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Aromatische Weine: Empfehlungen für Genießer

Foto: Weingut Hans Wirsching

Wein Die Rückkehr der Aromakünstler

Weine unterliegen Geschmacksmoden. Daher muss man nur lange genug warten können, bis einst Verschmähtes wieder hochaktuell wird. Fast vergessene Rebsorten wie Scheurebe, Traminer und Muskateller erfreuen sich seit der Jahrtausendwende wieder großer Beliebtheit. Zu Recht.
Von Rüdiger Albert

Hamburg - Als der trockene deutsche Weißwein langsam wieder Wertschätzung unter Kennern und Fachleuten aufbaute und gleichzeitig noch um breite gesellschaftliche Akzeptanz buhlte, legten aromabetonte Weine im Keller der Winzer zentimeterdicke Staubschichten auf. Muskat- und Weihrauchnoten, die Anmutung von Rosen, Akazien, Gewürznelke, Ingwer, Marzipan oder auch Kaffee wurden allzu oft als künstlich abgetan.

Selbst fruchtbetonte Rieslinge und Spätburgunder wurden sogar von Insidern für suspekt erklärt. Dann kam eben um die Jahrtausendwende der große, qualitative Durchbruch beim deutschen Wein - international. Seitdem suchen auch viele deutsche Konsumenten nach duftbetonten Rieslingen und Spätburgundern. Bei Scheurebe, Traminer und Muskateller zeigt sich nun eine ähnliche Tendenz. Verpönt im eigenen Land, erobern Weine aus aromatischen Rebsorten die heimischen Küchen und die gehobenen Gourmettempel - international.

Aber auch in deutschen Metropolen zeigen anspruchvolle Weinnasen wieder Interesse an den Duftwundern aus deutschen Weingärten: " Unsere Scheurebe wird vorzugsweise in der gehobenen Berliner Gastronomie, aber auch in Hamburg ausgeschenkt", sagt Uwe Matheus, Leiter des Weinguts Wirsching mit Sitz in Iphofen.

Mit 75 Hektar Rebenland gehört das fränkische Gut zu den größten Gütern in Privatbesitz. Weine aus dem Hause Wirsching besitzen hohes Ansehen. Gründe sind die außergewöhnlich guten Lagen, die Begrenzung der Ertragsmenge auf circa 60 Hektoliter pro Hektar zugunsten der Qualität und Konzentration auf elegante, stoffige Weine. So verschaffte das Weingut dem ebenso geschmähten Silvaner aus Franken in den letzten Jahren wieder einen angemessenen Auftritt. Zu den Pioniertaten der Wirschings gehört auch, der Scheurebe schon 1955 einen Platz in der Lage Kronsberg zu reservieren. Die Scheureben-Weine vom Kronsberg werden aus 35 Jahre alten Rebstöcken gekeltert und besitzen Kultstatus.

Deutsche Antworten auf den Sauvignon blanc

Die Rebsorte erzeugt Weißwein und wurde nach ihrem Züchter Georg Scheu benannt, der sie im Jahre 1916 in der Landesanstalt für Rebenzüchtung in Alzey (Rheinhessen) kreierte. Neben dem Müller-Thurgau ist sie eine der ältesten deutschen Neuzüchtungen. Im Jahre 2009 belegte sie in Deutschland 1.655 Hektar Rebfläche. Die spät reifende Rebe glänzt oft mit einem fruchtigen Aroma (Birne, schwarze Johannisbeeren, Pfirsich). Sie besitzt eine fruchtige Säure und einen rieslingähnlichen, rassigen Geschmack. Scheureben-Weine sind deshalb für manche eine gern genommene, preisgünstige Alternative zum Riesling. Trotzdem hat sich die Anbaufläche seit 1999 fast halbiert.

"Kein Problem", sagt Lotte Pfeffer, "die Scheurebe hat sich aus dem Fassweinverkauf für Industrieweine verabschiedet". Lotte Pfeffer leitet zusammen mit ihrem Mann, Hans Müller, das Weingut Brüder Dr. Becker. Schon Ende der siebziger Jahre wurde das Gut in Ludwigshöhe auf die ökologische Wirtschaftsweise umgestellt. Und die Scheurebe gedeiht hier schon seit 1946. Scheu riet Pfeffers Großvater zum Anbau der Neuzüchtung auf leichten, auch sandigen Böden. Dabei ist es bis heute geblieben. Die Scheureben von Lotte Pfeffer zeichnen sich durch ein subtiles, würziges Bukett aus. "Die Rheinhessische Antwort auf Sauvignon blanc", wie sie sagt, "geht nach New York und begleitet dort in einigen Restaurants die asiatische Küche". Auch in der Schweiz und in Dänemark setzten viele Weinfreunde auf Aromatisches von Lotte Peffer.

