Donnerstag, 22. August 2019

Neue Edel-Biere Ein Prosit dem Luxus

Vom Durstlöscher zum Gourmettropfen: Mit edlen Bieren für mehr als 50 Euro pro Flasche versuchen Brauereien, eine luxusaffine Klientel für ihre Produkte zu erobern. mmo-Autorin Kirsten Schiekiera hat die Craft-Biere probiert.

Berlin - Goldene Buchstaben und Barock-Ornamente zieren die dunklen, bauchigen Flaschen, die Cornelia Neeser vorsichtig entkorkt. Ein sanftes Ploppen ertönt und die Wirtin gießt eine goldgelbe Flüssigkeit in schmale Gläser. Nicht etwa Champagner oder Cava wird sie ihren Gästen als Aperitif servieren, sondern ein Premium-Bier.

Ein gutes Dutzend Mal wird die Wirtin des "Weihenstephaner" am Hackeschen Markt an diesem Abend erklären, dass es sich bei der perlenden Flüssigkeit um "Infinium" handelt: Ein Starkbier, das mit einer Champagner-Hefe vergoren wurde. Im Glas bildet das Bier einen feinen, dichten Schaum. Es schmeckt fruchtig und ein wenig nach Karamell.

Anders als beim Pils oder beim Weißbier hallt der Geschmack lange nach. Dafür sorgt der Alkoholgehalt, der mit 10,5 Prozent ungewöhnlich hoch ausfällt. "Eigentlich ist ein hoher Alkoholgehalt Gift für jede Hefe, deshalb mussten wir die Hefekulturen langsam an den Alkohol gewöhnen", erklärt der Braumeister Mario Schäfer, der an der Entstehung des Premium-Produktes der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan beteiligt war.

Nach zweijähriger Entwicklungsphase war das Ziel, einem Bier mit "starkem Malzaroma einen weinähnlichen Touch" hinzuzufügen, erreicht - und das Produkt reif für den Markt. Ungewöhnlich hoch fällt auch der Preis aus: Wer eine Flasche "Infinium" zuhause trinken möchte, zahlt im Handel 15 bis 20 Euro.

Werbung mit Sommelier-Poesie

"Infinium" befindet sich in bester Gesellschaft. Luxus-Biersorten wie "Sylter Hopfen", "Sorachi Ace" oder "1598" aus dem Brauhaus Fürst Wallenberg haben ebenfalls ein ungewöhnliches Aroma und kosten bis zu 90 Euro pro Flasche.

Der hohe Preis erklärt sich zum Teil durch sehr aufwändige Brauverfahren: Mal wird das Malz vor dem Brauen über einem Buchenfeuer gedarrt, mal reift der Gerstensaft in Whiskyfässern. Ein Teil der Biere wird außerdem während des Transports und während der Lagerung gekühlt, weil man befürchtet, der Geschmack könnte ins Bittere oder Säuerliche umkippen.

Beworben werden die edlen Tropfen mit typischer Sommelier-Poesie. Die Produkt-Beschreibungen sprechen von einem "schönen Mousseux" oder davon, dass Hopfennoten "zelebriert werden" , und nennen Geschmacksrichtungen wie "gebratene Banane", "Schwarzbrotkruste" oder "Zigarrentabak".

"Wir erleben im Moment einen Bewusstseinswandel: Bier wird heute als ein hochwertiges Produkt wahrgenommen", glaubt Marc Rauschmann. Der promovierte Brauereitechnologe ist Geschäftsführer der 2009 gegründeten Firma "Braufactum" und gerade damit beschäftigt, den prognostizierten Bier-Bewusstseinswandel zu befeuern.

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