Wirtschaftsumbau nach Corona Die überraschende Dialektik des Klimaschutzes

Unternehmen galten lange Zeit als Bremser beim Thema Nachhaltigkeit, während die Politik die Taktzahl vorgab. Diese Dynamik dreht sich gerade: Aktuell laufen Regierungen Gefahr, mit Blick auf den rapiden Umbau der Wirtschaft den Anschluss zu verlieren.
Ein Gastkommentar von Martin Stuchtey und Brune Poirson
Green Deal: Nicht mehr Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez (im Bild), sondern Unternehmen selbst bestimmen inzwischen das Tempo

Green Deal: Nicht mehr Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez (im Bild), sondern Unternehmen selbst bestimmen inzwischen das Tempo

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Das Verfahren, das die Europäische Kommission für die Impfstoffbeschaffung wählte, war kein ermutigendes Signal für ihre Fähigkeit, komplexe Projekte durchzuführen. Gegner des Europäischen Green Deal werden diesen Zusammenhang sicherlich nutzen, um die breitere Öffentlichkeit vor diesem noch viel ambitionierteren europäischen Transformationsprojektes zu warnen. Dabei werden sie auch argumentieren, dass die öffentlichen Finanzmittel, die für den Green Deal verfügbar waren, jetzt aufgrund der enormen öffentlichen Ausgaben zur Bewältigung der Pandemiefolgen aufgebraucht sind.

Es ist nicht zu leugnen, dass die Impfstoffbeschaffung das Vertrauen der Bürger Europas in die europäischen sowie ihre nationalen Institutionen ernsthaft geschmälert hat. Zudem wissen wir aus der Transformationsforschung, dass eine Bevölkerung ohne Optimismus keine tief greifenden Strukturveränderungen akzeptiert oder unterstützt. Dies gilt umso mehr, je spürbarer sich diese Veränderungen in das tägliche Leben der Menschen auswirken.

Auf der anderen Seite der Gleichung haben die Befürworter des Green Deal fraglos gute Argumente auf ihrer Seite. Sie können unter anderem darauf hinweisen, dass die Pandemie die Fragilität unserer globalen Systeme aufzeigt und zwar sowohl mit Blick auf Gesundheit, Ernährungssicherheit oder Umwelt. Und sie können zu Recht sagen, dass die Auswirkungen der Umweltzerstörung im Gegensatz zu einer Pandemie, die – wie es aussieht – gestoppt werden kann, irreversibel sind. Wenn überhaupt, kann dies nur mit konzertierten und tief greifenden Maßnahmen auf multinationaler Ebene erreicht werden.

Doch die Befürworter und Gegner des Green Deal scheinen zunehmend wie zwei Boote in der Nacht – sie segeln (und reden) aneinander vorbei. Angesichts der Tatsache, dass die Schlacht über den Klimawandel im politischen Bereich gewonnen werden muss, ist es für beide Seiten entscheidend, die Unterstützung der Öffentlichkeit zu gewinnen.

Industrie: Vom Bremser zum Antreiber

In dieser Hinsicht haben die Befürworter des Green Deal guten Grund zur Zuversicht. Dabei stammt ihr stärkstes Argument über die Machbarkeit der erforderlichen Transformation aus einer unwahrscheinlichen Quelle - der Industrie.

Unternehmen galten lange Zeit als Bremser beim Thema Klima- und Umweltschutz, während Regierungen lange den Takt vorgaben. Jetzt scheint sich diese Dynamik umzukehren. Es sind jetzt zunehmend die Regierungen, die Gefahr laufen, die Nachzügler zu sein. Diese Umkehr ist etwas, was wir als die Dialektik des Nachhaltigkeitsmanagements in der Post-Corona-Ära bezeichnen.

Im Laufe der letzten zwölf Monate scheint ein Damm gebrochen: Immer mehr führende Industrieunternehmen haben sich klar und unwiderruflich verpflichtet, CO2-emissionsneutral oder gar -positiv zu werden, wobei nicht nur auf grüne Energien sondern zunehmend auch auf – dies zeigt die jüngst von von Acatech und SYSTEMIQ vorgelegte "Circular Economy Roadmap Deutschland" - Zirkularität und neue, weniger ressourcenintensive Geschäftsmodelle gesetzt wird.

Diese Selbstverpflichtungen wurden trotz oder wegen der Pandemie gemacht. Das beweist, dass ein langer Prozess des Umdenkens über künftige Geschäftschancen nun endlich zum Tragen kommt.

