Lumix G1 Die kleine Reflexkamera

Kleine Kamera, großer Bildsensor und alle Spiegelreflexfunktionen samt Wechselobjektiven: Das neue Kamerasystem Micro FourThirds soll hochwertige Kameras leicht und klein machen, indem sie auf den Spiegelapparat verzichtet. Hält die erste dieser Schrumpfkameras, was sie verspricht?

Hamburg - Anspruchsvolle Fotografen erkennt man an großen Kameras, großen Taschen und dem kaputten Rücken, Gelegenheitsknipser an der Kamera in der Hemdtasche. Ein Körnchen Wahrheit enthalten diese Klischees - zumindest bei Digitalkameras gilt als Grundregel: Je größer der Bildsensor, umso größer die mögliche Bildqualität. Und in Kompaktkameras passen einfach keine großen Bildsensoren.

Bis jetzt. Das neue Kamerasystem Micro FourThirds soll Kameras mit Spiegelreflexfunktionen ganz erheblich schrumpfen, versprechen die Hersteller. Solche Kameras sind dabei so etwas wie eine Schein-Spiegelreflexkamera: Sie bietet die Funktionen einer Spiegelreflexkamera, verzichtet aber auf einen Spiegelapparat. Das spart Platz.

Die erste Kamera dieser Bausweise bringt nun Kamerabauer Panasonic in den Handel und nennt die Lumix G1 vollmundig "ultrakompakt". Diese Kamera mache Schluss mit dem Argument, "dass digitale Spiegelreflexkameras schwer, sperrig und umständlich zu bedienen seien".

Wie klein ist also wirklich klein? Nun ja, nicht gerade ultrakompakt: Die G1 fühlt sich leichter und kleiner an als eine Spiegelreflexkamera - man kann mit ihr so gerade noch einhändig fotografieren. Die Werbesprüche des Herstellers ("wiegt kaum mehr als eine gut ausgestattete Kompaktkamera") sollte man aber wenig beachten - hier vergleicht die Werbeabteilung das Gehäuse der G1 mit Kompaktkameras. Das ist völliger Quatsch - ohne Objektiv kann die G1 nicht fotografieren, ohne Objektiv wird sie also auch niemand durch die Gegend tragen.

Format - Klein, aber bei Weitem nicht ultrakompakt

Format - Klein, aber bei Weitem nicht ultrakompakt

Mit Akku und einem schwachen Zoom-Objektiv (vergleichbare Kleinbildbrennweite 28-90 Millimeter) wiegt die Kamera gut 600 Gramm. Das sind 200 Gramm mehr als die sehr umfassend ausgestattete und recht klobige Edelkompaktkamera Canon G10 - und nur ein paar Gramm weniger, als der Spiegelreflex-Zwerg Olympus E-420 mit Kit-Objektiv wiegt.

Fazit: Die Lumix G1 ist für eine Kamera mit Wechselobjektiv und Spiegelreflexfunktionen erstaunlich klein und leicht - einzigartig ist das aber nicht. Und vor allem sollte man sich von Begriffen wie "ultrakompakt" nicht täuschen lassen: Während Kompaktkameras ihre Objektive meist größtenteils eingefahren im Gehäuse versenken, steht das Wechselobjektiv der Lumix G1 immer heraus - mit zwölf Zentimetern Tiefe und Breite ist die G1 sicher keine Taschen-, nicht mal eine Parkataschenkamera.

Schade, dass die G1 so irreführend beworben wird. Denn sie bietet einige wirklich erstaunliche technische Details. Der Fotosensor zum Beispiel ist für eine Kamera mit solch kleinen Maßen erstaunlich groß: Etwa 2,24 Quadratzentimeter - das ist deutlich mehr als bei jeder Kompaktkamera (0,43 Quadratzentimeter etwa bei der Canon G10) und näher an den Sensorgrößen von Spiegelreflexkameras (3,28 Quadratzentimeter etwa bei der Canon EOS 350D). Je größer der Sensor, umso höher die Bildqualität bei hohen Empfindlichkeiten.

