Mittwoch, 22. Mai 2019

Toskana Die besten neuen Weine

Weinverkostung: Die besten Tropfen der Toskana
Chianti Classico

2. Teil: Unterwegs zur Kathedrale des Weingenusses

Links und rechts an den 132 Kilometern der Staatsstrasse haben sich Städter und Zugereiste niedergelassen, als Anfang der siebziger Jahre die Landflucht einsetzte, weil die Bauern - zwar ab 1962 von der Mezzadria, der Halbpacht, befreit - nicht die Mittel hatten, die Häuser und Höfe zu kaufen, die sie im Auftrag ihrer Besitzer gegen die Hälfte des Ertrags bewirtschaftet hatten. Dieses Pachtsystem hatte die Landschaft über Jahrhunderte geprägt: Einzelne Gutshöfe, meist auf einem Hügel, inmitten der dazugehörenden Landwirtschaftsflächen. Einmalig und schön für das Auge.

Die Schätzungen, wie viele Fremde, vorwiegend aus Deutschland und der Schweiz, davon profitiert und sich in der Gegend eingekauft haben, gehen auseinander. Sicher ist, dass es mehrere Tausend sind, die ein Ferienhaus besitzen, ein Agriturismo, eine Fattoria mit oder ohne Weinbau betreiben. Das hatte positive Seiten: Häuser wurden vor dem Verfall bewahrt und mit großem Aufwand renoviert.

Dafür wurden qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht, das Handwerk lebte wieder auf. Verwilderte Olivenhaine wurden wieder kultiviert und der Weinbau, der bis dahin seine Erzeugnisse in bastumwickelte bauchige Fiascos abgefüllt hatte, erlebte dank reichen Seiteneinsteigern aus der Industrie und andern Branchen einen gründlichen Neubeginn.

Im Gegensatz zu traditionellen Weingebieten, wie etwa dem Piemont, kamen diese Neuwinzer allerdings nicht ohne geschulte Önologen oder Berater aus. Das kam den Weinen zugute, denn der historische Chianti war, bis auf wenige Ausnahmen, säuerlich, dünn, blaß und hatte eine fatale Neigung zur schnellen Oxidation.

Mit der neuen Lust am Wein entwickelte sich der Enotourismus, der neue Trattorien, Restaurants und Hotels mit sich brachte. Aber auch Nachteile: Über zehn Millionen Touristen, die sich in den Sommermonaten, meist mit einem Minimum an Bekleidung, im direkten Hautkontakt durch Kirchen, Galerien und rustikale Dörfer schieben.

Heute scheint sich zu rächen, dass während des Weinbooms, als viele dachten, die Preise würden weiterhin nur steigen und die ohnehin sehr günstigen Zinsen noch weiter fallen, mit vollen Händen investiert wurde in chromstahlblitzende neue Kelleranlagen, in tief in die Erde gebaute Barriquelager und edle Probierräume. Es gibt viele Weingüter in der Toskana, die auf vollgefüllten Kellern mit älteren Jahrgängen sitzen und allergrößte Mühe haben, die monatlichen Zinsen für ihre Keller-Darlehen zu tilgen. Makler sind unterwegs. Gerüchte über Verkäufe machen die Runde, neue Besitzer aus China, Russland, Korea werden vermeldet.

Ganz gegen diesen Trend macht das Haus Marchesi Antinori mit einem Paukenschlag auf sich aufmerksam. An der Autostrada nach Siena, knappe 25 Minuten außehalb von Florenz, Ausfahrt Bagino, sind am Hügel links horizontal zwei große Schlitze zu sehen. Wenn demnächst die Reben darüber grün sind, ist von der neuen Riesenkellerei fast nichts mehr zu sehen. Deutlich mehr als 120 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren in den Hügel verbaut für eine imposante Wein-Kathedrale unter der Erde.

Sie ist auch für den Publikumsverkehr geöffnet - und es lohnt sich: In klaren Formen und Linien, vollverkleidet mit den für die Gegen typischen rotbraunen Tonplatten, öffnen sich dem Besucher drei Hallen hintereinander mit drei Stockwerken übereinander. Die Weintrauben kommen oben an, der Most fließt während der Verarbeitung bis in die Barriques nach unten. Schonende Schwerkraft anstelle von Pumpen, die den Wein unnötig stressen.

Ansonsten Glas, vorgerosteter Stahl. Ein Auditorium, Bibliothek, ein Museum, Verkaufsräume und ein Restaurant komplettieren den Keller. Einziger Kritikpunkt ist das sehr unsensible, meistens blendende Licht - bei diesem Aufwand hätte eine perfekte Lichtplanung dazugehören müssen. Übrigens: Kurz vor der Kellerei fährt man an der Trattoria del Pesce vorbei: sehr zu empfehlen!

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