Dietmar Palan

Was die erneute Niederlage im Glyphosat-Streit bedeutet Bayer bleibt Ziel für aggressive Hedgefonds

Dietmar Palan
Ein Kommentar von Dietmar Palan
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Mit dem Versuch, eine Einigung mit den übrigen Glyphosat-Klägern zu erzielen, ist Bayer-Chef Baumann krachend gescheitert. Bayer bleibt damit Ziel aggressiver Hedgefonds, die auf eine Zerlegung in einen Agrar- und einen Pharmateil drängen. Ein Albtraum für den Bayer-Chef.
Bayer-Chef Werner Baumann: Erneut gescheitert

Bayer-Chef Werner Baumann: Erneut gescheitert

Foto: Geert Vanden Wijngaert

Bayer-Chef Werner Baumann (58) ist gescheitert, mal wieder. Er bekommt die juristische Materialschlacht, in die er sich mit der 60 Milliarden Dollar schweren Übernahme des US-Agrarkonzerns Monsanto eingekauft hat, einfach nicht in den Griff. Der jüngste Schlag ereilte ihn vom Vorsitzenden Richter des United States District Court for the Nothern District of California. Auf schlanken sechs Seiten zerpflückte Bundesrichter Vince Chhabria (51) den Vergleich, mit dem Baumann künftige Schadenersatzklagen ein für alle Mal aus der Welt schaffen wollte.

Die schnelle Einigung in der Auseinandersetzung um den Unkrautvernichter Roundup, auf die Baumann zuletzt spekuliert hatte, ist damit vom Tisch, der Nervenkrieg dauert an. Statt einer einheitlichen Lösung steht dem Bayer-Chef und seinen Juristen nun ein Verhandlungsmarathon mit Dutzenden Anwaltskanzleien ins Haus, die Entschädigung für ihre in den kommenden Jahren möglicherweise an Krebs erkrankenden Klienten fordern.

Die Deutschen müssen sich mit den Regulierungsbehörden über ein Warnlabel verständigen. Glyphosathaltige Herbizide werden aus den Regalen der Bau- und Heimwerkermärkte in den USA verschwinden.

Vor US-Gerichten bislang abgeschmettert - nächster Halt Supreme Court

Ob sich das Abenteuer Monsanto für Bayer jemals rechnet, liegt jetzt in der Hand des Supreme Courts in Washington, der frühestens im Sommer 2022 eines der drei anhängigen Berufungsverfahren aufgreifen und entscheiden wird. Bislang allerdings hat Baumann in den Gerichtssälen wenig Fortune bewiesen. Drei Mal zog er bei Schadensersatzprozessen in erster Instanz den Kürzeren, zwei Mal bereits in den folgenden Berufungsverfahren. Und jedes Mal hat es die Richter nicht interessiert, dass Bayer sich beim Vertrieb des glyphosathaltigen Mittels strikt an die Vorgaben der Regulierungs- und Zulassungsbehörden gehalten hat.

Vor gut zwei Jahren ist Baumann in die Vergleichsverhandlungen eingestiegen, um einen wirtschaftlich vernünftigen Ausgleich bei größtmöglicher Rechtssicherheit für das glyphosatabhängige Geschäftsmodell der Bayer-Agrarsparte zu erreichen. Das war sein eigentliches Ziel – und es ist nach Chhabrias Absage nun noch viel schwieriger zu erreichen als ohnehin schon.

Finanziell verkraftbar

Finanziell ist der Rückschlag verkraftbar. Zwei Milliarden Dollar hat der Konzern für die Befriedung künftiger Fälle bereits auf die Seite gelegt. Gut zehn Milliarden sind für die gut 120.000 Klagen reserviert, die in den vergangenen Jahren eingereicht worden waren. Gut 96.000 dieser Fälle sind abgearbeitet. Bilanziell ist der größte Teil des Glyphosatkrieges bereits verkraftet. Süffisant schreibt Judge Chhabria in seiner Begründung, dass die Kläger keinen Konkurs des Unternehmens fürchten müssten. Schließlich würde es sich im Fall von Bayer um ein stabiles und wohlhabendes Unternehmen handeln, das weiterhin ordentliche Gewinne mit dem Verkauf von Roundup erwirtschafte.

Hedgefonds zielen auf Zerschlagung des Konzerns

Viel härter trifft Baumann die nun andauernde Unsicherheit. Solange der Streit weiter schwelt, wird sich auch der Aktienkurs nicht erholen. Bayer bleibt ein Ziel für aggressive Hedgefonds, die den Konzern angreifen und auf eine Zerlegung in einen Agrar- und einen Pharmateil drängen.

Vor allem aber verliert Baumann Zeit, die er nicht hat. Die Pharmasparte, die mit ihren Blockbustern den Kauf von Monsanto überhaupt erst möglich gemacht hat, leidet seit geraumer Zeit unter einem Mangel an Kapital und unter mangelnder Attention des Topmanagements.

Eiertanz um den Warnhinweis - Geduld der Aktionäre am Ende

Darüber hinaus wird Baumann seinen Aktionären nur schwer vermitteln können, warum er jetzt auf Lösungen zurückgreifen will, die er schon länger hätte haben können, die er aber bislang strikt abgelehnt hat. Glyphosat nicht mehr an private Haus- und Grundstücksbesitzer zu verkaufen gehört genauso dazu wie ein Warnlabel auf der Verpackung, mit dem die Tabakindustrie sich seit der Jahrtausendwende gegen Schadenersatzklagen absichert.

Auf diese Variante hatte Richter Chhabria bereits in seiner ersten Anhörung vergangene Woche gedrängt. Das Argument der Bayer-Anwälte, dass den kalifornischen Behörden ein solcher Warnhinweis im Jahr 2019 von einem US-Bundesgericht verboten worden war, fegt Chhabria nun in einer schnippisch formulierten Fußnote beiseite. Der Konzern habe es ja noch nicht einmal versucht, sich mit den Behörden auf einen modifizierten Warnhinweis zu verständigen.

Die Geduld der Aktionäre mit Baumann dürfte sich ohnehin dem Ende zuneigen. 2019 haben sie ihm auf der Hauptversammlung bereits das Vertrauen entzogen. Und wenn man Hedgefonds und Publikumsfondsmanagern zuhört, dann ist klar, dass die Rebellion von damals keineswegs beendet ist. Sie ist nur mit einem Waffenstillstand eingehegt worden, der jederzeit wieder aufgehoben werden kann.

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