Etwa 30 Kilometer weitern südlich gedeiht die "Pfälzische Antwort auf Sauvignon blanc". Stefanie Weegmüller leitet in Haardt bei Neustadt an der Weinstraße das elterliche Gut. Sie praktiziert, wie Lotte Pfeffer, konsequent naturnahen, umweltschonenden Weinbau. Ihre Scheureben-Weine glänzen "in Restaurants, in Finnland, Belgien und der Schweiz". Im Alpenland wird aber auch ihr fulminanter Gewürztraminer "gekühlt zum Aperitif" gereicht.

Der Traminer ist eine der ältesten kultivierten Reben in Europa. Um ihren Ursprung gibt es verschiedene Hypothesen, aber - allesamt nicht nachgewiesen. Gewiss ist lediglich, dass der Traminer eine entscheidende Rolle spielte bei der Entstehung vieler europäischer Sorten. Gewiss ist auch, dass in der Ortschaft Rhodt, etwa 15 Kilometer südlich von Neustadt, in einem unter Denkmalschutz stehendem Traminergarten (die knorrigen Rebstöcke sollen rund 350 Jahre alt sein) in guten Jahren immer noch rund 500 Liter Wein gekeltert werden.

Aromen nach Marzipan und Schinkenspeck

Die häufigste Traminerspielart weltweit ist der Gewürztraminer. Im Jahre 2009 war die Rebsorte in Deutschland gerade mal auf 838 Hektar zu finden. Die Weißweintraube erbringt extraktreiche Weißweine mit intensiven Aromen nach Bitterorange, Litschi, Marzipan, Rose und manchmal nach Schinkenspeck.

So wie die 2009 Ehrenstetter Ölberg, Gewürztraminer Trockenbeerenauslese - eine Rarität, mindestens so selten wie das Geschick ihres Schöpfers: Martin Waßmer. Der gelernte Koch und Landwirtschaftsmeister ackert im badischen Bad Krotzingen-Schlatt und ernährte seine Familie bis 1999 mit dem Anbau und Verkauf von Gemüse und Obst. Dann wurde er auch noch Winzer und legte eine Karriere hin, wie sie weltweit nur ganz wenige Winzer vorzeigen können. Waßmer glänzt seit Jahren insbesondere mit Burgunder-Weinen (weiß wie rot), aber er zeigt auch Nase für neue Trends in der Welt des Geschmacks. So hegt er nicht nur den Gewürztraminer, sondern auch den Muskateller.

Die dritte wichtige im Bunde der aromatischen Rebsorten ist neben dem Traminer eine der ältesten Rebsorten der Welt. Muskateller stammt vermutlich aus Vorderasien und wurde von den Phönikern und Griechen nach Europa gebracht und dann von den Römern in ihrem gesamten Herrschaftsgebiet verbreitet. In Deutschland ist die Rebsorte seit dem 12. Jahrhundert urkundlich belegt. Im Jahre 2009 wurde sie in Deutschland auf 192 Hektar Rebfläche angebaut. Das Bouquet weist einen markant traubigen Muskatton auf. Die größten Erfolge mit seinem Muskateller erzielt Waßmer in Frankreich.

Bunte Aromenmischung im Glas

"Junge und ältere Menschen bevorzugen Weine mit ausgeprägtem Aroma und auch dienender Restsüße", sagt Karl-Josef Krötz. "Die dazwischen favorisieren das Kernig-Trockene". Der 54-jährige Winzersohn aus Neef an der Untermosel, wurde von der Bremer Regierung 1989 zum Ratskellermeister berufen, seit 1627 der 19. in Folge. Mit dieser Ernennung avancierte der ausgebildete Diplomingenieur für Weinbau und Kellerwirtschaft zu einem der wichtigsten Kritiker der deutschen Szene: Tausende Kreszenzen verkostet Krötz Jahr für Jahr, die 150 besten wählt er aus und ergänzt damit sein Weindepot.

"Es werden circa 1200 Sorten Wein aus verschiedenen Jahrgängen bei uns gelagert. Es sind je nach Jahreszeit 180.000 bis 300.000 Flaschen, die monatlich den Ratskeller wieder verlassen", berichtet der Ratskellermeister. Eine stolze Bilanz, zu der Weine aus aromatischen Rebsorten erheblich beitragen - im Versand in die Welt.

Würzige, hocharomatische Weißwein-Spezialitäten erleben also wieder die verdiente Renaissance. Aber wie steht's mit aromatischen Rotweinen? Die Württemberger können bekanntlich alles: Muskattrollinger heißt die einheimische Spezialität, gebändigt vom Weingut Sonnenhof in Gündelbach. Die Brüder Joachim und Martin Fischer offerieren Jahr für Jahr zwei Varianten der spät reifenden Rotweinrebe, eine trocken und eine mit dienender Restsüße.

Im Glas befindet sich dann eine bunte Aromenmischung: Grapefruit, Zitrus, Holunderblüte, Pfirsich, Stachelbeere, sowie Erdbeere und Himbeere. Auch ein Muskatton entfaltet sich im Glas. Der aber nur sehr zurückhaltend. Leicht gekühlt getrunken genau der richtige Wein für Jung wie für Alt. Und für den neuen Weintrend.

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