Freitag, 21. Juni 2019

Wein Umbrische Genüsse

Lungarotti: Feine Weine aus Umbrien
Stefania Giorgi

Früher wurden umbrische Hausweine gerne mal als Futterzusatz für Ochsen verwendet. Erst in den 1950er Jahren entschloss sich ein Mann, in der Region um Torgiano künftig Qualitätsweine zu produzieren. Heute sorgen die Töchter von Georgio Lungarotti in der Weinwelt noch immer für Furore.

Torgiano - Als Georgio Lungarotti Mitte der 50er Jahre von einer ausgedehnten Frankreichreise ins heimische italienische Städtchen Torgiano zurückkam, verkündete er, künftig einen Rotwein produzieren zu wollen, der sich vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken muss. Eine Idee, für die er kräftig verlacht wurde: Dem Georgio haben sie in Bordeaux den Kopf verdreht!

Nicht, dass man Wein in Umbrien damals nicht schon lange genoss. Nur zielte dieser Genuss mehr auf Quantität als Qualität. Seit der Zeit der Etrusker, also seit dreitausend Jahren, wurde in Umbrien Wein angebaut und schon Plinius der Ältere hatte sich lobend über eine Traube namens Itriola geäußert, doch brachten Anbau- und Produktionsmethoden lediglich einen trinkbaren Hauswein und einen klebrigen Dessertwein hervor.

Der zweite war für besondere Gelegenheiten, der erste ein Grundnahrungmittel. Bisweilen wurde der Hausweine auch als Futterzusatzmittel für Ochsen genommen, wenn es Zeit war, sie vor den Pflug zu spannen. Davon, so glaubte man, würden sie besonders kräftig. Wenn einer im Umbrien der 1950er Winzer wurde, dann höchstens als Ergänzung zum bäuerlichen Erwerb oder aus Liebhaberei.

Von einem, der mit den roten Reben Geld verdienen will, hatte man in Umbrien noch nie gehört. Dabei kam aus der Region seit Jahrhunderten ein in Europa bekannter und geschätzter Weißwein: Der Orvieto. Die Stadt mit dem gleichen Namen steht auf einem Fels aus Tuffstein, und in diesen hatten schon die Etrusker Höhlen getrieben und Wein gelagert. Über einen nahe gelegenen Tiber-Hafen wurde dieser Wein auf Booten nach Rom gebracht und an päpstliche Höfe verkauft.

Schon Hermann Hesse liebte die Landschaft

Der Orvieto Classico mit seiner gelben Farbe war bereits ein Genusswein, als die umbrischen Bauern den ihrigen noch wie Wasser schluckten. Berühmte Rotweine gab es in Lungarottis Aufbruchszeiten in der benachbarten Toskana. Doch gerade, weil die Toskana bereits einen Ruf hatte, kam man in Umbrien nicht auf die Idee, es den Nachbarn gleichzutun. "Georgio, du hast den Verstand verloren, haben die Nachbarn damals gesagt. Aber mein Vater war hartnäckig, " erzählt Chiara Lungarotti, die Tochter, heute noch mit einem Schmunzeln. "Dabei waren die Rahmenbedingungen genauso gut wie in der Toskana. Auch der umbrische Boden ist lehm- und kalkhaltig."

Umbrien war bis nach dem II. Weltkrieg ein armes Bauernland, dessen bodenständiger Zauber sich nur wenigen erschloss. Hermann Hesse besuchte die Region in den 1930ern und schrieb über Montefalco, das heute als eines der besten Weinanbaugebiete gilt: "Dicht in den Mantel gehüllt, sah ich ein schönes und eindringliches Bild. Über altes Gemäuer hinweg ringsum die umbrische Landschaft, licht und grün, von einem gewaltigen Kreis hoher, noch mit Schnee bedeckter Berge umschlossen."

Doch Hesse blieb ein Ausnahmereisender. In den 70er Jahren erschien die Region auf der touristischen Landkarte Individualreisender. Pilger und Heilssuchende kamen, um auf den Spuren des heiligen Franz von Assisi zu wandern, Trüffelliebhaber machten sich mit der umbrischen Küche vertraut. Erst seit die Toskana zum überlaufenen, überteuerten Ziel wurde und die mittelalterlichen Städte dort von Souvenirläden überflutet sind, gewinnt das stille und noch zurückgezogene Umbrien immer mehr Fans. Ebenso wie der umbrische Wein.

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