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Lungarotti: Feine Weine aus Umbrien

Foto: Jörg Lehmann

Wein Umbrische Genüsse

Früher wurden umbrische Hausweine gerne mal als Futterzusatz für Ochsen verwendet. Erst in den 1950er Jahren entschloss sich ein Mann, in der Region um Torgiano künftig Qualitätsweine zu produzieren. Heute sorgen die Töchter von Georgio Lungarotti in der Weinwelt noch immer für Furore.
Von Andrea Jeska

Torgiano - Als Georgio Lungarotti Mitte der 50er Jahre von einer ausgedehnten Frankreichreise ins heimische italienische Städtchen Torgiano zurückkam, verkündete er, künftig einen Rotwein produzieren zu wollen, der sich vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken muss. Eine Idee, für die er kräftig verlacht wurde: Dem Georgio haben sie in Bordeaux den Kopf verdreht!

Nicht, dass man Wein in Umbrien damals nicht schon lange genoss. Nur zielte dieser Genuss mehr auf Quantität als Qualität. Seit der Zeit der Etrusker, also seit dreitausend Jahren, wurde in Umbrien Wein angebaut und schon Plinius der Ältere hatte sich lobend über eine Traube namens Itriola geäußert, doch brachten Anbau- und Produktionsmethoden lediglich einen trinkbaren Hauswein und einen klebrigen Dessertwein hervor.

Der zweite war für besondere Gelegenheiten, der erste ein Grundnahrungmittel. Bisweilen wurde der Hausweine auch als Futterzusatzmittel für Ochsen genommen, wenn es Zeit war, sie vor den Pflug zu spannen. Davon, so glaubte man, würden sie besonders kräftig. Wenn einer im Umbrien der 1950er Winzer wurde, dann höchstens als Ergänzung zum bäuerlichen Erwerb oder aus Liebhaberei.

Von einem, der mit den roten Reben Geld verdienen will, hatte man in Umbrien noch nie gehört. Dabei kam aus der Region seit Jahrhunderten ein in Europa bekannter und geschätzter Weißwein: Der Orvieto. Die Stadt mit dem gleichen Namen steht auf einem Fels aus Tuffstein, und in diesen hatten schon die Etrusker Höhlen getrieben und Wein gelagert. Über einen nahe gelegenen Tiber-Hafen wurde dieser Wein auf Booten nach Rom gebracht und an päpstliche Höfe verkauft.

Schon Hermann Hesse liebte die Landschaft

Der Orvieto Classico mit seiner gelben Farbe war bereits ein Genusswein, als die umbrischen Bauern den ihrigen noch wie Wasser schluckten. Berühmte Rotweine gab es in Lungarottis Aufbruchszeiten in der benachbarten Toskana. Doch gerade, weil die Toskana bereits einen Ruf hatte, kam man in Umbrien nicht auf die Idee, es den Nachbarn gleichzutun. "Georgio, du hast den Verstand verloren, haben die Nachbarn damals gesagt. Aber mein Vater war hartnäckig, " erzählt Chiara Lungarotti, die Tochter, heute noch mit einem Schmunzeln. "Dabei waren die Rahmenbedingungen genauso gut wie in der Toskana. Auch der umbrische Boden ist lehm- und kalkhaltig."

Umbrien war bis nach dem II. Weltkrieg ein armes Bauernland, dessen bodenständiger Zauber sich nur wenigen erschloss. Hermann Hesse besuchte die Region in den 1930ern und schrieb über Montefalco, das heute als eines der besten Weinanbaugebiete gilt: "Dicht in den Mantel gehüllt, sah ich ein schönes und eindringliches Bild. Über altes Gemäuer hinweg ringsum die umbrische Landschaft, licht und grün, von einem gewaltigen Kreis hoher, noch mit Schnee bedeckter Berge umschlossen."

Doch Hesse blieb ein Ausnahmereisender. In den 70er Jahren erschien die Region auf der touristischen Landkarte Individualreisender. Pilger und Heilssuchende kamen, um auf den Spuren des heiligen Franz von Assisi zu wandern, Trüffelliebhaber machten sich mit der umbrischen Küche vertraut. Erst seit die Toskana zum überlaufenen, überteuerten Ziel wurde und die mittelalterlichen Städte dort von Souvenirläden überflutet sind, gewinnt das stille und noch zurückgezogene Umbrien immer mehr Fans. Ebenso wie der umbrische Wein.

Die erste Önologin Italiens war eine Lungarotti

Lungarotti begann, die Bodenqualität zu verbessern und Anbaumethoden zu ändern, die roten Reben an die Hänge, die weißen in die Ebene zu pflanzen. Er experimentierte mit verschiedenen Reben. Und fand schnell begeisterte Kunden. Schon einige Jahre später waren die Lungarottis die führenden Winzer in der gesamten Provinz.