Der elektronische Sucher der G1 hat eine verblüffende Bildqualität. Man glaubt beim ersten Durchsehen, wie bei einer Spiegelreflexkamera auf ein Spiegelbild zu blicken, statt auf einen Minimonitor, der die digitalen Bildsignale reproduziert. Das ist der Platzspartrick beim Kamerasystem Micro FourThirds: Die Hersteller verzichten einfach auf den Spiegel, der Spiegelreflexkameras den Namen gibt und das durchs Objektiv einfallende Licht zum Sucherbild bündelt.

Bedienung - Mal genial, mal nervig

Bedienung - Mal genial, mal nervig

Bei der Bedienung fällt ein Detail der G1 sehr positiv auf: Der große Gestaltungsspielraum bei Aufnahmen mit anspruchsvollen Digitalkameras resultiert ja vor allem daraus, dass sich Parameter wie Verschlusszeit, Blendöffnung und ISO-Empfindlichkeit auf Wunsch manuell einstellen lassen. Bei der G1 macht man das nicht über Knöpfe, sondern mit einem Drehrad am Griff, das man sehr genau mit dem Zeigefinger steuern kann.

Dieses Drehrädchen ist schneller, komfortabler und intuitiver als alle Knopfkombinationen es je sein könnten. Noch besser ist, dass man mit einem leichten Druck auf dieses Rädchen zwischen Detaileinstellungen wie Blendöffnung und Verschlusszeit wechseln kann - eine alltagstaugliche Einfingerbedienung.

Leider wirken andere Bediendetails weniger gut durchdacht: Ein Auswahlhebel für den Wechsel zwischen Einzel-, Serien- und Selbstauslöser ist so ungünstig unter dem Programmwahlrad angebracht, dass man ihn ganz leicht unwissentlich streift und unabsichtlich in den Serienbildmodus wechselt.

Anderes ärgerliches Detail: Die ISO-Empfindlichkeit stellt man zum Beispiel nach Knopfdruck ein - Platz für ein zusätzliches Drehrädchen wäre sicher noch gewesen, Canon macht das bei der etwas kleineren Kompaktkamera G10 vor. Und wenn schon für solche zusätzlichen Elemente kein Platz ist: Warum muss man die ISO-Empfindlichkeit bei der G1 über Tasten an der Gehäuserückseite einstellen, wo es doch bei Blendweite und Verschlusszeit so wunderbar mit dem praktischen Drehrad an der Vorderseite geht?

Ausstattung und Bildqualität

Ausstattung und Bildqualität

Die Ausstattung der G1 ist durchwachsen. Das Display der Kamera stellt die Motive nicht nur in guter Qualität und Helligkeit dar - es ist auch in fest jede Richtung schwenkbar. Mögliche Anwendungen:

  • das Display zum Gehäuse hin einklappen, so dass es geschützt und deaktiviert ist, wenn man allein mit dem Sucher arbeiten will
  • das Display seitlich ausklappen und um 180 Grad drehen - so kann man mit einer Hand Selbstporträts nach Displaybild schießen - oder per Selbstauslöser aus größerer Distanz
  • das Display seitlich ausklappen und leicht nach unten hin schwenken - so kann man die Kamera hoch über den Kopf halten (über die Köpfe einer Menschenmenge etwa) und dennoch verfolgen, was man da eigentlich aufnimmt
  • das funktioniert mit nach oben gedrehtem Display ebenso gut bei extremer Froschperspektive

Solch ein Display kennt man ja vor allem von digitalen Videokameras. Allein: Videoaufnahmen macht die G1 nicht. Nicht, dass das ein Muss bei anspruchsvollen Digitalkameras ist - aber bei der G1 drängt sich solch eine Anwendung auf.

Die derzeitige Auswahl an Objektiven für die G1 ist bescheiden. Neben Gewicht, Sensorgröße und Funktionen einer Spiegelreflexkamera ist ja gerade die Wechselbarkeit der Objektive ein Vorteil des neuen Kamerasystems Micro FourThirds.

