Fotostrecke

Weinempfehlungen: Die Franciacorta in fünf Kategorien

Weine aus der Franciacorta Italiens prickelndste Region

Die italienische Region Franciacorta gilt zu Recht als die Champagne Italiens. Hier wie dort entstehen aus den gleichen Rebsorten edle Schaumweine in aufwendiger Flaschengärung. mmo-Autor Christian Wenger hat sie getestet - und Weinempfehlungen in fünf Kategorien zusammengestellt.
Von Christian Wenger

Die Champagnerproduzenten hören es nicht gerne, wenn die Franciacorta als "Kleine" oder "Italienische Champagne" bezeichnet wird. Dabei brauchen sie sich nicht wirklich zu fürchten: knapp elf Millionen Flaschen Franciacorta gegen 323 Millionen Flaschen Champagner; kurze 50 Jahre gegen mehr als 300 Jahre Tradition, Erfahrung, Ruhm und Prestige.

Im geografisch klar abgegrenzten Gebiet gleichen Namens zwischen Bergamo, Brescia und dem Lago d'Iseo werden Schaumweine dieses Namens nach strengen Ertragsbegrenzungen und wie Champagner ausschließlich in Flaschengärung erzeugt. Dabei setzt ein trockener Stillwein, der mit etwas Hefe und Zucker in eine stabile Flasche eingesperrt wird, nach kurzer Zeit zur zweiten Gärung an. Dabei wird der Zucker restlos in Kohlendioxid verwandelt - weil dieses nicht entweichen kann, entstehen fünf bis sieben Bar Druck.

"Die Italiener lieben die feinen Bläschen im Glas, aber wenn sie jemanden beeindrucken wollen, bestellen sie Champagner. Nur Kenner wissen, welche exquisiten Weine wir hier herstellen." Maurizio Zanella sagt das etwas gequält - aber lächelt dabei.

(Eine Übersicht der besten Weine der Franciacorta in fünf Kategorien finden Sie hier.)Er ist seit drei Jahren Präsident des Konsortiums des Franciacorta und Chef des Weinguts Ca' del Bosco. Es gehört zu jener Handvoll Weingüter, die technisch und ästhetisch an der Weltspitze stehen: Reben, Weine, Verarbeitung, Kellertechnik, Design und Architektur als Gesamtkunstwerk. So werden auf Ca' del Bosco sämtliche Kistchen mit den Trauben bei der Ankunft elektronisch erfasst und können über die gesamte Weiterverarbeitung verfolgt werden.

Strenge Regeln für die Bezeichnung

Bis zur Selektion der Traubenbeeren von Hand und der anschließenden Pressung lagern sie bei 11 Grad in gekühlten Boxen. Der empfindliche Traubenmost fließt dank Hubtanks über vier Etagen nur durch Schwerkraft und wird nicht durch elektrische Pumpen mehrfach malträtiert. Großformatige Fotokunst führt durch die blitzenden, penibel gepflegten Pressen, Edelstahltanks und dramatisch hinterleuchteten Holzfässer - so beeindruckend wie die Skulpturen auf den scheinbar mit der Nagelschere manikürten Rasenflächen rund um die Kellerei.

Landschaftlich haben Champagne und Franciacorta keine Gemeinsamkeiten außer sehr heterogenen Bodenformationen: Kalkböden in der Champagne, mineralische Moränenböden mit Lehm, Löss, Gips und Kalk in der Franciacorta. Und wo in der Champagne endlose Rebberge nur von kleinen Dörfern unterbrochen werden, befinden sich die Reben in der Francacorta größtenteils in einer dicht besiedelten Zone, in der reichlich Industrie zu Hause ist.

Dafür punktet die Franciacorta mit dem tiefblauen Lago d'Iseo, der zwar Touristen anlockt, aber längst nicht so überlaufen ist wie die anderen oberitalienischen Seen. Der See sorgt auch für ein Klima, das dem Wein außerordentlich bekommt. Die Rebsorten sind die gleichen wie in der Champagne: Chardonnay, Pinot noir und Pinot blanc.

Während in der Champagne die roten Traubensorten Pinot noir und Pinot Meunier mit über 60 Prozent dominieren, ist die Franciacorta mehrheitlich mit Chardonnay bepflanzt. Wie in der Champagne, dürfen auch in der Franciacorta nur Weine, die in Flaschengärung nach der "metodo classico" oder "metodo tradizionale", im genau definierten Gebiet entstanden sind, diesen Namen tragen.

Das Know-How kam aus der Champagne

Identisch sind die Handarbeit in den Reben, die Herstellungsmethode und die Verarbeitung. Die Vorschriften zu Höchsterträgen und Lagerdauer sind in der Franciacorta sogar strenger. Die inzwischen 106 Produzenten und 83 Traubenlieferanten, die auf 2800 Hektar die Reben kultivieren, haben 1995 die Bezeichnung Spumante aufgegeben und sich nach einigen Irrungen (Talento) auf den Namen Franciacorta geeinigt und den Status DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) erhalten, die oberste Qualitätsstufe in der italienischen Weinnomenklatur.

1961 soll Franco Ziliani, Önologe des bislang Stillweine produzierenden Hauses Guido Berlucchi, zum ersten Mal mit der zweiten Gärung experimentiert und die ersten 3000 Flaschen "Pinot di Franciacorta, Methode Champenoise" hergestellt haben. Das nötige Wissen brachte aus der Champagne mit, wo er bei Moët & Chandon gearbeitet hatte.

