Nokia 5800 Xpressmusic Die Touchscreen-Premiere aus Finnland

Der Hype um berührungsempfindliche Bildschirme dauert nun schon zwei Jahre an - da bringt auch Nokia sein erstes Touchscreen-Telefon heraus. Ein Test zeigt, ob sich das Warten gelohnt hat.

Hamburg - Dieses Nokia ist anders. Das merke ich nicht nur aus eigener Erfahrung, während ich den Touchscreen-Erstling der Finnen teste, das merke ich auch an den Reaktionen meiner Mitmenschen. "Was hast Du denn da?", lautet eine Frage, die ich oft höre, während das Nokia und ich uns näherkommen. "Zeig mal", lautet die meist unmittelbar folgende Bitte. Dass sie ein Produkt von Nokia  vor sich haben, darauf kommt kaum jemand.

Das verwundert nicht. Kaum ein Nokia-Handy hat bisher so wenig nach Nokia ausgesehen wie das 5800 Xpressmusic. Der Grund für die Identitätsschwäche liegt in der fast völligen Abwesenheit von Tasten begründet. Nur drei kleine Tasterchen sind unter dem Bildschirm angebracht, dezent Rot, Grün und Weiß beleuchtet. Sie dienen dazu, Telefonate anzunehmen oder zu beginnen, zu beenden und das Hauptmenü aufzurufen.

Den überwiegenden Rest der Front nimmt das Display ein. Doch anders als bei vielen anderen Touchscreen-Handys ist der Bildschirm nicht randlos von einer Glasscheibe abgedeckt. Stattdessen wird es von einem Kunststoffrand eingefasst, der sich leicht mit dem Fingernagel anheben lässt. Das sieht nicht nur wenig elegant aus, es führt außerdem dazu, dass sich an den Rändern meines Testgeräts Staub und Schmutz sammeln.

Einhandbedienung

Die geschickte Anordnung realer und virtueller Tasten allerdings ermöglicht es mir, das Nokia prima mit nur einer Hand zu bedienen. Die wichtigsten Bedienelemente sind seitlich als echte Schalter vorhanden. So etwa der Einschaltknopf, über den ich auch zwischen verschiedenen Profilen (Laut, Leise, Vibration etc.) umschalte, der Auslöser der 3,2-Megapixel-Kamera, der Lautstärkeregler und vor allem ein Schalter, der die Tastensperre aktiviert oder löst. Das ist fein.

Nicht ganz so überzeugend ist dagegen die Bedienung per Touchscreen gelungen. Gut ist: alle Symbole sind groß genug, dass ich sie mühelos per Fingerzeig erwischen kann. Schade ist aber, dass beispielsweise im Hauptmenü schon so viele Programmsymbole untergebracht wurden, dass man nach unten scrollen muss, um an die letzten Einträge heranzukommen. Und auch das Scrollen selbst geht leider nicht so locker von der Hand wie etwa beim iPhone. Wo es beim Apple-Handy genügt, sanft über das Display zu streichen, ist man beim 5800 Xpressmusic eher gehalten, den Scrollbalken am rechten Bildrand zu benutzen. Das wiederum funktioniert auch einhändig sehr gut - sofern man Rechtshänder ist.

Das Plektrum des Schicksals

Richtig knifflig wird es aber, als ich versuche, aus einer langen Kontaktliste einen mit "B" beginnenden Eintrag herauszupicken. Bei meiner mit rund 350 Einträgen gefüllten Adressliste komme ich bei Einträgen im mittleren Bereich der Liste noch gut klar. An den beiden Enden der Liste aber wird es schwierig, sich per Fingerzeig zurechtzufinden. Schon bei minimalen Bewegungen rauschen mir die Einträge viel zu schnell über den Bildschirm. Da den gesuchten Kontakt zu fassen zu kriegen, ist für mich Glückssache.

Aber dem Glück lässt sich nachhelfen. Mit dem ins Gehäuse gesteckten Zeigestift beispielsweise. Der allerdings ist aus Plastik und so dünn, dass man bangen muss, ihn bei einer unbedachten Bewegung einfach abzubrechen. Besser klappt's mit dem mitgelieferten Mini-Plektrum. Das ist stabil und kann per Handschlaufe ans Handy gebunden werden. Ob man das farbige Anhängsel als modisch oder als störend empfindet, ist eine andere Frage.

Asymmetrische Teilung

Keine Frage ist dagegen, dass der Touchscreen manchmal ziemlich träge reagiert. Während des Tests musste ich Symbole immer mal wieder mehrfach antippen, um die gewünschte Reaktion auszulösen. In der Kontaktliste hat man ohnehin keine andere Wahl. Dort müssen Einträge zuerst ausgewählt und dann noch einmal angetippt werden, um sie zu aktivieren.

Richtig ulkig wird es aber, wenn man versucht, sich per Buchstabeneingabe an einen Namen heranzutasten. Dann erscheint ein virtuelles Tastenfeld auf dem Bildschirm, das Nokia zweiteilte, weil das gesamte Alphabet offenbar nicht in hinreichender Größe auf das Display passte. Originell: Die Teilung ist asymmetrisch. Der erste Teil der Tastatur umfasst die Buchstaben A bis P, der zweite nur noch Q bis Z.