Unternehmen setzen auf neue Wertschöpfungsmodelle

Natürlich wird die Umsetzung dieser Verpflichtungen nicht über Nacht erfolgen. Die Anpassung der betrieblichen Praktiken mit dem Ziel der Reduzierung von Emissionen und Materialverschwendung erfordert in jedem Unternehmen und jeder Industriegruppe zahlreiche Investitionsentscheidungen und unzählige winzige Schritte bei der konkreten Umsetzung.

Aber die Würfel sind gefallen. Viele große und mittlere Unternehmen sind entschlossen, auf neue Wertschöpfungsmodelle zu setzen und eine Welt, die auf Netto-Null übergeht, als ihren natürlichen Markt zu betrachten.

Walmart könnte Japan übertreffen

So hat etwa Walmart das Ziel angekündigt, seinen CO2-Fußabdruck bis 2030 um einen Betrag zu reduzieren, der größer ist als der Japans. Nachdem Apple 2018 einen CO2-neutralen Status für seine Läden, Rechenzentren und Büros erreicht hatte, hat sich die Firma bis 2030 zum Erreichen des gleichen Ziels für seine gesamte Lieferkette verpflichtet.

Auf der anderen Seite des Atlantiks hat Bosch kürzlich aufgrund seiner physischen Präsenz einen klimaneutralen Status erreicht und konzentriert sich nun auf seine gesamte Wertschöpfungskette. Das Spezialchemieunternehmen Covestro strebt an, seine Emissionen bis 2025 im Vergleich zu 2005 um 50 Prozent zu senken, und verlangt von allen Lieferanten, dass sie dieselben Nachhaltigkeitsziele einhalten. Die BASF liefert nun für jedes ihrer Produkte einen CO2-Fußabdruck - unter der Annahme, dass sich sichtbar niedrigere Emissionen als Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz erweisen. Und Frankreichs Schneider Electric setzt auf Net-Zero-Services als den nächsten Wachstumsmotor.

Natürlich schwingt keine dieser Firmen einen Zauberstab. Und sie werden nicht unbedingt selbst das Risiko eingehen, die Technologien zu entwickeln, die zur Verwirklichung ihrer erklärten Umweltziele erforderlich sind. Die Wahrnehmung dieser spezifischen Innovationsfunktion ist demgegenüber nach wie vor überwiegend im Risikosegment des Marktes angesiedelt.

Es liegt jedoch an all den eben genannten Unternehmen, in ausreichendem Maß bewährte Konzepte in ihren Betrieb zu integrieren, um ihre eigenen erklärten Emissionsreduktionsziele zu erreichen. Diese Unternehmen sind am besten als Systemintegratoren anzusehen, die umweltfreundliche Anforderungen für die diversen Komponenten ihres jeweiligen kommerziellen Ökosystems festlegen.

Ein epochaler Übergang

Dabei kann man darauf bauen, dass große Konzerne erhebliche Netzwerkeffekte auslösen werden, die weit über ihre eigenen Produktions- und Versorgungsnetzwerke hinausgehen. Auch werden sie in diesem Rahmen Verfahrensprozesse festlegen, die anderen Gruppen als Lernrahmen dienen können, der sie dann sektorübergreifend anwendbar macht.

Fazit: Vor diesem Hintergrund sind wir Europäer – bei allem uns traditionell innewohnenden Zukunftsängsten – gut beraten, die positive Interpretation der Vakzin-Lektion zu wählen. Die Regierungen mögen gescheitert sein, aber die wissenschaftlichen Institute und Forschungsabteilungen diverser pharmazeutischer Konzerne haben große und vor allem auch zügige Erfolge bei der Impfstoffentwicklung erzielt.

Die Parallelen liegen auf der Hand: Der epochale Übergang zum klimaneutralen Wirtschaften erfordert eine ähnlich radikale Fokussierung und auch die Bereitschaft zur technologischen Kursumkehr wie das das bei den Impfstoffen er Fall war. In beiden Fällen geht es im Kern nicht nur um die Einführung neuartiger Technologien, sondern um den schnellen Aufbau neuer Wertschöpfungskonstellationen. Hier wie dort ist entscheidend, in komplexen, voneinander abhängigen Netzwerken simultan Wandel herbeizuführen.

Das Management all dieser Prozesse und deren Interdependenz ist das Wesen und die Natur von Systemveränderungen. Dies muss zur europäischen Kerndisziplin werden – es würde auf durchaus vorhandene europäische Stärken aufsetzen.

Die Schritte zur Verwirklichung des Europäischen Green Deal ähneln durchaus dem Prozess zur Entwicklung eines Impfstoffs, aber eben nicht nur für ein "Virus", sondern für viele.

Brune Poirson war Staatssekretärin im französischen Umweltministerium (2017-2020). Martin R. Stuchtey ist Professor für "Nachhaltiges Ressourcenmanagement" an der Universität Innsbruck und Gründer von SYSTEMIQ,.