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Damenwahl: Frauen, die Zigarren rauchen

Zigarrenclubs für Frauen Qualm für die Seele

Die Welt der Zigarren ist nicht nur Männern vorbehalten. In Raucherclubs und Lounges zelebrieren Frauen das Schmauchen und Paffen. Ganz unter sich diskutieren sie den Geschmack der Zigarren, stellen politische und wirtschaftliche Fragen und feiern den stilvollen Gesellschaftsklatsch.
Von Gudrun Weitzenbürger

Biel - Die Raucherlounge in einem kleinen Restaurant im schweizerischen Biel: Zehn zierliche Frauen sitzen in schweren, ledernen Armsesseln, scheinen beinahe in dem blassen Licht des niedrigen Raumes mit dem Interieur zu verschmelzen, wenn da nicht die Rauchwolken und Nebelringe wären, die jede in einem mäßigen zeitlichen Abstand in die Luft bläst und denen sie manchmal gedankenverloren hinterher schauen, manchmal mit einem Ausdruck der Anerkennung bedenken.

Zigarrenclubs sind nicht mehr nur männlich besetzt, auch Frauen drängen in die so genannte "Gentleman Industry" und schätzen den herben Geschmack einer dicken Zigarre. "Nach einem guten Essen wähle ich meine Zigarre danach, wie ich mich an dem Tag fühle", sagt Patricia Leisi aus Solothurn in der Schweiz.

Leisi ist eine Aficionada und raucht, wenn sie Zeit und Muße hat, sich ein geeigneter Ort findet und sie in angenehmer Gesellschaft ist. Die Schweizerin ist Mitglied im "Ladies Cigar Club", der einmal im Monat zumeist in Biel, aber auch in Genf oder Zürich in den Raucherlounges von Hotels oder Restaurants zusammenkommt und deren Mitglieder ausschließlich Frauen sind.

"Wir reden über eine Zigarre, die neu auf den Markt kommt, über das Accessoire beim Zigarre rauchen", sagt Patricia Leisi, deren derzeitige Lieblingszigarre die honduranische Vegafina ist. Die Treffen sind immer gut vorbereitet und dank der Kontakte der Gründerin Therese Rihs, die in Biel und Solothurn einen Tabakladen betreibt, immer auch ein wenig spektakulär.

Die Zigarre als Ausdruck der Emanzipation

So haben die rauchenden Frauen die Zigarrenmanufaktur Villiger in Pfeffikon in der Schweiz besichtigt, sind auf dem Schiff des Zigarrenmoguls Davidoff auf dem Zürichsee geschippert und - ein Höhepunkt im Jahr - besichtigen auf eigene Faust und Kosten während des alljährlichen Festivals Tabakplantagen in der Dominikanischen Republik.

Frauen haben schon lange den Männern das Vorrecht auf Zigarren streitig gemacht - und das auffällige Genussmittel gezielt zur Provokation eingesetzt. Die Schriftstellerin George Sand, mit dem Musiker und Komponisten Frédéric Chopin verbandelt, war im ausgehenden 19. Jahrhundert wohl eine der ersten Frauen, die öffentlich Zigarre geraucht hat (und Männerhosen trug). Frauen nahmen in der Geschichte auch immer wieder die Zigarre als politisches Instrument her, um ihre Emanzipation auszudrücken. Die Frauenrechtlerin Luise Hoche mit ihrem "Club Emanzipierter Frauen" in Berlin, die rauchende Gangsterbraut Bonnie Parker aus dem Film 'Bonnie und Clyde' oder heute die Pop-Ikone Madonna genauso wie das Model Linda Evangelista.

Der Zigarre haftete lange Zeit die Symbolik der Freiheit und männlicher Macht an. Warum sollten Frauen sich die nicht zu Eigen machen? Jutta Allmendinger, die Femme Fatale der Wissenschaften und derzeitige Direktorin des Wissenschaftlichen Instituts Berlin für Soziologie, rief einmal dazu auf: "Frauen, lernt Zigarre rauchen und setzt euch zu den Männern!"

Die Zigarrenliebhaberin Kirsten Adamik sagt: "Ich bringe Frauen zusammen, die Zigarre rauchen wollen." In Berlin gibt es derzeit bereits zwei Clubs, den "Ladies Cigar Club Berlin" und die "Chicas fumadas".

Zigarre rauchende Frauen ziehen Zuschauer an

Adamik möchte Frauen deutschlandweit zusammenbringen und die vielen kleinen, verborgenen Zusammenkünfte in Clubs organisieren. Wenn auch der Genuss im Vordergrund steht - Zigarre rauchende Frauen setzen doch immer noch ein Zeichen gewonnener Freiheit. Dies wird heute bisweilen noch zwiespältig wahrgenommen. So ist der Anblick von zehn Zigarre rauchenden Frauen in einem Cafégarten für viele immer wieder Anlass zu schmunzeln und zu staunen. "Wenn wir uns im Sommer im Freien treffen", erzählt Patricia Leisi, "gibt es neugierige Zuschauer. Manche trauen sich und stellen dann Fragen zu dem, was wir da tun."