Freundlich kommt hier der Beschleunigungssensor des 5800 Xpressmusic zu Hilfe. Der sorgt dafür, dass sich der Bildschirminhalt ins Querformat dreht, wenn ich das Handy seitlich schwenke. Derart in den Panoramamodus gezwungen, passt dann auch das komplette Alphabet auf den Bildschirm. Allerdings auch hier nicht in der üblichen QWERTZ-Anordnung, sondern schlicht alphabetisch sortiert. Beim Schreiben von E-Mails und SMS bekomme ich dagegen eine Tastatur präsentiert, auf der die Buchstaben in der üblichen Schreibmaschinenanordnung sortiert sind.

Zu heiß gewaschen

Diese Tastatur hat allerdings arg mit der Enge des Displays zu kämpfen. Zum einen sind die Buchstabenfelder relativ klein geraten. Das bereitet mir zu Beginn Schwierigkeiten. Mit der Zeit aber gewöhne ich mich daran, kann recht flott darauf tippen. Längere Texte allerdings mag ich damit nicht eingeben. Tastatur und Bedienelemente lassen nur Platz für ein kleines Textfensterchen. Gerade mal drei Zeilen Text mit je rund 30 Zeichen bekomme ich zu sehen.

Mobile Breitbandformate

Als Musikabspieler hingegen macht das Nokia richtig Spaß. Der Sound ist über Kopfhörer nicht übel, könnte etwas mehr Mitten vertragen. Mit guten In-Ohr-Kopfhörern wie den SE420 von Shure klingt Musik vom 5800 Xpressmusic richtig satt. Und auch als Filmabspieler liefert es eine ordentliche Vorstellung. Für Videos ist der Bildschirm gerade noch groß genug. Speicherplatzprobleme sind nicht zu befürchten. Das Nokia lässt sich von außen bequem mit microSD-Speicherkarten befüllen. Die gibt es mittlerweile mit Kapazitäten von bis zu 16 GB und sie sind sekundenschnell austauschbar. Mitgeliefert wird eine 8-GB-Karte.

Richtig nervig sind die eingebauten Lautsprecher, denn die sind richtig gut - zumindest für ihre Größe. Nokias Werbebotschaft, die kleinen Plärren würde "brillanten Stereo-Surround-Sound in Hifi-Qualität" erzeugen, ist allerdings arg übertrieben. Trotzdem: Teenies dürfte der Sound vollkommen ausreichen, um das Gerät wie einen zu heiß gewaschenen Ghettoblaster zu benutzen - und ihre Umwelt mit ihrem Musikgeschmack zu missionieren.

Kein iPhone-Killer

Damit dürfte dann auch die Zielgruppe definiert sein: Jugendliche, die ein hippes Handy suchen, das cooler ist als Standardtelefone, unterwegs kurze Videoschnipsel vorführen und die aktuellen Lieblingssongs in die Ohren oder die Nachbarschaft dröhnen kann. Außerdem hat es ein paar schnuckelige Spiele an Bord, taugt zum Web-Surfen per HSDPA und dank GPS-Empfänger zeigt es mir auch den richtigen Weg nach Hause.

Als Touchscreen-Handy aber macht es nur eine leidlich gute Figur. Im Vergleich zum iPhone oder dem gerade in Las Vegas vorgestellten Palm Pre ist die Bedienung per Fingerzeig schlicht zu schleppend, zu wenig flüssig und organisch. Aber Nokia  hat ja noch ein zweites Eisen im Feuer. Schon in Kürze werden die Finnen mit dem N97 eine weitere Variante zum Thema Bildschirmbedienung nachlegen. Das allerdings wird eine noch fettere Ausstattung haben als das 5800 Xpressmusic, und wird zusätzlich mit einer Aufschiebetastatur geliefert. Und vielleicht haben Nokias Ingenieure bis dahin ja auch das Touchscreen-Interface noch ein wenig überarbeitet.

Nokia 5800 Xpressmusic - Technische Daten

Betriebssystem Symbian S60, 5th Edition
Arbeitsspeicher 81 MB Plus 8 GB-Speicherkarte
Erweiterungssteckplatz microSDCard
Bildschirmauflösung 640 x 360
Bildschirmdiagonale 8,1 Zentimeter
Digitalkamera 3,2 Megapixel
PC-Anschluss Micro-USB 2.0
Gewicht 109 Gramm
Maße 111 x 52 x 16 Millimeter
Drahtlose Verbindungen EDGE, UMTS, HSDPA, W-Lan, Bluetooth 2.0
Standby-Zeit bis zu 406 Std.
Sprechzeit bis zu 8,8 Std.
Musikwiedergabe bis zu 35 Std.
Besonderheiten: Touchscreen, GPS
Preis*: 395 Euro
Alle Daten basieren auf Herstellerangaben, * Ohne Mobilfunkvertrag
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