Es lassen sich einige Objektive des älteren Four-Thirds-Systems mit der G1 benutzen - allerdings nur mit einem Objektivadapter, der beim günstigsten Onlinehändler derzeit 175 Euro kostet. Wegen unterschiedlicher Autofokussysteme (die G1 hat einen beeindruckend schnellen Kontrast-Autofokus) muss man bei einigen Objektiven Firmware-Updates abwarten, um sie mit dem Autofokus der G1 nutzen zu können.

Nachts nur mit Vorsicht

Bei Nachtaufnahmen liefert die G1 erwartungsgemäß bessere Aufnahmen als Kompaktkameras - wenn man sich allerdings mit einer ISO-Empfindlichkeit von 800 gemachte Aufnahmen in Originalgröße anschaut, fällt in einigen Bildbereichen ein deutlich sichtbares Bildrauschen auf.

Diese Beobachtungen bestätigen auch Labortests - das Fachmagazin "ColorFoto" fasst die Ergebnisse so zusammen: "Der Four-Thirds-Sensor rauscht bei hohen Empfindlichkeiten über ISO 800 deutlich mehr als ein APS-C-Sensor, wie er etwa bei der Nikon D90 zum Einsatz kommt."

Fazit und Datenblatt

Fazit und Datenblatt

Größe, Format und Bedienbarkeit der G1 begeistern - es macht Spaß, mit dieser Kamera zu fotografieren. Sie ist für eine Kamera mit Wechselobjektiven und vergleichsweise großem Bildsensor erstaunlich klein und leicht, kann aber nicht mit einer echten Kompaktkamera mithalten. Eine Immerdabei-Kamera ist die G1 ganz sicher nicht.

Derzeit kostet die G1 beim günstigsten Onlinehändler im Paket mit einem Objektiv knapp 700 Euro. Die ähnlich leichte digitale Spiegelreflex Olympus E-420 gibt es mit Objektiv ab 360 Euro. Bei der Bildqualität schneidet die Olympus fast gleich gut ab. Wer einfach eine leichte digitale Spiegelreflexkamera haben will, sollte vergleichen, ob innovative Details wie der schwenkbare Monitor den Aufschlag wert sind.

Bedienung (nervige Details wie Wahlhebel), Ausstattung (kein Videomodus) und Bildqualität (sichtbares Rauschen ab ISO 800) rechtfertigen den aktuellen Straßenpreis nicht - aber der dürfte erfahrungsgemäß sinken. Vielleicht, wenn andere Kameras nach Micro FourThirds-Bauart erscheinen.

Fotostrecke: So fotografiert die Lumix G1

Digitalkamera: Die Lumix G1 im Überblick

Lumix G1
günstigster Preis im Online-Handel
(laut geizhals.at, Stand 13.11.2008, Paket mit Objektiv Lumix G Vario 14-45mm)
699 Euro
Maße,
Gewicht (mit Akku und Speicherkarte)
12,4 x 8,4 x 4,5 cm
ca. 430 Gramm, mit Objektiv Lumix G Vario 14-45mm ca. 630 Gram
Auflösung
Sensorgröße 1,73 x 1,3 cm
Dateiformat JPG, RAW
vergleichbare Kleinbild-Brennweite des mitgelieferten Objektivs 28-90 mm
Verschlusszeiten 1/4000 - 15 Sek.
Aufnahmesteuerung Vollautomatik, Programmautomatik, Manuell, zwei selbst zu programmierende Voreinstellungen, Verschlusszeiten- und Blendenpriorität
Display 3-Zoll TFT-Monitor, verstellbar
Sucher elektronischer Sucher
Speicherkarten SD, SDHC, MMC
Schnittstellen USB 2.0 (Standard-Mikro-USB), TV
Blitz int. Blitz / Blitzschuh
Lieferumfang Akku, Ladegerät, USB-Kabel, TV-Kabel
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