Mittwoch, 13. November 2019

Essen und Trinken in Prag Der Abglanz alter Zeiten

Ausgehen in Prag: Speisen unter Stuckdecken
Imperial Cafe

In Tschechien trinkt man nicht zum Essen, man isst zum Trinken - so lautet ein gerne zitiertes Sprichwort. Prags Gastronomie lebt zwar noch heute eher von ihrem Flair als von kulinarischen Genüssen, hat aber dennoch einiges zu bieten. mmo-Autorin Kirsten Schiekiera hat sich umgesehen.

Prag - Welche Spezialität wir in Prag unbedingt probieren müssen, fragen wir den Kellner. Der Mann, der mit den typischen muskulösen Unterarmen eines Prager Kellners gesegnet ist, sagt "esnečka!", und stellt mit Schwung sechs Halbliter-Bierkrüge auf den Nebentisch ab.

Wenig später stehen tiefe Teller mit einer optisch unauffälligen, aber streng riechenden Knoblauchsuppe vor uns, in der Kartoffelstücke, Kasslerwürfel und Zwiebelringe schwimmen. Den Geschmack der salzigen Suppe als rustikal zu bezeichnen, ist noch stark untertrieben. Dazu werden Graubrotscheiben serviert. "Eigentlich isst man die esnečka nicht abends, sondern morgens oder vormittags ", klärt uns der Kellner auf. "Sie hilft sehr, wenn man am Abend zuvor zu viel Bier getrunken hat."

Ein Katerfrühstück als kulinarische Spezialität - das passt zu der tschechischen Hauptstadt, in die jährlich vier Millionen Touristen einfallen und über die der Schriftsteller Bohumil Hrabal einst schrieb: "Wo andere Städte Grundwasser haben, hat Prag Bier."

Selbst zu Zeiten der Planwirtschaft, als Obst in den meisten Monaten ein rares Gut und sich die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften oft bis auf den Bürgersteig wunden - Bier gab es immer in Prag. Um die 160 Liter Bier trinken die Tschechen jährlich, Kinder und Abstinenzler mit eingerechnet. Vorsichtigen Schätzungen kommt man bei Erwachsenen auf einen Durchschnittswert von einem Liter pro Tag.

Bierstuben prägen die Gastronomie der Stadt

Ungefähr 1000 Pivnices, Bierstuben, prägen noch immer das kulinarische Leben der Stadt. Gegessen wird dort meist deftig und rustikal und kalorienreich, so als gelte es, lediglich eine Grundlage für mindestens ein halbes Dutzend Bierkrüge zu schaffen. Die bekannteste Bierstube ist das "U Fleku", das in der Nähe des Karlsplatzes liegt. Die Geschichte des Restaurants reicht bis ins Jahr 1499 zurück, seit dieser Zeit werden in den Gewölben Biere gebraut.

Alte Gemäuer und Selbstgebrautes - diese Mischung macht das "U Fleku" zu einem offenbar unwiderstehlichen Touristenmagneten. Hinter dem eher unauffälligen Eingang verbirgt sich ein riesiges Kellerlokal mit 1200 Plätzen. Sie sind fast immer besetzt.

Ebenfalls ausgesprochen beliebt bei Reisenden, aber uriger und interessanter, ist das "U zlatehu tygra" (Zum goldenen Tiger). Vaclav Havel und Bill Clinton sollen hier das ein oder andere Bier zusammen gezischt haben. Die Dekoration des Restaurants besteht aus einem riesigen Portrait des Bierfreundes und Stammgastes Hrabal und einer erstaunlichen Sammlung an Tigerfiguren. Es öffnet um drei, die feuchtwarmen Räume sind umgehend rappelvoll.

Ungefragt wird einem ein Pilsner Urquell vor die Nase gestellt, senkt sich der Spiegel im Glas, kommt schon das nächste - bis man abwehrt oder umfällt. Die kulinarische Spezialität des Hauses ist Bierkäse (pivní sýr), der hier angeblich erfunden wurde. Die Käsecreme ähnelt dem Liptauer - und schmeckt großartig zu dem kühlen Bier.

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung