Samstag, 25. Mai 2019

Whiskys aus Deutschland Deutsche Brenner im Whiskyrausch

Deutschland ist, nach Schottland versteht sich, das Land mit den meisten Whiskybrennereien der Welt. Oft sind es von Enthusiasten geführte Kleinstbetriebe. Entsprechend klein sind die Auflagen ihrer Spezialitäten - die ihnen selbst zu Höchstpreisen aus den Händen gerissen werden.

Auf Hochglanz poliert: Am Schliersee betreibt Familie Stetter die größte deutsche Whiskybrennerei - in einer Anlage nach schottischem Vorbild
Rettert - Der 11. November eines jeden Jahres gehört insbesondere zwischen Mainz und Köln zu den markanten Daten des Jahres. Der Tag zeichnet den Beginn der fünften Jahreszeit. Von nun an toben die närrischen Tage. "Ein guter Zeitpunkt" dachte sich Klaus Gemmer, seines Zeichens Restaurant- und Hotelbesitzer in Rettert, und füllte vor drei Jahren an diesem Datum seinen ersten, eigenen Whisky ins Fass.

Denn der umtriebige Gastronom betreibt auch noch eine Brennerei. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, für seine Gäste hält Remmer nun "40 Flaschen a 0,5 Liter, 15 Flaschen a 0,2 Liter und 3 Flaschen Whisky a 0,7 Liter" bereit. Die restlichen 5 Liter "bleiben für weitere acht bis zehn Jahre im Fass". Kostenpunkt des rechtsrheinischen Trinkvergnügens: "70 bis 80 Euro für die 0,5l-Flasche", Gemmer ist noch am Überlegen, denn "die Nachfrage" sei hoch. Auch über den Namen seines Destillates grübelt er noch.

Whisky aus Deutschland? Ist das der neueste Karnevalsscherz? Nein, ist es nicht, sondern ein überaus komplexes Thema. Die folgende Frage ist auch keine Verballhornung des Lesers. Welches Land hat die meisten Whiskybrennereien - Schottland ausgenommen, wo rund hundert produzieren? Die USA vielleicht, mit den Bundesstaaten Tennessee und Kentucky und ihren unendlich vielen Bourbons? Weit gefehlt. In Tennessee gibt es gerade mal zwei, von denen eine ihr Produkt Whiskey, die andere Whisky nennt. Und in Kentucky sind es exakt elf, in Kalifornien gibt es auch noch eine. Kanada? Hat nur neun. Irland, eine weitere Nation mit großer Whisky-Tradition, begnügt sich mit drei. In Japan destillieren immerhin acht Brennereien Whisky. Oder gar in Indien? Von sage und schreibe fünfzehn Brennereien weiß man, dass sie echten Whisky herstellen, nach guten alten schottischen Methoden.

Aber welches Land hat nun die meisten Brennereien - außer Schottland? Genau, Deutschland! Rund 50 Brennereien, verteilt im ganzen Land, füllen weit über hundert verschiedene Whiskymarken ab.

Whisky: Weltspirituose unter den Hochprozentern

Die deutschen Brenner befinden sich im Whiskyrausch. " An einem Rausch ist das schönste der Augenblick, in dem er anfängt, und die Erinnerung an ihn", wusste schon Kurt Tucholsky, der ja bekanntlich besoffen von seiner Nüchternheit war. Tucholsky nörgelte schon in den dreißiger Jahren über Whisky aus Deutschland: "Andre Nationen machen das so: Was sie besonders gut herstellen, das exportieren sie, und was ihnen fehlt, das importieren sie. Wenn den Deutschen etwas fehlt, dann machen sie es nach." Die Nazis hatten sich gerade an der Herstellung von "deutschem Rauchkorn" versucht, salonfähig wurde er nicht.

"Ich esse keine schottische Weißwurst", gibt Horst Kroll, Chef vom Whiskymuseum in Kirn an der Nahe, zum Besten, "also trinke ich auch keinen Whisky aus Deutschland". Der Branntwein aus Getreide, so beteuern etliche seiner Liebhaber nämlich, ist nicht nur ein Getränk - Whisky ist eine Weltanschauung.

Keine andere Spirituose auf der Welt bewegt die Gemüter wie er. Seien es die Whisky-Snobs der Alten Welt in Irland und Schottland oder die Whisky-Schwergewichte auf dem amerikanischen Kontinent und in Japan. Whisky gilt deshalb als die Weltspirituose unter den Hochprozentern. Unter den "World's Top 100 Spirit Brands" tragen über ein Drittel die Kennzeichnung "Whisky" auf dem Etikett - aus Deutschland freilich ist nicht ein Whisky gelistet.

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