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Weinprobe: Die besten Tropfen vom Kloster Eberbach

Staatsweingut Kloster Eberbach Die Riesling-Traumfabrik

Die Geschichte des Kloster Eberbachs, des größten deutschen Weinguts, ist die einer Wiederauferstehung. Investitionsstau und Arroganz hatten zu herben Qualitätsverlusten geführt. Seit einigen Jahren hat das Gut den modernsten Keller Deutschlands und produziert wieder Spitzenweine.
Von Rüdiger Albert

Eltville am Rhein - Auf dem steilen Prunkhügel wachsen Reben. Der Boden ist durchsetzt mit Sand, Kies, tonigem Lehm und Schiefer. Hier gedeihen Weine von unverkennbarer Individualität und von berauschender Mineralität. Die Rede ist von Riesling, kultiviert auf dem Steinberg, der zu den besten Weißweinen der Welt gehört. Direkt am Hang steht das berühmteste Weingut im Rheingau: Kloster Eberbach.

Die Domäne, der Hang und der Wein haben ihre Geschichte. Das Kloster Eberbach blickt auf eine fast 900 Jahre lange Tradition als Weinerzeuger zurück. Im Jahre 1148 wurde es von Zisterziensermönchen gegründet. Im 15. Jahrhundert unterhielt das Kloster eine Flotte auf dem Rhein, mit der die Weine bis nach Köln geliefert wurden.

Seit der Aufhebung des Klosters nach dem Reichsdeputationsbeschluß von 1803 war das Kloster Staatsdomäne, zunächst eine nassauische, später eine preußische. Im Jahre 1945 gingen Kloster und Weingut an das Land Hessen über. Damit wechselten zirka 220 Hektar Rebland den Besitzer, darunter so klangvolle önologische Immobilien wie Assmannshäuser Höllenberg, Rauenthaler Baiken, Rauenthaler Gehrn und eben der berühmte Steinberg.

Diesen Berg kultivierten die Mönche mit harter Arbeit. Der Weinberg war zunächst von einer Hecke umgeben. Diese wurde schließlich von einer am 2. August 1767 fertig gestellten 2600 Meter langen und schieferbedeckten Bruchsteinmauer ersetzt: eine enorme Leistung. Erst diese Mauer ermöglichte ein spezifisches Kleinklima - provoziert von Menschenhand. Sie schützt über 30 Hektar Rieslingland vor dem Einsickern von Kaltluft.

Ein Investitionsstau von 20 Millionen Euro

Der Steinberg befindet sich im Alleinbesitz der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach. Das wirtschaftliche und önologische Geschick des Weinguts liegt seit einigen Jahren in den Händen von Dieter Greiner. Der Württemberger stand vor der Aufgabe das größte deutsche Weingut wieder auf Vordermann zu bringen. "Wir hatten einen Investitionsstau von 20 Millionen Euro bei einem Umsatz von rund 10 Millionen Euro, die Kellertechnik und die Arbeitsabläufe waren veraltet und unglücklicherweise auch noch auf mehrere Standorte im Rheingau verteilt," sagt Greiner. Darunter litt die Qualität der Weine.

Dieter Greiner ließ einen neuen Keller bauen. Unter Berücksichtigung der sensiblen, vom Weinbau geprägten Kulturlandschaft, entstand in zweijähriger Bauzeit ein architektonisch anspruchsvolles Bauwerk. Dabei spielen die Harmonie mit der Steinbergmauer und den auf dem Gelände stehenden denkmalgeschützten Fachwerkgebäuden eine tragende Rolle.

Das Projekt erhielt dann auch im letzten Jahr den "Architekturpreis Wein". "Ein schönes Feuilleton", wie Greiner sagt. Aber wichtiger als die gelungene Architektur des Steinbergkellers ist ihm dessen Funktionalität. Und die sucht ihresgleichen, zumindest in Deutschland.

Von oben gesehen, kann man gar nicht verstehen, wo die 15,8 Millionen Euro geblieben sind, die der neue Steinbergkeller gekostet hat. Das Geld steckt im Berg. Vom Niveau des Hofes aus betrachtet geht der Keller über drei Etagen 14 Meter tief in den Berg. Die oberste Etage ist geschwängert von einem wunderbar subtilen Traubengeruch. Hier wird das Lesegut angeliefert und verarbeitet.

