Übersicht Wie die Lebensmittel-Industrie uns austrickst

Wandlungen von Straßensalz zu Speisesalz, von Pferdefleisch zu Rindfleisch, von Ethanol zu Schnaps und von Käfig-Eiern zu Bio-Eiern häufen sich in Europa. EU-Abgeordnete fordern nun schärfere Kontrollen und höhere Strafen. Wie manche Hersteller ihre Kunden narren - und wie man die Tricks erkennt.
Foto: MICHAEL PROBST/ AP

Brüssel/Hamburg - In einem Bericht für den Ausschuss für Lebensmittelsicherheit des Europaparlaments fordert die konservative niederländische Abgeordnete Esther de Lange schärfere Kontrollen und höhere Strafen bei Lebensmittelbetrug. Man sei "besorgt über Signale, dass die Zahl der Betrugsfälle steigt", heißt es in dem Papier, das Ende November im Ausschuss und danach auch im Plenum zur Abstimmung steht.

Zwar sei es sehr viel wahrscheinlicher, dass ein EU-Bürger an Grippe sterbe als an unsicheren Lebensmitteln - doch habe das Vertrauen der Bürger unter anderem durch Pferde- und Gammelfleischskandale gelitten. Das sei ein ernstes Problem für die Erzeuger.

Zu den für Betrug anfälligsten Waren gehörten Olivenöl, Fisch und Bio-Lebensmittel. Aber auch Milch, Getreide, Honig und Ahornsirup, Kaffee und Tee, Gewürze wie Safran und Chilipulver, Wein und bestimmte Obstsäfte werden in dem Bericht unter Berufung auf Informationen von Einzelhandels- und Branchenverbänden als besonders betrugsanfällig aufgelistet.

Billige Ersatzstoffe, falsches Gewicht, unerlaubter Logo-Einsatz

Dabei gehe es vor allem um den Austausch wichtiger Inhaltsstoffe durch billigeren Ersatz, die falsche Kennzeichnung einer Fleischart, falsche Gewichtsangaben, die fälschliche Auszeichnung als Bio-Lebensmittel, unerlaubte Herkunfts- oder Tierschutz-Logos oder auch darum, einen Zuchtfisch als edlen Wildfisch zu bezeichnen. Lebensmittelbetrug sei sehr lukrativ, die Gefahr, erwischt zu werden, hingegen gering.

Um den Betrügern unter den Lebensmittelherstellern das Handwerk zu legen, fordern Verbraucherschützer seit langem mehr Kontrollen, ein strengeres Regelwerk und empfindliche Strafen.

Neben dem betrügerischen Handeln einiger schwarzer Schafe gibt es noch eine Menge ganz legaler Tricks der Lebensmittelindustrie - die dem Konsumenten aber dennoch etwas vorgaukeln. Die gängigsten ganz legalen Tricks im Überblick - und wie man sie erkennt.

Aroma aus Sägespänen - wie Hersteller bei Geschmacksstoffen tricksen

Speise-Eis: Auch hier wird mit Aromen getrickst

Speise-Eis: Auch hier wird mit Aromen getrickst

Foto: DPA

"Ohne künstliche Aromastoffe" - wer diesen Hinweis auf der Packung liest, könnte auf die Idee kommen, ein ganz natürliches Produkt zu kaufen. Bei einem Eis am Stil beispielsweise gefrorenen Fruchtsaft nur mit Zucker. Doch weit gefehlt. Die Angabe "ohne künstliche Aromastoffe", wie sie viele Produzenten - auch Speiseeishersteller gerne nutzen - gibt nur an, dass keine künstlichen Stoffe verwandt wurden. Natürliche Zusatzstoffe können aber durchaus enthalten sein.

Wie natürlich er solche Aromastoffe einschätzt, muss jeder Verbraucher selbst wissen. So ist es beispielsweise gängige Praxis, Erdbeeraroma für Joghurts aus Sägespänen zu erzeugen. Das ist angesichts der hohen Flüchtigkeit echten Erdbeeraromas deutlich billiger als mehr der teuren Früchte beizufügen.

Welche Art von Aromen sie verwenden, müssen Hersteller nach der aktuellen Gesetzeslage nicht mehr angeben.

Verwirrspiel am Kühlregal - auf der Jagd nach dem echten Joghurt

Die Milch macht's: Die Tücken bei Joghurt & Co.

Die Milch macht's: Die Tücken bei Joghurt & Co.