Gegen Hindernisse anzugehen, liegt bei den Lungarottis in der Familie. Als die Töchter Chiara und Teresa ankündigten, das Imperium des Vaters übernehmen zu wollen, war die Antwort zunächst ein missgestimmtes Nein. "Mein Vater dachte nicht, eine Frau könne sich in diesem Geschäft durchsetzen, schon gar nicht in einer Gesellschaft wie der italienischen, " erzählt Chiara.

Georgio irrte sich: Die Töchter führten das Unternehmen in ein neues Zeitalter, in dem der Weinbau mit Wissenschaft verbunden wird. Teresa, die ältere, wurde 1979 die erste Önologin des Landes, Chiara ist heute CEO des Unternehmens und Vorsitzende vieler mit Wein verbundener Organisationen. Die Balance aus Wirtschaft und Kultur hatte bereits der Vater vorgegeben, die aus Ökologie und Technologie führten die Töchter ein.

Diese bis heute gelungene Mischung aus Tradition und Moderne ist für den Erfolg des Weingutes das Fundament. Seit dem Tod von Georgio Lungarotti im Jahr 1999 teilen sich die beiden Schwestern die Führung des Hauses. Mutter Maria Grazia kümmert sich um die Kultur. Noch gemeinsam mit ihrem Mann eröffnete sie 1974 in einem der imposantesten Palazzos von Torgiano ein Weinmuseum, in dem über 3000 seltene historische Exponate aus der Geschichte des Weinanbaus versammelt sind, darunter einige weltweit einmalige Exponate. Im vergangenen Jahr eröffnete die Lungarotti -Stiftung ein Olivenmuseum mit Exponaten aus der umbrischen Agrarwirtschaft.

Rubinroter Rubesco, strohgelber Greccetto

Lungarottis Flaggschiff war und ist der Rubesco. Er wird zu 70 Prozent aus Sangiovese produziert, dann erst zwölf Monate in Holzfässern ausgebaut und weitere zwölf Monate im Weinkeller gelagert. Der Rubesco schmeckt würzig nach Pfeffer und süßem Tobasco, mit einer leichten Frucht- und Veilchennote. Lungarottis Torgiano Rosso di Reserva schaffte es in die Klasse der Spitzenweine und erhielt das begehrte Label DOCG (denominatione d'origine controllate e garantita).

Seit seinem Höhenflug ist Lungarottis Heimatstadt Torgiano auch international bekannt. Heute produziert das Weingut zu 50 Prozent Weißweine, darunter den Spitzenwein Torre die Giano und den 2001 von den Lungarotti-Schwestern auf den Markt gebrachten strohgelben Greccetto.

In den 70er Jahren erhielten die Lungarottis Konkurrenz aus dem Gebiet von Montefalco. Wie viele andere umbrische Städte wurde das mittelalterliche Montefalco damals von wirtschaftlichen Problemen geschüttelt. Der umbrische Tourismus war noch eine Utopie, lediglich ein par Kunstkenner verirrten sich in die malerisch auf einem Hügel gelegene Stadt, um die Fresken des Renaissance-Malers Benozzo Gozzoli zu sehen.

Inspiriert von der Lungarotti-Erfolgsstory, experimentierte der Weinbauer und Fabrikant Arnaldo Caprai mit der von Plinius gelobten Itriola-Rebe, die heute unter dem Namen Sagrantino bekannt ist. Sie bringt einen weicheren Wein hervor als Sangiovese. Caprai investierte viel Zeit und Geld in Forschungsprojekte über Anbaumethoden und Bodenbeschaffenheit. Er schaffte es damit, den Sagrantino innerhalb weniger Jahre zum Spitzenwein auszubauen.

Die zweite Generation setzt auf Bio

Auch dieser Wein trägt das DOCG-Label und wird mittlerweile weltweit exportiert. Ein Montefalco Rosso kommt auch aus dem dem Hause Terre de la Custodia, ein der Familie Farchioni in Gualdo Cattaneo gehörendes Weingut. In den italienischen Weinpanscherskandal waren auch umbrische Winzer verwickelt. In der Folge gab es weitreichende Reformen und bessere Kontrollmethoden.

Lange zuvor schon war der Orvieto zum mittelmäßigen Wein verkommen, erst, als der Ruf des italienischen Weins fast ruiniert war, begann man auch dort wieder mit Qualitätsverbesserungen. Heute macht der Orvieto 60 Prozent der italienischen Wein-Exporte aus, es gibt ihn allerdings auch als schlechten Discounter-Wein. Dem Vergleich mit den toskanischen Weinen können sich die umbrischen inzwischen stellen.

Die zweite Generation der umbrischen Winzer setzt inzwischen auf biologischen Anbau. Chiara Lungarotti allerdings brauchte dafür ihres Vaters Durchsetzungvermögen. "Als ich als frischgebackene Önologin aus Bordeaux kam und unseren Weinbauern die konservativen Methoden zugunsten von ökologischen abgewöhnen wollten, waren die zunächst empört. So ein junges Ding, und will ihnen sagen, wie es geht. Heute sind sie alle davon genauso überzeugt wie ich."

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