Donnerstag, 14. November 2019

Pommes frites Ein wohliges Gefühl

Pommes Rot-Weiß: Zwischen Curry-Heini und Distel-Grill
Andrea Thode

Salzig, goldgelb, hauchzart und knusprig, so müssen Pommes frites sein. Und essen muss man sie in einer echten Pommesbude, vor der die Gäste sitzen, als gehörten sie zur Einrichtung. Man redet. Schweigt. Raucht. Wartet. Auf nichts Besonderes. Und zwischendurch essen alle lecker Pommes.

Dorsten/Waltrop/Bochum/Herten - Es geschieht gleich am ersten Tag. Ich will nicht weiterfahren auf den vielen Autobahnen, die das Ruhrgebiet durchkreuzen, sondern sitzen bleiben vor diesem kleinen Imbiss in Dorsten-Hervest. Sitzen bleiben, dazugehören und meine Pommes essen. Eine Fritte nach der anderen sorgfältig in warme Currysauce tunken und dabei den kleinen, munteren Gesprächen um mich herum lauschen.

Ich bin hier wegen der Gier. Die Gier ist eine Todsünde, aber wie bei allen heftigen Gefühlen muss man auch bei Todsünden differenzieren. Gier auf Geld und Macht zum Beispiel ist böse. Gier auf Pommes hingegen ist ein harmloses, sehr unmittelbares Gefühl, das man schnell befriedigen sollte, denn dann ist die Welt wieder in Ordnung. Dafür braucht man nicht mehr als einen bodenständigen deutschen Imbiss, in dem Pommes mit Hingabe zubereitet und mit offensiver Lust gegessen werden.

Ich lebe in Hamburg. Und wenn ich mal abends auf den Kiez gehe, komme ich an vielen Sexshops vorbei. Die Türen sind immer weit offen, und so kann man sogar von draußen beobachten, wie sich die Kunden peinlich sind. Sie schleichen umher, meiden einander, ihre Scham dringt hinaus bis auf die Straße. Das ist nicht gut. Sexshops sind nichts Schlimmes, sie befriedigen lustvolle Bedürfnisse. Genau wie Pommesbuden.

Aber auch in vielen Pommesbuden herrscht dieselbe eigenartige Stimmung. Die Menschen eilen hinein, bestellen ohne Freude und essen, als ob sie etwas Unrechtes tun. Da läuft etwas grundsätzlich falsch. Man sollte fröhlich sein beim Pommes-Essen. Man sollte um sich blicken, den anderen Pommes-Essern freundlich zunicken und wohlig seufzen. Ich denke, das ist nicht zu viel verlangt.

Essen, das satt macht und nach Zuhause schmeckt

Ich bin ins Ruhrgebiet gefahren. Dort gibt es mehr Pommesbuden als irgendwo sonst in Deutschland. Ich weiß nicht, warum das so ist. "Wir brauchen sie einfach", sagt Marion Taube, eine Kunsthistorikerin aus Dorsten, die auf den Strukturwandel im Ruhrgebiet spezialisiert ist und weiß, was die Menschen hier umtreibt. "Wir sind schon immer produktiv, wir arbeiten viel. Wir sind bodenständig und wir fahren viel Auto - ohne Auto ist man im Ruhrgebiet verloren. Wie lieben unsere Heimat und von der Geschäftigkeit haben wir Hunger. Wir brauchen Essen, das satt macht und nach Zuhause schmeckt. Pommes mit einer guten Sauce."

Das mit der Sauce verstehe ich erst später, in Dorsten-Hervest, vor dem Glückauf-Grill, einer kleinen Baracke in einer idyllischen Wohnstraße mit alten Berg-arbeiterhäuschen. Die Sonne wirft Flecken durch mächtige Lindenkronen und alles ist Frieden. Neben mir sitzen Fritz, Ende 50, klein und drahtig, Walter, Mitte 60, groß und stark, sowie Frau Rosin. Fritz war Steiger in der Zeche Leopold nebenan, bevor sie vor zehn Jahren geschlossen wurde. Walter hat bis zur Rente fünf Jahrzehnte in den Chemischen Werken Hüls geschafft. Frau Rosin raucht sehr damenhaft eine Zigarette.

Marlies Rosin ist 72 Jahre alt, schlank, adrett gekleidet und frisiert. Sie sagt sehr wenig. Sie muss auch nicht viel reden, denn sie ist die Königin. Sie wird gegrüßt von allen, die den Imbiss ansteuern, und grüßt huldvoll, mit verhaltener Herzlichkeit zurück. Sie nickt Oma Kreuzkamp in der rosa Kittelschürze zu, den jungen Müttern mit ihren Kindern und den Müllmännern.

34 Jahre lang war Frau Rosin die Chefin des Glückauf-Grills, bevor sie ihn vor einem Jahr an ihre langjährige Mitarbeiterin Diana Einhaus abgab. Frau Einhaus, Anfang 40, hat ein pfiffiges Gesicht, einen kecken Kurzhaarschnitt und zu tun, drinnen, hinterm Tresen. Fritz, Walter und Frau Rosin rauchen, plauschen, flachsen und gucken, wie man das an einem Frühsommertag so macht, wenn man sich lange kennt.

"Ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Popo ist schmutzig, ist das nicht putzig?", sagt Walter. Er ist etwas schwer zu verstehen, er hat Probleme mit der Lunge. "Is' wegen der Brieftauben", sagt er. "Die musste ich jetzt weggeben, nach 42 Jahren. Dat war schwer, ich war doch richtig verliebt in die!" Wir schweigen ein bisschen, freuen uns über das Hündchen hinterm Gartenzaun gegenüber, und dann kommen meine Pommes.

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