufgrund der robusten Bauweise nicht haben. Dafür kam es immer wieder vor, dass das UMTS-Modul den Dienst einstellte, sobald man das Netbook einmal zuklappte, also in den Ruhezustand versetzte, und danach wieder aufweckte. Nur durch einen Neustart ließ sich Windows 7 dazu bewegen, das Mobilfunk-Modul wieder als solches zu erkennen. Ob der Fehler bei Nokias Treibersoftware oder in Windows 7 liegt, war nicht klar zu erkennen, doch hier tut offensichtlich ein Software-Update not.

Netbook als Riesen-Navi?

Kein Update braucht dagegen der Bildschirm des Booklet 3G. Mit 10,1 Zoll ist er zwar keinen Millimeter größer als die Displays etlicher anderer Netbooks, bietet mit 1280 x 720 Bildpunkten aber eine deutlich höhere Auflösung als die Konkurrenz. Was dabei wirklich erstaunt: Trotz der geringen Größe wirkt die Darstellung darauf nicht gedrängt oder zu klein. Im Gegenteil: Websurfen, E-Mailen, Textverarbeitung machen darauf weit mehr Spaß als auf normalen Netbook-Displays, die selten höhere Auflösungen als 1024 x 600 Pixel bieten. Man hat einfach mehr Platz, kann auch mal mehrere Fenster nebeneinander offen halten.

Davon profitieren auch Filme. Weil die Auflösung des Booklet-Bildschirms dem 720p-Videostandard entspricht, können sich HD-Fime darauf wirklich sehen lassen. Zuhause allerdings sollte man zum Filme schauen doch lieber den HDMI-Port nutzen und das Netbook an einen Flachbildfernseher anschließen. Im Test funktionierte das weitgehend problemlos. Allerdings ließ sich stets nur der gesamte Desktop des Nokia auf den Fernseher übertragen, also duplizieren. Eine Funktion, die den TV-Bildschirm als zweites Display, ausschließlich für Videos, nutzbar macht, gibt es nicht. Auch dies ist allerdings eine Einschränkung der Windows 7 Starter Edition.

Einige andere Ausstattungsdetails harren allerdings noch passender Anwendungen. Der integrierte Beschleunigungssensor etwa. Den kann das Netbook natürlich nutzen, um die Schreib/Leseköpfe der Festplatte in Sicherheit zu bringen, wenn das Gerät plötzlich ruckartige Bewegungen vollführt und droht, zu Boden zu fallen. Man könnte ihn aber auch für ganz andere Aufgaben nutzen. In modernen Smartphones dienen solche Sensoren beispielsweise dazu, den Bildschirminhalt zu drehen, wenn man das Handy auf die Seite kippt. Welchen Sinn das bei einem Netbook haben sollte, ist allerdings fraglich.

Interessant ist jedoch der integrierte GPS-Empfänger. Nur, wie man den sinnvoll verwenden soll, ist ein wenig unklar. Als Navgationsgerät für unterwegs, egal ob zu Fuß, im Fahrrad oder im Auto, ist das Booklet eindeutig zu groß. Außer natürlich man ist Single, immer allein mit dem Wagen unterwegs und hat kein Problem damit, sich eine entsprechend große Netbook-Halterung ans Armaturenbrett zu schrauben. Doch genau das scheint Nokia im Sinn gehabt zu haben, als man beschloss, dem Booklet die Navigationsanwendung Ovi Maps mitzugeben.

Reichlich Ausdauer

Dabei würde sich das Booklet 3G durchaus als Reisegepäck auf längeren Ausfahrten oder Wanderungen anbieten, da es enorm lange durchhält, ohne nach einer Steckdose zu verlangen. Verantwortlich dafür ist allerdings keine wundersame Hightech-Stromspartechnik, sondern einfach ein leistungsfähiger Akku. Wo andere Hersteller ihre Netbooks mit Sechs-Zellen-Akkus in den Ring schicken, presst Nokia einen Stromspeicher mit 16 Zellen in den kleinen Alu-Korpus. Der mag einiges mehr kosten als die Standardmodelle, zahlt sich aber spürbar in Laufzeit aus. Nokia stellt optimistisch bis zu zwölf Stunden steckdosenloses Arbeiten in Aussicht. Die konnten wir zwar nicht nachvollziehen, kamen aber immerhin auf gut acht Stunden, bevor die Akku-Warnungen überhand nahmen. Das ist kein guter, sondern ein sehr guter Wert.

Alles in allem hat Nokia also mit seinem Netbook-Erstling ganze Arbeit geleistet. Und doch haben die Finnen ihr Booklet 3G mit einer Eigenschaft versehen, die vielen potentiellen Käufern sofort den Spaß daran verderben wird: den Preis. Im eigenen Onlineshop bieten die Finnen das Gerät für üppige 729 Euro an, beim vorerst exklusiven Vertriebspartner O2 kostet es keinen Cent weniger.

Angesichts ansonsten fallender Netbook-Preise und der mageren Speicherausstattung kann man das nur als ausgesprochen selbstbewusste Preisgestaltung bezeichnen. Lohnenswert kann die Anschaffung des Alu-Winzlings dennoch sein, denn auf lange Sicht dürfte sich das Booklet als stabil und auch als wertstabil erweisen, könnte auf dem Gebrauchtmarkt weit höhere Preise erzielen als andere Mini-Laptops. Es ist eben nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern auch Luxusobjekt.

Nokias Booklet 3G: Schick in Aluminium verpackt

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