IFA 2007 Top oder Flop?

Groß, laut, voll. So lässt sich die IFA am besten beschreiben. Auf der Messe tummelten sich nicht nur Fachbesucher in maßgeschneiderten Anzügen, sondern auch technikinteressierte junge Leute. manager-magazin.de hat sie begleitet und herausgefunden, was trendverdächtig ist - und was nicht.
Von Lisa Kaltwasser

Top 1: Bunte Lautsprecheranlagen versüßen den Klang

Hamburg/Berlin - In der Halle des Züricher Unternehmens Xounts pflastern hüfthohe leuchtende Pyramiden den Boden und die Regale. Sie fluten den Saal mit einem angenehmen Licht: Gelb, grün, rosa, blau.

Bei den Pyramiden handelt es sich um ein Soundsystem, das aus drei Teilen besteht. In der Basis sind die Technik und die Energiesparlampe eingebaut. Dazu kommt der Plastikkörper mit der Membran, der für den 360-Grad-Rundum-Klang sorgt. Über der Membran befindet sich die auswechselbare Hülle, das sogenannte Style. Es besteht aus einer Mischung aus Papier und Stoff und kann jederzeit gewechselt werden

Momentan sind sechs verschiedene Styles erhältlich. Es sollen jedoch noch weitere hinzukommen. Dafür sollen nationale und internationale Künstler sorgen, indem sie für jede Saison neue Kollektionen entwerfen. Ab Herbst dieses Jahres soll es noch origineller werden: Kunden sollen die Möglichkeit erhalten, eigene Designs zu kreieren. Sie können dann private Fotomotive oder ihre Lieblingstapetenmuster aus den 70er Jahren aufdrucken lassen. Jedes weitere Style kostet 59 Euro.

Xounts ist kompatibel mit nahezu allen analogen und digitalen Geräten: Musik kann so über den Fernseher und die klassische Stereoanlage gehört werden. Aber auch für mobile Geräte wie MP3-Player, iPod oder Handy bietet die Pyramidenspitze noch zusätzlichen Platz und Anschlüsse. Bei einem "Xounts Wireless" (rund 470 Euro) empfängt ein Transmitter die Musik von jeder Quelle und sendet sie kabellos an das Klangsystem. Die "Xounts Basics" kostet dagegen rund 330 Euro.

Poetisches Reisenavi

Top 2: Poetisches Reisenavi führt durch Deutschland

Der 27-jährige Marcel steht mitten in einem übergroßen Navigationsgerät als ihm die Hostess von iPublish den neuen Merian Scout Navigator erklärt. Der schwarze, leicht runde Torbogen ist zugleich Eingang zum Messestand als auch eine Nachbildung des Navigationsgeräts. Das Original ist jedoch so handlich, dass man es in die Hosentasche stecken kann.

Neben der klassischen Routenfindung vermittelt es vor allem Informationen zu deutschen Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Hotels. Der entdeckungsfreudige Reisende kann so nach Lust und Laune auf dem Touchscreen zwischen Museum, Golfplatz, Diskothek oder Einkaufstipp wählen. Steht er gerade im Berliner Regierungsviertel, kann er sich neben detaillierten Beschreibungen und Fotos auch mit gesprochenen Hörbeiträgen über den Bundestag informieren. Da Schauspieler die Beiträge vertont haben, wirkt der Scout Navigator gegenüber seinen computergesprochenen Konkurrenten lebendiger.

Interessant sind auch die sogenannten DrivenBy-Audio-Guides: Mittels GPS-Technologie erkennt der Reiseführer die braunen Autobahnschilder, die den Fahrer auf Sehenswürdigkeiten oder andere Besonderheiten in der Nähe aufmerksam machen. Sobald sich der Autofahrer einem Schild nähert, spielt der Scout Navigator auf Wunsch oder automatisch Audiobeiträge zu diesen Sehenswürdigkeiten ab. In vielen deutschen Großstädten erklingen die Hörbeiträge, sobald der Reisende zu Fuß an der Sehenswürdigkeit vorbei geht.

Literatur-Liebhaber finden für 100 Städte literarische "Zeitreisen" als GPS-Hörbeiträge. In diesen Hörstücken werden Texte bekannter Städte oder Regionen vorgelesen: Heinrich Heine in Hamburg und Franz Kafka auf Helgoland.

Für 779 Euro ist der Merian Scout Navigator mit Kartenmaterial für ganz Europa und integrierter Stauwarnfunktion ab Ende Oktober im Handel erhältlich. Software-Aktualisierungen soll es gratis geben, Kartenaktualisierungen müssen dagegen gekauft werden.

