Samstag, 14. Dezember 2019

Achtsames Essen Ein Stück Schokolaaaade

Plädoyer für den Genuss: Keine Schokolade ist auch keine Lösung, findet der Ernährungswissenschaftler Per Brændgaard

4. Teil: Fokussierung auf den Genuss

Frage: Warum essen wir zu viel?

Brændgaard: Einer der wichtigsten Gründe dafür ist, dass wir keinen Kontakt zu unserem Hunger haben. Sämtliche Diäten versprechen, dass man keinen Hunger verspürt. Doch wenn man den Hunger nicht spürt, dann kann man das Essen auch nicht genießen. Alle Übergewichtigen sagen aber übereinstimmend: Ich liiiebe Essen.

Frage: Wenn man also sehr hungrig ist, dann isst man … weniger?

Brændgaard:Ja, tatsächlich. Wenn man dabei gleichzeitig die Essgeschwindigkeit drosselt und lernt, das Essen zu genießen. Das Begehren muss durch Genuss ersetzt werden. Das geht zum Beispiel auch mit einer Tafel Ritter Sport. Beim Versuch, sie ernsthaft zu genießen, kann es durchaus vorkommen, dass man herausfindet, dass man sie eigentlich nicht mag. Genauso gut kann es sein, dass sie einem schmeckt. Vielleicht nicht zu viel davon. Ein Bissen. Genau so oder so viel. Sie sind ständiger Kritiker und Richter.

Frage: Man könnte also auch eine Haribo- Meditation machen?

Brændgaard: Ja! Wir versuchten in einem Seminar tatsächlich die Teilnehmer zu überreden, zwei Kilo Süßigkeiten zu essen, um zu merken, wie gut es ihnen danach geht - oft essen wir zu viel, weil damit der Stress sofort weg ist. Gleichzeitig würden sie ein schreckliches Völlegfühl spüren. Der Bauchhunger ist total fertig. Sie sind leider nicht darauf eingestiegen.

Wir mussten es aufgeben. Das war ein merkwürdiges Erlebnis. Zu Hause, da hauen sie dann wieder rein.

Frage: Warum ist es so wichtig, durch und durch hungrig zu sein?

Brændgaard: Hunger signalisiert, dass wir Essen müssen und der Körper bereit ist, es zu genießen. Der Genuss ist das Erleben eines Wohlgefühls. Der abnehmende Hunger von einem relativ hohen Hungergefühl ausgehend, macht beim Essen den großen Genuss aus. Die Lust ist dagegen das Begehren nach Essen. Wir müssen auf irgendeine Weise weniger Lust und mehr Genuss haben. Das erreichen wir nicht durch Entsagung der Lust, sondern durch stärkere Fokussierung auf den Genuss. Konzentrieren wir uns auf den Genuss, nimmt die Lust ab.

Frage: Das klingt ja eigentlich sehr toll …

Brændgaard: Ja, nicht? Alles dreht sich darum, den Genuss zu maximieren. Eine Freundin von mir schimpft mich einen Genussfaschisten! Aber es funktioniert. Erlebt man den Genuss immer intensiver, beginnt man langsam, schlechte Ernährung zu vermeiden. Man wartet einfach darauf, bis ein wahres Stück Torte auftaucht. Eins, das sich richtig genießen lässt.

Dieses Interview wurde geführt, während mit Achtsamkeit im Restaurant Sult des Dänischen Filminstituts in der Vognmagergade 8B, Kopenhagen gespeist wurde. Deshalb wurde es sofort - und genüüüüsslich - mit einem altmodischen Kugelschreiber festgehalten. Alles ist frei nach den Notizen zitiert. Während des Interviews wurden ein Thunfischsandwich und ein Rib-Eye-Steak mit Beilagen verzehrt und drei Flaschen Mineralwasser getrunken. Effilees Entsandter hatte noch eine Crème brûlée und einen Cortado zum Dessert. Per Brændgaard hatte kein Dessert. Er hatte keine Lust.

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