Foto: Daniel Roland/ AP

Angesichts reich gefüllter Kühlregale ist am Kühlregal oft wenig Zeit, genauer hinzusehen, was viele Hersteller gerne auszunutzen. Was - rein rechtlich - in den einzelnen Produkten wirklich enthalten sein darf, wissen allerdings auch nur die wenigsten. Hier ein kleiner Überblick:

Joghurt, - von von fettarmem bis Sahnejoghurt - darf nach der Fermentation nicht wärmebehandelt sein. Ansonsten darf er nur unter der Bezeichnung Joghurterzeugnis firmieren.

Auch bei Fruchtjoghurt gibt es Finessen, derer sich die meisten Kunden wohl nicht bewusst sind. "Fruchtjoghurt" oder "Joghurt mit Früchten" dürfen sich nur Milcherzeugnisse nennen, die mindestens 6 Prozent (bei besonders geschmacksintensiven Früchten mindestens 2 Prozent) Frucht enthalten. Sind es noch mindestens 3,5 Prozent (beziehungsweise 1,5 Prozent) ist noch die Bezeichnung "Joghurt mit Fruchtzubereitung" drin. Sind es weniger als 3,5 Prozent darf das Produkt nur noch "Joghurt mit Fruchtgeschmack" heißen.

Weniger Zucker - aber fast ebenso viele Kalorien

Diätversprechen, das zu hohe Erwartungen erzeugt: Weniger Zucker heißt noch lange nicht weniger Kalorien

Diätversprechen, das zu hohe Erwartungen erzeugt: Weniger Zucker heißt noch lange nicht weniger Kalorien

Foto: Kellogg´s

Knusprige Frühstücksflocken oder heißer Kakao - nicht nur Kinder haben es gerne süß. Zuckereduzierte Produkte scheinen hier eine gute Lösung -schließlich suggerieren sie, weniger dick zu machen.

Doch das ist häufig ein Trugschluss, wie die Verbraucherschützer warnen. Bei vielen Produkten wie Cerealien oder Kakaopulver ist der Kaloriengehalt nur minimal geringer - schließlich wird Zucker ja durch andere kalorienhaltige Stoffe ersetzt. Wer wirklich Kalorien sparen will, sollte also genau auf die Nährwerttabelle schauen - oder gleich zu gesünderen und kalorienärmeren Alkternativen greifen.

Alles Käse: Was vom Naturprodukt übrig blieb

Natürlich künstlich: Wer hier Natur pur erwartet, ist schief gewickelt

Natürlich künstlich: Wer hier Natur pur erwartet, ist schief gewickelt

Foto: Andechser Natur

Bei drei Mal "Natur", einmal "Bio" und einer Ziege auf dem Deckel drängt sich nicht gerade die Erwartung auf, statt echtem Käse eine hochverarbeitete Schmelzkäsezubereitung im Becher zu haben. Und auch Käse, der zwar von außen wie vom Laib geschnittener Käse aussieht, muss in deutschen Kühlregalen kein echter Käse sein, sondern kann auch formgepresste Schmelzkäsezubereitung sein.

Entscheiden ist, was draufsteht - manchmal auch nur auf der Rückseite. Bezeichnungen wie Käsecreme sollten Menschen, die es gerne natürlich haben, jedoch aufhorchen lassen.

Ohne - ist nicht immer wirklich ohne

"Ohne

Gummibärchen: Die Bezeichnung "ohne Fett" auf der Packung verwandelt die Bären nicht zum Schlankmacher - statt Fett enthalten sie reichlich Zucker

Gummibärchen: Die Bezeichnung "ohne Fett" auf der Packung verwandelt die Bären nicht zum Schlankmacher - statt Fett enthalten sie reichlich Zucker

Foto: DPA

"Ohne Farbstoffe", "ohne Konservierungsstoffe" oder "ohne Zusatzstoff Geschmacksverstärker" - solche Botschaften ziehen bei Verbrauchern. Schließlich wecken sie den Eindruck ein möglichst natürliches Produkt in den Händen zu halten.

Doch nicht selten erzielen die Hersteller die gewünschte Wirkung mit einem anderen Zusatzstoff, der lediglich rechtlich unter eine andere Kategorie fällt. So wird laut Verbraucherschützern statt offiziell so titulierten Geschmacksverstärkern oft Hefeextrakt verwendet. Und auch beim Kirschjoghurt "ohne Farbstoffe" stammt die Farbe nicht notwendigerweise nur von den Früchten. Hier hilft oft rote-Bete-Saft.

Die "Ohne"-Kennzeichnungen werden manchmal aber sogar verwendet, wenn entsprechende Nähr- oder Zusatzstoffe eigentlich gar nicht im entsprechenden Produkt vorkommen. Fettfreie Gummibärchen beispielsweise haben nicht wirklich Neuigkeitswert.