Acht-Uhr-Nachrichten in 3D

Top 3: Acht-Uhr-Nachrichten in 3D

Einige Hallen weiter schaut ein kleines Mädchen gebannt mit großen runden Kulleraugen auf dem Bildschirm. Auf der übergroßen Leinwand ist eine Schatztruhe zu sehen. In alle Richtungen fliegen dreidimensionale Goldmünzen quer durch den Raum. Zögerlich streckt das Kind seine Hand aus und versucht einen Goldtaler zu greifen.

Die Münzen sind jedoch nur Illusion. Der 3D-Bildschirm WOWvx von Philips  liefert dem linken und dem rechten Auge jeweils eine getrennte Ansicht der Taler. Das Gesamtbild entsteht im Gehirn, sodass der Zuschauer den Piratenschatz räumlich wahrnimmt. Auch der Bildschirm des Fraunhofer-Instituts kann die Gegenstände ins unmittelbare Sichtfeld von drei bis vier Personen rücken.

Das Ziel der beiden Forschergruppen ist es, das 3D-Kinoerlebnis in die Wohnzimmer zu bringen. Ganz ohne 3D-Brille. Kasinos und Themenparks haben schon die Möglichkeit ihre Produkte und Werbungen in übergroßen Leinwänden zum Leben zu erwecken. Wann man die Acht-Uhr-Nachrichten dreidimensional erleben kann, ist jedoch noch ungewiss.

"Cheese" wird es bald nicht mehr geben

Flop 1: "Cheese" wird es bald nicht mehr geben

"Cheese!" Wenn es nach Sony  geht, wird es diesen Ausruf bei Festen und Veranstaltungen bald nicht mehr geben. Die beiden Digitalkameras Sony Cybershot T70 und T200 verfügen in ihrem Menü über eine sogenannte "Lächel"-Funktion, die von Sony "Smile Shutter" getauft wurde. Soll die Braut auf ihrem späteren Hochzeitsfoto unbedingt lächeln, kann sie der Kameramann auf dem Touchscreen mit einem Quadrat anvisieren und auswählen. Stellen sich nun die Hochzeitsgäste zu einem Gruppenfoto auf, löst die Kamera erst aus, wenn die Braut lächelt.

Die Kamera erkennt anhand von Augen, Nase und Mund ein menschliches Gesicht. Zieht die Braut die Mundwinkel nach oben, registriert die Kamera diese Bewegung als Lächeln und löst aus. Wahlweise kann der Fotografierte - je nach Einstellung - leicht lächeln, kokett in die Kamera lachen oder die makellos weißen Zähne blecken. Durch die "Gesichtserkennung" stellt die Kamera Schärfe, Beleuchtung und Helligkeit so ein, dass abgebildete Gesichter scharf sind und ihre Hauttöne natürlich wirken.

Doch gerade Augen, Nase und Mund sind die Schwachpunkte der Kamera. Obwohl vorbeilaufende Personen, die lächeln, theoretisch geknipst werden müssten, überzeugt die Kamera in der Praxis nicht. Selbst bei stillstehenden Personen erkennt die Kamera hin und wieder das Gesicht des Fotografierten nicht. Auch Urlauber mit dunklen Sonnenbrillen können sich nicht auf die Kamera verlassen.

Der Messebesucher Marcel und seine vier Berliner Freunde wollen es selbst ausprobieren. Rasch schnappt er sich die kleine silberne T70 und visiert seinen Freund Martin an. Nach mehreren versuchen, ist er von der Kamera nicht überzeugt: "Für 299 Euro oder 399 Euro ist der Partyspaß zu teuer," erklärt Martin. Ein "Bitte lächeln" findet er viel persönlicher. Das gehe zudem auch schneller als sich im Kameramenü durchzuklicken.

Ein Lächeln bleibt, wie sonst auch, ein Glückstreffer. "Aber wer will denn nur lächelnde Motive," merkt die 19-jährige Michaela an.

USB-Sticks funkeln um die Wette

Flop 2: USB-Sticks funkeln um die Wette

In einer Ecke der Philips-Halle bildet sich vor drei Vitrinen eine Menschentraube, die vorwiegend aus Frauen besteht. Diese beugen sich über die Schaukästen und bestaunen die funkelnden und glitzernden Swarovski-Schmuckstücke. Einigen weiblichen Besuchern entlockt das Funkelwerk in Herz- und Vorhängeschlossform "Ahs" und "Ohs". Bei den Schmuckstücken handelt es sich jedoch nicht um herkömmlichen Schmuck, sondern um getarnte USB-Sticks.

