Freitag, 13. Dezember 2019

Sylter Royal-Austern Sichere Bänke

Sylter Royal: Austernzucht im Wattenmeer
Andrea Thode / Effilee

Austern in Aquakultur zu züchten ist Knochenarbeit. Besonders im rauen Wattenmeer vor List auf Sylt. Dort liegt Deutschlands einzige Austernzucht. Die Sylter Royal, die hier gedeiht, ist in der Tat etwas Besonderes. "Effilee"-Autor Alexander Kasbohm hat die Bänke besucht.

Sylt - Der Zug von Hamburg nach Westerland auf Sylt fährt mich zusammen mit einigen rüstigen Rentnerinnen durch die zurückhaltende Westküstenlandschaft. Ich bin auf dem Weg zu Dittmeyer's Austern-Compagnie, die vor List seit 1986 die begehrte Sylter Royal züchtet. Ich war nicht oft auf Sylt. Das letzte Mal 1976. Zehn Jahre, bevor Clemens Dittmeyer - Sohn von Rolf H. Onkel Dittmeyer - hier seine erste Auster pflanzte.

Damals, Mitte der Siebziger, sprang Ingrid Steeger noch nackt für seichte deutsche Unterhaltungsfilme durch die Dünen. Die letzten siebenunddreißig Jahre haben nicht nur Ingrid Steeger drastisch verändert. Die hippen jungen Dinger, die damals nackt und knackig bei Gunter Sachs an Buhne 16 in der Sonne lagen, sind vermutlich die Senioren, die heute mit mir in der Bahn sitzen. Dem Geldadel von heute fehlt der Hedonismus des alten Jetsets. Wer, wenn nicht er, könnte sich den heute noch leisten?

Sylt ist immer noch die Insel der Reichen, aber nicht mehr so sehr die Insel der Schönen. Immerhin, Sylt trotzt nach wie vor der Nordsee, das Rote Kliff ist noch nicht ganz weggebröckelt, und der Status von Austern ist auch unverändert. Nicht nur bei denen, die sich die Quadratmeterpreise von über dreißigtausend Euro in Kampen, dem reichsten Dorf Deutschlands, leisten können und wollen.

In Westerland angekommen, steige ich aus dem Zug und atme tief ein. Die Luft, die meine Lungen füllt, ist um einiges frischer als die in Hamburg, mit der unverkennbaren jodigen Seenote. Am Ende des Bahnsteigs mischen sich deutliche Obertöne von altem Frittierfett hinzu, aber der erste Eindruck bleibt. Befreiende Frische im Gehirn fahre ich weiter gen Norden Richtung List. Von der Straße sehe ich im Meer die Seekühe, alte Betonvorrichtungen, mit deren Hilfe früher Luftwaffepiloten den zielgenauen Bombenabwurf trainierten.

Austernkrise in Dänemark

Jetzt stehen sie schief und verwittert, aber unzerstörbar in den Fluten. Irgendwo zwischen der Küste und den Seekühen befinden sich die Austernbänke, zurzeit unter einigen Metern Nordsee versteckt. List streckt sich etliche Kilometer entlang der Hafenstraße. Kurz vor dem berühmten Restaurant Gosch ist das Bistro Austernmeyer. Daran schließt sich ein blauer Holzschuppen an. In drei Betonbecken blubbern Austern in Meerwasser vor sich hin. In einem Raum dahinter steht Christoffer Bohlig mit zwei Kollegen an Edelstahltischen und verpackt schnell und sichtlich konzentriert Austern in Balsakästen.

"Hier ist die nächste Stunde No-Go- Area!" Er hat kaum Zeit, von den Muscheln aufzublicken. "Dänemark gehen gerade die Austern aus. Normalerweise haben die ihre eigenen. Aber irgendwas ist da grad los." Christoffer packt weiter und ich wandere ein wenig verloren über das Gelände.

An den Becken hängt die Warnung, dass Hineinfassen zur Abnahme des gesamten Inhalts von etwa dreißigtausend Austern verpflichtet. Hinter dem Schuppen sind weitere Becken und einige Poches, Drahttaschen, in denen die Austern sonst im Meer liegen und die jetzt in der Sonne trocknen.

Nachdem Christoffer Dänemark vor der Austernkrise bewahrt hat, kommt er zu mir auf den Hof in die Sonne heraus. "So, jetzt nochmal richtig: Hallo, ich bin Christoffer!"

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