Mittwoch, 21. August 2019

Weine aus der Franciacorta Italiens prickelndste Region

2. Teil: Das Know-How kam aus der Champagne

Identisch sind die Handarbeit in den Reben, die Herstellungsmethode und die Verarbeitung. Die Vorschriften zu Höchsterträgen und Lagerdauer sind in der Franciacorta sogar strenger. Die inzwischen 106 Produzenten und 83 Traubenlieferanten, die auf 2800 Hektar die Reben kultivieren, haben 1995 die Bezeichnung Spumante aufgegeben und sich nach einigen Irrungen (Talento) auf den Namen Franciacorta geeinigt und den Status DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) erhalten, die oberste Qualitätsstufe in der italienischen Weinnomenklatur.

1961 soll Franco Ziliani, Önologe des bislang Stillweine produzierenden Hauses Guido Berlucchi, zum ersten Mal mit der zweiten Gärung experimentiert und die ersten 3000 Flaschen "Pinot di Franciacorta, Methode Champenoise" hergestellt haben. Das nötige Wissen brachte aus der Champagne mit, wo er bei Moët & Chandon gearbeitet hatte.

Wie Ca' del Bosco entstanden die meisten Franciacorta-Kellereien auf den Wochenend-Latifundien adliger und reicher Bresciani und Milanesi aus dem norditalienischen Industrie- und Speckgürtel - sozusagen als angenehmer und erfrischender Zeitvertreib. Prachtvolle Villen und Herrenhäuser hinter hohen Mauern oder auf Hügelkuppen mit Ausblick sind beredte Zeugen dieses Reichtums. Da die feinen Herrschaften ihre eigenen Köche mitbrachten, entwickelten sich Hotellerie und Gastronomie verzögert. Die ersten Touristen, die sich in Zelten und holländischen Wohnwagen an den Iseo-See vorwagten, legten auf Esskultur noch wenig Wert.

Heute gibt es viele Hotels am See, eine Weinstraße und zahlreiche gepflegte gastliche Häuser, in denen noch typische Gerichte aus der Region auf der Karte stehen: Manzo al Olio (Rinderbraten in Olivenöl), Tinca (Schleie) aus dem See oder Nudelspezialitäten in allen Varianten begleitet von Bagoss-Käse. Die stillen Weine, mit denen der Rebbau begonnen hatte, sind unaufgeregte, leichte, angenehm zu trinkende Weine. Sie heißen Curtefrancia und Sebino, sind aber außerhalb der Gegend kaum bekannt.

Die Italiener besinnen sich auf ihre eigenen Werte

Die Mächtigen der Region sitzen in Erbusco. Hier hat das Franciacorta Consorzio seinen Sitz, hier ist das Weingut des derzeitigen Präsidenten Maurizio Zanella und hier wohnt auch der Multi-Unternehmer Vittorio Moretti. Neben den Kellereien Bellavista und Contadi Castaldi gehören ihm ein weltweit tätiges Bauunternehmen, eine Schiffswerft, die Luxushotels L'Albereta und Andana in der Toskana und das Weingut Petra in der Maremma. Mit dem Zweisterne-Restaurant von Gualtiero Marchesi, der zu den besten Köchen der Welt gezählt wird, ist Erbusco auch das önogastronomische Zentrum der Franciacorta. Legendär ist Marchesis Safranrisotto mit Blattgold.

Auf den Hügeln von Erbusco spielen die Top-Produzenten der feinen Bollicine: Bellavista, Ca' del Bosco, Cavalleri, deren Schaumweine den Ruf der Franciacorta begründet haben. Die beiden ersten produzieren 20 Prozent der in 2011 insgesamt produzierten 11,6 Mio. Flaschen Franciacorta. Sozusagen in Sichtweite weitere Betriebe, die auch zu den besten gehören: Guido Berlucchi, Monte Rossa, Ferghettina, Mosnel, Ricci Curbastro.

Moretti positionierte seine Bellavista-Weine als erster an der Spitze der Qualitätspyramide und scheute auch nicht das bis dato dem Champagner vorbehaltene Preissegment der Edelcuvées und Jahrgangsweine. Giovanni Cavalleri und Maurizio Zanella folgten. 1985 kreierte Zanella den ersten Satèn, eine ausschließlich aus weißen Trauben erzeugte Variante des Franciacorta. "Satèn" bedeutet im Dialekt "seidig-samtig" und ist eine Folge des geringeren Drucks in der Flasche. Satèn ist immer ein "blanc de blancs", er wird ausschließlich aus weißen Trauben erzeugt.

In der Champagne gab es bis vor gut 20 Jahren auch eine solche Spezialität, berühmt war der Crémant aus dem Ort Cramant. Als die Namen bereinigt wurden und nur noch die Champagne dieses Wort verwenden durfte, wurde Crémant abgetreten als Bezeichnung für alle andern in Frankreich in der Flasche vergärten Weine.

Anders als bei der Gärung nur im großen Tank, wie bei Prosecco, einfachen Schaumweinen und Sekten üblich, bedeutet Flaschengärung aufwändige Handarbeit, lange Lagerzeiten mit hohen Kapitalkosten. In Flaschengärung entstehen Champagner, Crémants, Cava, Sparkling, Winzersekt und in Italien neben dem Franciacorta auch Altalanga und Trentodoc.

"Wir sind nicht besser als der Champagner, wir sind anders" sagt Maurizio Zanella und schmunzelt. Inzwischen trinken die Italiener jährlich deutlich mehr Franciacorta, als in Italien Champagner eingeführt wird: 10,52 Millionen Flaschen. Stolze 12 Prozent mehr als im Vorjahr.

Eine Übersicht über die besten Weine der Franciacorta in fünf Kategorien finden Sie hier.

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