Alexandra, 24 Jahre und Hostess bei Philips , hält ihr daumengroßes Vorhängeschloss in die Kamera. Sie trägt es an einer silbernen Kordel um ihren schlanken Hals: "Ich finde die Idee toll. Endlich wird auch das weibliche Publikum von neuen Technologien angesprochen. Uns Frauen begeistert doch generell alles, was so herrlich glitzert und funkelt."

In Zusammenarbeit haben Philips und das Schmuckunternehmen Swarovski Kopfhörer und USB-Sticks aus Silbermetall und transparentem Kristall entwickelt. Diese gibt es sowohl in Herzform als auch in Form eines Vorhängeschlosses, wahlweise mit Strasssteinchen oder mit asymmetrisch geschliffenen Kristallen. Auf dem USB-Stick lassen sich bis zu 1000 Fotos und 250 Lieder speichern. Damit wirkt der USB-Schmuck wie eine neue Version des Medallions: Die schönsten Fotos seiner Lieben können auf dem Stick gespeichert werden. Anders als beim Medallion benötigt der Betrachter allerdings einen Computer, um die Fotos anzusehen .

Alexandra ergänzt, die Schmuckstücke wirkten durch ihre Größe sehr auffällig. Eine diskretere Variante wäre ihr lieber. "Für rund 150 Euro ist mir so ein USB-Stick sowieso zu teuer, aber praktisch ist es schon: So hat man immer einen zur Hand." Oder um den Hals hängen. Doch wer möchte ein Speichermedium auf zwei Beinen sein?

PC-Spielzubehör für Hartgesottene

Flop 3: PC-Spielzubehör für Hartgesottene

Einige Meter weiter blicken die männlichen Besucher auf die drei aufgebauten Computer. Schnell besetzen sie die freien Stühle, fahren Autorennen oder bebauen eine sandige Wüstenlandschaft.

"DTM Race Driver 3" ist eines der ersten Computerspiele mit Umgebungswahrnehmung. Mit der sogenannten AMBX-Technologie versucht Philips , seine Kunden noch tiefer in ihre Lieblingsspiele eintauchen zu lassen. Die Spieler sollen die virtuelle Welt fühlen. Dabei helfen Licht- und Farbeffekte, Sound, Vibrationen und Luftströmungen aus Ventilatoren. Die LED-Leuchten sollen mit 16 Millionen Farben für ein realistischeres Spielerlebnis sorgen. Je nach Spielumgebung nehmen sie die passende Farbe an. Bremst der Spieler bei einem Autorennen, blinken die Lampen beispielsweise rot.

Der neunjährige Tim empfindet die Motorengeräusche durch das Lautsprechersystem noch realer. Die Ventilatoren blasen dem kleinen Computerfan kräftig Wind ins Gesicht. Damit sollen die Windmaschinen Geschwindigkeit und Beschleunigung der Autos simulieren. Auch eine motorbetriebene Vibrationsunterlage, auf der das Handgelenk ruht, soll für ein hautnahes Spielerlebnis sorgen.

Weste quetscht beim Spielen

Der kleine Rennfahrer probiert auch den Prototypen einer sogenannten Force-Feedback-Weste aus. Das Kleidungsstück des US-Unternehmens TN Games ist an das AMBX-System gekoppelt. Tim sitzt mit seiner roten Weste vor dem Computer und beschleunigt den Wagen. Bei einer Linkskurve quetscht sie ihn oberhalb der Taille. Rammt er einen anderen Wagen, verspürt er ebenso einen leichten Druck. Der ist jedoch kaum vergleichbar mit einem realen Autoaufprall.

Das Geheimnis der gefühlsechten Weste: Sie pumpt über einen Schlauch schlagartig Luft in die acht verschiedenen Kammern. Davon sitzen je vier auf Vorder- und Rückseite. Wann die Weste auf den Markt kommen soll, ist noch unklar.

Das Starter Kit, das nur die Lampen für Lichteffekte beinhaltet, können Spieler ab Januar 2008 für rund 200 Euro im Handel erwerben. Möchte er sowohl Licht-, Luft-, Sound-, als auch Vibrationseffekte erleben, kann er das Premiumkit für rund 400 Euro kaufen.

Ohne Frage ist Philips damit auf dem richtigen Weg, seinen Kunden ein intensiveres Spielerlebnis zu ermöglich. Zweifelhaft ist jedoch, ob durch eine solche Verharmlosung der Realität einigen Spielern nicht ein falsches Bild von der Wirklichkeit vermittelt wird.

IFA 2007: Von der Lächelkamera bis zum getarnten USB-Stick

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