Samstag, 7. Dezember 2019

Achtsames Essen Ein Stück Schokolaaaade

Plädoyer für den Genuss: Keine Schokolade ist auch keine Lösung, findet der Ernährungswissenschaftler Per Brændgaard

3. Teil: Richtig essen üben mit der Kaffee-und-Kuchen-Meditation

Frage: Könnten Sie näher auf Ihre "kleinen Schritte" eingehen?

Brændgaard: Veränderungen müssen vom jeweils Einzelnen als klein empfunden werden. Das ist wiederum subjektiv. Veränderungen müssen als unbedeutend und leicht verschmerzbar empfunden werden. Sagen wir, Sie haben die Gewohnheit, sich zum Frühstück zwei Scheiben Brot mit Butter zu schmieren, es würde Ihnen aber nicht viel ausmachen, darauf zu verzichten, das wäre dann eine kleine Veränderung mit sehr großer Wirkung.

Frage: Wie groß?

Brændgaard: Genau dieses Beispiel würde rein rechnerisch tatsächlich eine Gewichtsabnahme von sechs bis sieben Kilo über ein Jahr bedeuten, vorausgesetzt Sie nehmen keine anderen Änderungen Ihrer Ess- und Bewegungsgewohnheiten vor.

Frage: Warum ist es wichtig, nicht das wegzulassen, was man gerne mag?

Brændgaard: Weil wir das Bedürfnis haben, die Befriedigung zu genießen, die wir durch Essen und Trinken erfahren. Wenn wir keinen Genuss erleben, setzt das Carving ein. Und dann essen wir zu viel. Man hat begonnen, das Verlangen nicht mehr als etwas rein Negatives aufzufassen. Auch in der Behandlung von Drogenabhängigen versteht man heute das Substanzverlangen nicht mehr nur als etwas Schlechtes.

Frage: Kann man denn Essen mit Drogen vergleichen?

Brændgaard: In bestimmter Weise schon. Wir leben in einer Welt, in der wir zunehmend mehr Stress ausgesetzt sind und in der rund um uns Fett und zuckerhaltiges Essen in Hülle und Fülle vorhanden ist. Der psychische Hunger, wie wir ihn in dem Buch bezeichnen, lässt sich ständig mit Essen stillen, weil Essen so leicht zugänglich ist. Der Drogenkranke befindet sich in der gleichen Situation, nur dass er in einer Welt lebt, in der ein Schuss leicht zu haben ist. Das große Problem mit Drogen ist ja - genauso wie mit dem übermäßigen Essen -, dass es tatsächlich funktioniert. Es nimmt den Stress von uns. Dem Drogenkranken geht es besser mit seinem Stoff. Es ist bloß nicht gesund.

Frage: Was sollten wir also tun, anstatt zu McDonald's zu fahren?

Brændgaard: Aber wir brauchen doch gar nicht mit etwas aufhören. Man kann genau das essen, worauf man Lust hat. Das soll man wirklich. Wir müssen nur die Art und Weise ändern, wie wir es tun, wie wir es gewohnt sind. Ich halte demnächst eine zweitägige Klausur zum Thema mindful eating ab. Die Teilnehmer erlernen unter anderem eine Apfelmeditation.

Dabei lernen sie, wie man einen Apfel isst und dabei nach allen Seiten hin ganz aufmerksam ist. Auf Duft, Farben, Geschmack, aber auch auf Geräusche achtet. Das Gefühl im Mund. Das Gleiche machen wir mit Schokolade. Am Nachmittag gibt es sogar eine Kaffee-und-Kuchen-Meditation. Es gibt auch eine Buffet-Meditation. Dabei kann man mit den beiden Arten von Hunger arbeiten. Hat man Hunger auf eine bestimmte Menge Essen oder hat man Hunger auf ein bestimmtes Gericht? Wir bringen den Leuten bei, nach der Symphonie- Methode zu essen.

Frage: Symphonie-Methode? Also wie in der Musik?

Brændgaard: Ja, der Bauchhunger ist der Dirigent und bestimmt, wie lange die Symphonie - die Mahlzeit - dauern soll. Der Sinneshunger sind die Solisten. Die müssen zusammenspielen. Wir haben keine Lust, ständig die erste Violine zu hören. Es geht darum, etwas von allem zu kosten. Plötzlich wird einer Kartoffel oder einem Rosenkohl ein Solo überlassen und man nimmt sie mit allen Sinnen wahr. Schmecken, riechen, sehen.

Frage: Sitzt man dabei in der Stille und starrt auf sein Essen?

Brændgaard: Nicht nur, aber auch. Viele freuen sich über Ruhe am Tisch wie zu alten Zeiten. Es ist eine Wohltat, in Ruhe essen zu können. Aber eigentlich braucht man bloß kleine Kinder beobachten, falls man welche hat. Und so essen wie sie. Kleine Kinder interessieren sich unglaublich stark für ihr Essen, genießen es intensiv und essen tatsächlich still. Isst man auswärts, ist das natürlich schwieriger. Dann muss man versuchen, sich zu konzentrieren. Ich praktiziere zum Beispiel etwas, was ich passives Hören nenne. Es geht darum, sich darauf zu konzentrieren, mit Achtsamkeit zu essen. Man antwortet ausschließlich mit Ja und Nein, außer es wird etwas wirklich Interessantes gesagt. Es geht nicht darum, das Gespräch zu verweigern, sondern sich während des Essens auf das Essen zu konzentrieren. Und es geht darum, mit dem Essen aufzuhören, wenn der Bauchhunger sagt, dass man satt ist.

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