Politische Ambitionen jedoch haben sie keine. Das beteuert die Gründerin des Ladies Cigar Club Therese Rihs. Die Mitglieder des Clubs sind auch sehr unterschiedlich: die Topmanagerin ist genauso vertreten wie die Inhaberin eines Nagelstudios. Allen gemein ist die Vorliebe für derbe Geschmäcker. Die Zigarre ist eine Mutprobe für die Geschmacksnerven im Mund und in der Nase. "Der Rauch wird nicht inhaliert", sagt Rihs, "er wird im Mund zirkuliert. So kühlt er ab und wird dann förmlich geschmaucht."

Rihs holt ihre Zigarren aus dem Humidor. In dem Hightech-Holzkästchen bleiben die Zigarren optimal feucht. Mit dem Cutter schneidet sie das Kopfende auf. Dann raucht sie mit viel Zeit und Muße eine Zigarre. Gerade erst ist sie mit einer Delegation von vier Frauen von einer Entdeckungsfahrt auf Tabakplantagen in der Dominikanischen Republik zurückgekehrt. Bis Ende Februar wachsen die Tabakblätter in dem feuchtwarmen Klima auf ihre endgültige Größe und die ersten hängen jetzt zum Trocknen im Holzschuppen. Das ist die Zeit, um daran zu riechen und die besten Aromen zu erkennen.

Ein guter Zigarrenroller braucht zehn Minuten pro Stück

Die bekannteste Produzentin honduranischer Zigarren, Maya Selva, sagt schlicht: "Die Zigarre ist ein landwirtschaftliches Produkt". Das Unternehmen Maya Selva Cigars führt sie von Paris aus, lebt aber ein paar Monate im Jahr in Honduras und Nicaragua, wo sie Tabakpflanzen anbaut.

Für das Rollen einer Zigarre braucht ein erfahrener Torcedor, ein Zigarrenroller, etwa zehn Minuten - dem gehen aber bis zu 30 Monate sorgfältige Pflege auf dem Feld und handwerkliche Arbeit mit den Tabakblättern voraus. Maya Selva hat sich "in den Tabak verliebt" und produziert und vertreibt seit knapp zwanzig Jahren erfolgreich Premiumzigarren unter dem Label Flor de Selva. So elegant das Ambiente, so vornehm die Diskretion: Über Umsätze wird nicht geredet. Ihre Zigarren allerdings gehören zu den Topmarken.

Die meisten importierten Zigarren jedoch kommen nach wie vor aus Kuba. Der Name für die kubanische Zigarre, Habanos, lässt auf den Stolz der Anbauer schließen. Die Insel hat nicht nur das beste Klima für die empfindlichen Blätter, sondern auch die erfahrensten Landwirte und Tabakexperten. Kuba liefert Saatgut für den Anbau von Tabakpflanzen auch in benachbarten Ländern wie Honduras, Brasilien und die Dominikanische Republik.

"Es gibt mehr als 30 Habanos in rund 200 verschiedenen Formaten", sagt Christoph Puszkar, Marketingleiter von 5thAvenue, dem Importeur von kubanischen Zigarren in Waldshut. "Die ausgewählten sind die Longfiller", erklärt Puszkar. Das sind Zigarren, die im Innern aus ganzen Blättern und nicht aus Blattschnipseln gemacht werden. "Von 100 Millionen in Deutschland verkauften Zigarren sind nur 15 Millionen Longfiller", weist Puszkar auf die Besonderheiten hin.

40 Zigarren für 15.000 Euro

Kuba exportiert rund 260 Millionen Zigarren jährlich in alle Welt. Das Geschäft mit der Zigarre ist so wichtig für die kubanische Wirtschaft, dass ausgerechnet das Gesundheitsministerium Kubas jedes Jahr im Frühjahr ein Zigarrenfestival ausrichtet, zu dem auch viel Prominenz eingeladen wird. Jüngst haben die staatlichen, kommunistischen Gesundheitsauguren wieder mehr als eine Million Dollar bei der Versteigerung von sechs Humidoren mit jeweils zwischen 350 bis 550 Zigarren eingenommen. Dass Frauen wie Männer sich dabei die Gesundheit ruinieren können, scheint im Ministerium keine Rolle zu spielen.

Christoph Puszkar hat sich an die wenigen Frauen im von Männern beherrschten Zigarrenumfeld gewöhnt und kann nichts Abträgliches an einer Frau mit Zigarre finden. "Männer finden Frauen, die Zigarre rauchen, oft sogar erotisch", sagt Puszkar. Seinem Geschäft jedenfalls tut es gut. Während eine Zigarre im mittleren Preissegment rund 25 Euro kostet, zahlt ein echter Aficionado auch gerne etwas mehr. Die größte, dem Zigarrenmanager bekannte Summe gab ein Sammler für 40 Zigarren aus, die 15.000 Euro kosteten. "Es sind oftmals Vintage Sammler in Großbritannien, die bis zu 30 Jahre alte Zigarren sammeln", sagt Puszkar.

Frauen sammeln weniger, rauchen auch seltener und möchten die Zigarre inszenieren und genießen. Patricia Leisi liebt die Gesellschaft bei ihrem monatlichen Treffen im Ladies Cigar Club:"Wenn ich den Humidor öffne, an der Zigarre rieche, die Spitze kappe - dann geht mir das Herz auf."

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