Mittwoch, 21. August 2019

Urbane Landwirtschaft Vegs in the City

Urban Farmers: Die City als Anbaufläche
UrbanFarmers

Rein in die City statt raus aufs Land: Agrarforscher entdecken die Stadt als Anbaufläche für Tomaten, Gurken und Kohl. Fabriken werden zu Gemüsefarmen, Schiffscontainer zu Gewächshäusern, und auch für Fische ist Platz. Vorteil: Kurze Wege zum Kunden und damit mehr Nachhaltigkeit.

Berlin - Rostlaube wird sie von den Berlinern genannt und steht inmitten einer alten Fabrikanlage im Stadtteil Schöneberg. Die Laube ist nichts anderes als ein alter Schiffscontainer mit einem riesigen, aufmontierten Glasdach und mutet an wie eine Raumfahrtstation, wenn da nicht die vielen grünen Blätter und Zweige, Sträucher und Büsche wären, die durch das Glas schimmern und ihre Spitzen dem blauen Himmel entgegenstrecken. Ein Treibhaus in einer alten Fabrik, das den verwöhnten Städtern Anbauflächen für hochwertiges Gemüse und Obst bieten soll.

Landwirtschaft in, an und auf Gebäuden sind die neuen Zeichen städtischen Gemüseanbaus. Dachgewächshäuser, mehrstöckige Indoor-Farmen und hängende Gärten sollen Landwirten, Biobauern und Gärtnern Konkurrenz machen.

"Im Herbst werden wir die Kleinfarm in Betrieb nehmen und im nächsten Jahr mit einer Einzelhandelskette zusammen unsere Produkte vertreiben", sagt Christian Echternacht, der die "Rostlaube" vermarktet. Der Geschäftsführer von Efficient City Farming, ECF, ist optimistisch und hat eine B-to-B-to-C-Strategie entwickelt. Damit werden Tomaten, Lauch und Salate nicht nur an private Abnehmer, sondern auch an Supermärkte und Großkunden wie der Gastronomie verkauft. "Eine Spitzenköchin aus Berlin ist bereits unsere Kundin", sagt Echternacht. Und es gibt eine Shortlist von Einzelhändlern, die mit ECF ins Geschäft kommen wollen.

Die Idee dahinter ist, frische Nahrungsmittel auf minimierten Flächen zu produzieren. Regenwasser wird zur Bewässerung gesammelt und Sonne und die Abwärme der Gebäude sollen als kostenlose Energiequelle genutzt werden. Das spart Betriebskosten. Die Rostlaube in Berlin steht in der Malzfabrik, einer Industrieruine, die auch große Becken für den Betrieb einer Fischzucht liefert.

Hauptstadtbarsche und Stadttomaten

Das ganze System nennt sich Aquaponic, einer Kombination von Hydroponic, dem Anbau von Gemüse ohne festen Nährboden mit der Fischzucht in Aquakultur. In der Malzfabrik wird vorerst auf 1000 Quadratmetern Fläche und darunterliegenden Bassins Gemüseanbau und Fischzucht betrieben. Derzeit sucht Echternacht Paten für die 30 Gramm schweren "Hauptstadtbarsche", kleine Buntbarsche, die am Ende der Saison verkauft werden.

Kann aus der städtischen Landwirtschaft eine ernsthafte Konkurrenz zur konventionellen Landwirtschaft erwachsen? "Für Frischeprodukte sehe ich durchaus Chancen", sagt Armin Werner, Institutsleiter für Landnutzungssysteme am Leibniz-Zentrum in Müncheberg. "Die Tomate wird teurer sein, aber der ökologische Fußabdruck ist kleiner".

Werner leitet das Projekt "ZFarm - viel Ertrag auf wenig Fläche", das die Aktivitäten der Malzfabrik wissenschaftlich untersucht. "Da, wo Obst und Gemüse nachhaltig angebaut werden, entscheidet sich der Verbraucher für das teurere Produkt", sagt Werner. "Außerdem ist ein solcher Betrieb in der Lage, beispielsweise hochwertige Tomaten für die Gastronomie, die nicht lange haltbar sind und kurze Lieferstrecken benötigen, anzubauen."

Dennoch gibt es auch Hürden für den Investor: Die Baugenehmigungen für innerstädtische Bauvorhaben zu bekommen beispielsweise oder die Qualitätssicherung mit den Gesundheitsbehörden auszuhandeln. Manchmal sind es auch die Nachbarn, die Einwände haben. Von Projekten in New York weiß Werner, dass Mieter gegen die Lichtbehinderung durch Gewächshäuser geklagt haben.

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