Große Strahlkraft, Geradlinigkeit und Individualität

Die mittlere Etage erfreut mit Wein- und Fruchtaromen. Hier findet die Gärung statt. Und die unterste Etage wird zum Teil von frischen Holzgerüchen dominiert: "Die kommen von den neuen Paletten", wie Dieter Greiner erklärt. Hier im 1.500 Quadratmeter großen Flaschenlager können die abgefüllten Weine dann bei ganzjährig gleich bleibender Temperatur unter optimalen Bedingungen heranreifen. Die Gesamtfläche des Kellers von 5000 Quadratmeter beherbergt 270 Edelstahltanks, mit einer Kapazität von 270 Litern bis zu 50.000 Litern. Und zusätzlich 40 Holzfässer mit einem Gesamtvolumen von 100.000 Litern.

Der Clou der Anlage befindet sich freilich in der mittleren Etage. Hier gärt der Wein temperaturgekühlt in Stahltanks. Klar, das ist inzwischen internationaler Standard für gehobenen Weingenuss. Aber in all diesen prächtigen Tanks befindet sich ein zweiter Sensor, der ständig den CO2-Gehalt misst. Genau diese und nur diese Messung ermöglicht einen exakten Überblick über die Gärintensität und damit die adäquate Regulierung der Gärtemperatur durch die Computer. Die ganze Gärungsanlage ist daraufhin konzipiert worden. Das ist bislang einmalig - und ermöglichte diesen immensen Qualitätssprung.

Im gesamten Kelterprozess werden Trauben und Saft über die drei Etagen schonend, nur mit natürlicher Schwerkraft, in den 14 Meter tiefen Keller befördert. Damit kann die Qualität der Trauben aus besten Rheingauer Lagen auf schonende Weise kompromisslos erhalten bleiben. Und zwar Parzelle für Parzelle. Der Ausdruck "terroir" schmeichelt heutzutage jedem Gaumen. Aber was meint "terroir"? Das Wort stammt aus der französischen "viticulture" und umfasst alle natürlichen Voraussetzungen, die die Biologie des Weinstocks und demnach den Geschmack der Traube und den des Weins im Glas beeinflussen.

Individuelle Kreszenzen, die den Gaumen erfreuen

Eine wirklich reizvolle Aufgabe. Denn die Bestimmungshoheit für diesen Ausdruck nehmen viele für sich in Anspruch. Genau so viele scheitern und irren - bislang. Dennoch muss sich jeder Qualitätswinzer diesem äußerst vielschichtigen und nur schwer erklärbaren Phänomen der Natur stellen.

Er muss das Zusammenspiel von Klima, Lage, Bodenbeschaffenheit und Rebsorte erkennen, begreifen und so interpretieren, dass individuelle sorten- und lagentypische Kreszenzen den Gaumen der Weinkenner wie der Weinnovizen überzeugen. Der Chef der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach sieht seit der Fertigstellung seines Kellers vor drei Jahren Jahr für Jahr diesen hohen Anforderungen entspannt entgegen. Der Terroir-Gedanke erhält hier eine ganz neue Dimension. Durch modernste Technologie kann im Keller genau das erhalten bleiben, was Lage und Jahrgang hergeben. Auf Kloster Eberbach heißt das: Riesling von großer Strahlkraft, Geradlinigkeit und Individualität.

Über Jahrhunderte hinweg waren Rieslinge von Kloster Eberbach Spitzenerzeugnisse der internationalen Weinkultur. Aber spätestens Ende des vergangenen Jahrhunderts traf die Domäne (wie übrigens fast den kompletten Rheingau) eine gewisse Selbstgefälligkeit, die zu deutlichen Qualitäts- und Imageverlusten führten. Nur ein knappes Dutzend Winzerbetriebe zeigt, dass das traditionsreiche Gebiet zwischen Rhein und Taunus noch immer eines der besten der Welt ist. Unter dem Geschick von Dieter Greiner fand Kloster Eberbach zurück in diesen Kreis. Zurück zur Weltspitze.

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