Wie Ca' del Bosco entstanden die meisten Franciacorta-Kellereien auf den Wochenend-Latifundien adliger und reicher Bresciani und Milanesi aus dem norditalienischen Industrie- und Speckgürtel - sozusagen als angenehmer und erfrischender Zeitvertreib. Prachtvolle Villen und Herrenhäuser hinter hohen Mauern oder auf Hügelkuppen mit Ausblick sind beredte Zeugen dieses Reichtums. Da die feinen Herrschaften ihre eigenen Köche mitbrachten, entwickelten sich Hotellerie und Gastronomie verzögert. Die ersten Touristen, die sich in Zelten und holländischen Wohnwagen an den Iseo-See vorwagten, legten auf Esskultur noch wenig Wert.

Heute gibt es viele Hotels am See, eine Weinstraße und zahlreiche gepflegte gastliche Häuser, in denen noch typische Gerichte aus der Region auf der Karte stehen: Manzo al Olio (Rinderbraten in Olivenöl), Tinca (Schleie) aus dem See oder Nudelspezialitäten in allen Varianten begleitet von Bagoss-Käse. Die stillen Weine, mit denen der Rebbau begonnen hatte, sind unaufgeregte, leichte, angenehm zu trinkende Weine. Sie heißen Curtefrancia und Sebino, sind aber außerhalb der Gegend kaum bekannt.

Die Italiener besinnen sich auf ihre eigenen Werte

Die Mächtigen der Region sitzen in Erbusco. Hier hat das Franciacorta Consorzio seinen Sitz, hier ist das Weingut des derzeitigen Präsidenten Maurizio Zanella und hier wohnt auch der Multi-Unternehmer Vittorio Moretti. Neben den Kellereien Bellavista und Contadi Castaldi gehören ihm ein weltweit tätiges Bauunternehmen, eine Schiffswerft, die Luxushotels L'Albereta und Andana in der Toskana und das Weingut Petra in der Maremma. Mit dem Zweisterne-Restaurant von Gualtiero Marchesi, der zu den besten Köchen der Welt gezählt wird, ist Erbusco auch das önogastronomische Zentrum der Franciacorta. Legendär ist Marchesis Safranrisotto mit Blattgold.

Auf den Hügeln von Erbusco spielen die Top-Produzenten der feinen Bollicine: Bellavista, Ca' del Bosco, Cavalleri, deren Schaumweine den Ruf der Franciacorta begründet haben. Die beiden ersten produzieren 20 Prozent der in 2011 insgesamt produzierten 11,6 Mio. Flaschen Franciacorta. Sozusagen in Sichtweite weitere Betriebe, die auch zu den besten gehören: Guido Berlucchi, Monte Rossa, Ferghettina, Mosnel, Ricci Curbastro.

Moretti positionierte seine Bellavista-Weine als erster an der Spitze der Qualitätspyramide und scheute auch nicht das bis dato dem Champagner vorbehaltene Preissegment der Edelcuvées und Jahrgangsweine. Giovanni Cavalleri und Maurizio Zanella folgten. 1985 kreierte Zanella den ersten Satèn, eine ausschließlich aus weißen Trauben erzeugte Variante des Franciacorta. "Satèn" bedeutet im Dialekt "seidig-samtig" und ist eine Folge des geringeren Drucks in der Flasche. Satèn ist immer ein "blanc de blancs", er wird ausschließlich aus weißen Trauben erzeugt.

In der Champagne gab es bis vor gut 20 Jahren auch eine solche Spezialität, berühmt war der Crémant aus dem Ort Cramant. Als die Namen bereinigt wurden und nur noch die Champagne dieses Wort verwenden durfte, wurde Crémant abgetreten als Bezeichnung für alle andern in Frankreich in der Flasche vergärten Weine.

Anders als bei der Gärung nur im großen Tank, wie bei Prosecco, einfachen Schaumweinen und Sekten üblich, bedeutet Flaschengärung aufwändige Handarbeit, lange Lagerzeiten mit hohen Kapitalkosten. In Flaschengärung entstehen Champagner, Crémants, Cava, Sparkling, Winzersekt und in Italien neben dem Franciacorta auch Altalanga und Trentodoc.

"Wir sind nicht besser als der Champagner, wir sind anders" sagt Maurizio Zanella und schmunzelt. Inzwischen trinken die Italiener jährlich deutlich mehr Franciacorta, als in Italien Champagner eingeführt wird: 10,52 Millionen Flaschen. Stolze 12 Prozent mehr als im Vorjahr.

Tipps: Bezugsquellen

Eine Übersicht über die besten Weine der Franciacorta in fünf Kategorien finden Sie hier. Franciacorta kauft man am besten direkt auf den Weingütern oder in der Cantine di Franciacorta (an der Stasse Rovereto-Iseo, vis-à-vis Einfahrt Ca'del Bosco), wo alle Marken erhältlich sind und wo man sich auch den handlichen GPS-Führer ausleihen kann, der über die Strada del Vino zu Villen, Abteien, Klöstern und allen Weingütern führt. Diese sind für das jährliche "Festival del Franciacorta" alle am Wochenende des 29. und 30. September geöffnet und bieten Spezialprogramme. Mehr dazu bei www.festivalfranciacorta.it .

Fotostrecke

Weinempfehlungen: Die Franciacorta in fünf Kategorien

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.