Montag, 21. Oktober 2019

Kochkunst und Evolution Der Affe isst immer mit

Der gesunde Griff: Rot ist frisch, rot ist gut - das wissen wir intuitiv. Leider kennen auch Gummibärchen- und Ketchuphersteller diesen Reflex.

Für die einen ist Kochen Lebenszweck, für die anderen überflüssiger Luxus und für manche eine eigene Kunstgattung. Ja was denn nun? Der Evolutionsbiologe Thomas Junker über Kochkunst, Grüße aus der Steinzeit und  Lebensmittel, die uns kleinkriegen.

Frage: Herr Junker, von überflüssigem Luxus, Schnickschnack für Leute die sonst keine Sorgen haben bis hin zu großer Kunst ist alles drin. Welche Rolle billigt ein Biologe der Kochkunst zu?

Junker: Aus der Sicht des Evolutionsbiologen kann man nicht von überflüssigem Luxus sprechen. Wir können uns nicht zu gut ernähren. Das gilt für die Qualität der Rohstoffe ebenso wie für den Rahmen, in dem wir sie verzehren. Wir sind von der Natur darauf programmiert, alles, was für unser Überleben wichtig ist, so schön zu gestalten, wie wir können. Das gilt für unsere Wohnung, unsere Kleidung … und eben für unser Essen. Essen ist auch ein Ausdruck unserer Persönlichkeit.

Frage: Wenn gutes Essen also quasi ein Befehl unserer Gene ist, warum gibt es so viele Zeitgenossen, die behaupten sie wären dauerhaft mit irgendwas aus dem Kühlregal oder der Frittenbude zufrieden und hätten nicht das Gefühl, dass ihnen bei dieser Lebensweise etwas entgeht? Wir sind doch alle aus dem gleichen Ozean gekrochen …

Junker: Wenn Sie es wirklich dauerhaft und so extrem betreiben, haben sie mit Sicherheit ein Problem. Es gibt zwei Motive: Entweder sie vernachlässigen ihre Ernährung aus materieller Not oder aus Selbstverachtung. Oder weil sie gezwungen sind, sich dauerhaft in einer schlechten, unerfreulichen Umgebung aufzuhalten, das ist genauso gegen unsere Natur wie schlechtes Essen. Mit dem Beharren auf minderwertigen Lebensmitteln erschaffen diese Menschen sich dann quasi als ein negatives Gesamtkunstwerk.

Frage: So gesehen könnte man einen Imbissbudenbetreiber, der ein mit sahniger Metaxassauce überbackenes Gyros mit Pommes in der Pappschachtel verhökert, ja auch als Kunsthändler bezeichnen.

Junker: So gesehen schon.

Frage: Menschen, die hohe und höchste Kochkunst für Spinnerei halten, könnten also mit gleichem Recht einem Biber, der seinen Damm baut, zurufen, er soll seine Tätigkeit sofort einstellen, bringt eh nix?

Junker: Der Vergleich ist nicht schlecht. Die Suche nach dem besten Rohstoff, der feineren Textur oder dem perfekten Geschmack sind Teil unserer Natur und extrem wichtige Eigenschaften. Wir sollen alle unsere Lebensbereiche gestalten. Mit der Kunst geben wir unseren Emotionen Gestalt, mit gutem Essen geben wir unserem Leben Gestalt. Abgesehen davon ist Kochen ein erster Verdauungsvorgang außerhalb des Körpers.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung