Donnerstag, 14. November 2019

Taste Festival in Berlin Hass, gemischt mit Verlangen

Taste Festival Berlin: An den Grenzen des Geschmacks
Ayako Suwa / Illustrative

Zehn Tage Geschmacksparty: In Berlin treffen sich Künstler, Designer und Food-Stylisten zum "Taste Festival" und erkunden voller Spieltrieb die Schnittmenge zwischen Kunstgenuss und kulinarischen Freuden. Das nimmt mitunter seltsame Formen an, ist aber durchaus inspirierend.

Berlin - Der Weg ins Reich der Künstlerin Ayako Suwa führt über ein schmales, abgelegenes Treppenhaus. Nach vielen Stufen und Windungen landet man in einem alten Dachstuhl mit Fenstern, durch die auch an hellen Sommerabenden kaum Licht dringt. Als erstes fällt der Blick auf einen Tisch mit Tomaten, Paprikaschoten, Auberginen, Rhabarberstangen und Rüben, nach Farben sortiert und im Scheinwerferlicht angestrahlt. Das Werk sieht aus, als hätte ein Barock-Künstler die gesamte Gemüseabteilung eines Supermarkts zu einem Stillleben arrangiert.

Nebenan steht eine lange Tafel, weiß gedeckt, an der zwei Dutzend Menschen Platz nehmen. Ayako Suwa. erklärt vor dem ersten Gang die Regeln ihres Guerilla-Restaurants: Gegessen wird mit den Händen und, bitte, mit geschlossenen Augen. Ein geselliges Abendessen soll hier nicht stattfinden, sondern eine Dinner Performance.

Innerhalb der nächsten Stunde erfahren die Gäste, wie sich die Japanerin das Aroma rasender Eifersucht und den eines pochenden Herzens vorstellt. Glück schmeckt für die Künstlerin wie grüne Weinbeeren, Sorgen wie Basilikum. Schwarz und rot gekleidete Bedienstete servieren mit dramatischer Geste pralinégroße Portiönchen oder gießen undefinierbare Flüssigkeiten in Gläser. Die Zähne bohren sich durch bitteres Krokant und zermalmen Pfefferkörner, Nase und Zunge nehmen saure und seifige Aromen wahr.

Am beeindruckendsten fällt die Geschmackskomposition "Hass, gemischt mit Verlangen" aus: Die dunkelrote Flüssigkeit ist lauwarm und erinnert optisch an Blut, sie schmeckt salzig und ein wenig beißend. Ein Genuss ist keine der Speisen und satt machen die acht Gänge schon gar nicht. Aber darum geht es auch nicht bei Ayako Suwas Dinner Performance, das sie sechsmal im Rahmen des Berliner "Taste Festivals" (bis 10. Juni) veranstaltet. Die Künstlerin will irritieren und inspirieren. "Emotional food" nennt sie ihre Kompositionen.

Das Spiel mit der Erwartungshaltung

"In Deutschland wird das Thema Essen meist auf einer ethischen Ebene diskutiert: Es geht um Tierhaltung und andere moralische Aspekte der Lebensmittelproduktion. Wir wollen mit unserem Festival die ästhetischen Aspekte des Essens beleuchten", sagt Katja Kleiss, die gemeinsam mit Pascal Johanssen das Taste Festival ins Leben gerufen hat.

Während der zehn Festivaltage gibt es Verkostungen, Performances, Lesungen, Konzerte und kritische Vorträge zur Essverhalten und Konsum. Die beiden Galeristen stellen Trends aus den Bereichen Kulinarik, Kunst und Design vor und zeigen, wie sich die einzelnen Felder gegenseitig inspirieren. Festivalort ist das Direktorenhaus, ein Zentrum für modernes Design in den historischen Räumen einer ehemaligen Geldfabrik. Künstler, Designer, Food-Stylisten und Köche werden hier ihre Geschmacksparty feiern.

Von "Kochkünstlern" oder "Virtuosen am Herd" spricht man hierzulande ja schon lange. Trotzdem existierte bis vor wenigen Jahren in Deutschland eine saubere Trennung zwischen den kochenden Handwerkern auf der einen und den bildenden Künstlern auf der anderen Seite. Die verschwand mit dem Durchbruch der Molekularküche, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, mit den Seh- und Erwartungshaltungen der Gäste zu spielen.

Es war eine kleine Sensation, als vor vor fünf Jahren zur letzten Documenta der spanische Starkoch Ferran Adria zur Documenta eingeladen wurde. Seitdem entdecken immer mehr internationale Künstler und Köche das Spannungsfeld zwischen bildender Kunst und Esskultur.

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