Luftnummer bei Schokohasen

Foto: Lindt

Doppelter Boden: Einige Verpackungen versprechen mehr als sie halten. So stehen beispielsweise Goldhasen der Firma Lindt zum Teil auf einem Podest, das sie größer wirken lässt als sie tatsächlich sind. Rechtlich ist das ok - bis zu 30 Prozent Differenz sind zulässig, bei Luxusartikeln wie Pralinen darf die Luftnummer zum Ärger der Verbraucherschützer sogar noch größer ausfallen.

Mehr Schein als Sein bei Sahnesaucen

Foto: Knorr

Mehr Schein als Sein: Reichlich Speck auf dem Teller, eine Kanne sahniger Sauce und im Hintergrund sogar noch ein dickes Stück durchwachser Speck - dass in dem Fertiggericht tatsächlich verhältnismäßig wenig Fleisch enthalten ist, drängt sich bei dieser Verpackung nicht wirklich auf.

Ein Trick, der weit verbreitet ist. Dass in den Nusspralinen nur Aroma ist und der Asia-Enten-Nudelsnack nie in Berührung mit einem echten Federvieh gekommen ist, lässt sich am besten durch einen Blick auf die Zutatenliste klären. Fehlt hier eine Mengenangabe, ist das Produkt in der Regel zu weniger als 2 Prozent enthalten.

Pseudo-Regionalität: Orangensaft aus dem hohen Norden

Vermeintliche Nähe: Regionalität zieht bei den Verbrauchern - das haben auch Handel und Lebensmittelkonzerne längst gelernt. Bei Orangensaft aus dem Norden wird man dann aber doch stutzig. Auch die "Alpenmilch" kann schon mal aus Schleswig Holstein kommen. Dabei sollten Produkte aus der Region ein Gütezeichen sein: "Es ist eben nicht egal, ob Erdbeermark aus China oder anderswo herkommt", sagt Verbraucherschützer Gerd Billen.

Warum Schwarzwälder Schinken aus Holland stammen darf

Foto: DPA

Ungeklärte Herkunft: Wer Schwarzwälder Schinken kauft, kann Fleisch von dänischen oder niederländischen Schweinen im Einkaufskorb haben. Schwarzwälder Schinken als geschützte geographische Angabe bedeutet lediglich, dass mindestens eine der Produktionsstufen - Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung - im genannten geografischen Gebiet stattfinden muss.

Verschnittener Honig, Eier unter deutschem Label

Foto: Jens Büttner/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Buntes Potpourri: Auch bei Honig, der scheinbar direkt vom Imker stammt, ist die Herkunft nicht unbedingt klar. Manchmal wird Honig aus verschiedenen Ländern verschnitten - wer es genau wissen will, sollte aufs Kleingedruckte schauen.

Auch bei Eiern lohnt sich der genaue Blick auf den Stempelabdruck auf dem Ei - dass ausländische Eier unter dem Namen deutscher Höfe verkauft werden, ist nichts Ungewöhnliches.

Kalbswiener vom Schwein - alles zulässig

Foto: Getty Images

Kalbswurst mit Ringelschwanz: Kalbswiener, die hauptsächlich aus Schweinefleisch bestehen, Gänselberpaté mit vier Mal soviel Schwein wie Gans und Rehpastete mit mehr Schwein als Reh - alles zulässig. Wer wissen will, welches Tier er isst, sollte einen Blick aufs Kleingedruckte werfen, rät der Bund der Verbraucherschützer.

Vollmilchschokolade aus Magermilchpulver

Foto: BENOIT TESSIER/ REUTERS

Leere Versprechungen: Wer Vollmilchschokolade kauft, kann nicht davon ausgehen, dass dafür echte Vollmich verwendet wurde. Laut Kakaoverordnung darf Vollmilch-Schokolade statt Vollmilch auch Magermilchpulver als Zutat enthalten. Am Ende muss nur der Milchfettanteil stimmen.

Grüne Oliven im schwarzen Tarnkleid

Foto: DPA

Natürlich künstlich: Wer schwarze Oliven fertig verpackt kauft, kann nicht davon ausgehen, dass er natürlich gereifte Früchte bekommt. Häufig sind es noch nicht ausgereifte grüne Oliven, die mit Zusatzstoffen wie Eisen-II-Gluconat (E579) oder Eisen-II-Lactat (E585) gefärbt sind. Wer wissen will, was er isst, muss nach diesen Zusatzstoffen schauen, die lebensmittelrechtlich nicht als Farbstoff, sondern als Stabilisator gelten.

mihec/dpa,afp
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