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Malt Whiskys: Bernsteinfarbene Kostbarkeiten

Malt Whisky Ein Fass ohne Boden

Die Renaissance der Malt Whiskys ist nicht aufzuhalten. Und sie erzeugt eine Fülle neuer Varianten. Zu den bewährten Malts der rund 125 Destillerien kommen unabhängige Abfüller und Sondereditionen. Auf Versteigerungen erzielen einzelne Flaschen schon Preise von mehreren tausend Euro.
Von Rüdiger Albert

Kirn an der Nahe - Das Städtchen Kirn an der Nahe liegt zwischen Bad Kreuznach und Idar-Oberstein am nördlichen Rand vom Hunsrück. Über der Stadt thront die Kyrburg, oder das was davon übrig geblieben ist. Und in der Stadt fließt ein sehr gutes, herb-würziges Bier, gebraut nach Pilsner Art.

Des Bieres wegen und wegen der Burgruine fährt aber kein Mensch nach Kirn an der Nahe. Das Geheimnis dieses Wallfahrtsortes des gehobenen Trinkgenusses hängt engstens zusammen mit Whiskyflaschen. Große und kleine, eckige und runde, bauchige und schmale, allesamt gefüllt mit Whisky - Single Malts und Vatted Malts, aus Schottland und Irland, Single Barrels und Small Batch Bourbans aus den USA. Mehr als 3500 verschiedene Flaschen des edlen Getränks.

Mehr als 30 Jahre hat es gedauert, bis die wertvollen Spirits aus aller Welt für das Whisky-Kuratorium im Gewölbekeller des restaurierten Teils der Kyrburg gesammelt waren. Und inmitten dieser bernsteinfarbenen Pracht residiert Horst Kroll. Er ist Whiskysammler, kein Whiskyspekulant. Er staubt die Bouteillen nicht ab, er schenkt jeden seiner Whiskys aus.

Seine Leidenschaft brachte ihm den Titel "Master of Malt". Den vergibt die schottische "Master of Malt and the Malt Whisky Association" an Zeitgenossen, die sich um das "Wasser des Lebens" besonders verdient gemacht haben. Horst Kroll war der erste Deutsche, dem diese Ehre zuteil wurde. Deshalb darf er in schottischen Destillen Fässer erwerben und als eigene Abfüllung ausschenken. Als "Master of Malt" darf er auch eigene Blends komponieren.

Die neue Unübersichtlichkeit

Der gute Mann könnte also zufrieden sein in seiner Whiskyresidenz. Ist er aber nicht: "Nachdem sich immer mehr Firmen entschlossen hatten, den wunderbaren Nektar nicht nur in ihren Markenwhiskys verschwinden zu lassen und ihn als Single Malt herauszurücken", grantelt der Kirner Maltexperte, "nähren die Firmen mit immer neue Abfüllungen den Maltboom."

Aus der Sicht der Malttrinker, die sich immer gewünscht haben, alle rund 125 schottischen Destillen ausprobieren zu können, liegt Horst Kroll richtig. Ein Malt pro Brennerei, das kann man in einer überschaubaren Zeit schaffen. Und man könnte sich Maltkenner nennen. Allein die Schotten spielen nicht mit. Und beschicken den Markt mit immer mehr neuen Abfüllungen. Man könnte Firma für Firma, Brennerei für Brennerei aufzählen und von fast allen berichten, dass sie den Markt der Malts bereichert haben. "Es gibt so viele neue Malts, dass es nahezu unmöglich ist, die Übersicht zu behalten", sagt Kroll.

Weil sich die magische Zahl von rund 125 Brennereien (inklusive stillgelegter und ruhender Brennereien) nun mal kaum vergrößern lässt, füllen die Eigner nicht nur einen Single Malt von jeder Distillery, sondern mehrere. Um nur ein Beispiel zu nennen: Von Bowmore, der ältesten Brennerei auf der Insel Islay, bietet der offizielle Distributeur in Deutschland inzwischen sechs Erzeugerabfüllungen (Legend, 12yo, 15yo, 18yo, Tempest, 25yo) an.

Zur neuen Unübersichtlichkeit trägt bei, dass die etablierten Erzeuger Konkurrenz von so genannten "unabhängigen" Abfüllern bekommen haben. Das Vergnügen über den Variantenreichtum hat aber noch kein Ende. Der Markt der "unabhängigen" Abfüller wurde jahrelang von den Firmen Gordon & MacPhail, Cadenhead und Signatory geprägt. Nun drängen neue "unabhängige" Abfüller ins Geschäft: Blackadder, Piper's Preferred, Glenhaven, Scott's MacDavid, um nur einige zu nennen. Auch deutsche Händler bieten mittlerweile eigene Fassabfüllungen an. Der Maltmarkt avanciert also zu einem Fass ohne Boden.

Die Renaissance der Malts ist gerade mal 20 Jahre alt

Dabei war diese Urform des Whiskys lange Zeit praktisch in Vergessenheit geraten. Seit mindestens einem halben Jahrtausend versteht man sich in Schottland aufs Whisky-Brennen. Malt Whisky, destilliert aus gemälzter Gerste, Wasser, Hefe und sonst gar nichts, ist ein Naturprodukt. Aber er wurde erst in den vergangenen 20 Jahren wieder entdeckt.

Zuvor hatte der Scotch ihm längst den Rang abgelaufen. Die Schotten dachten wohl: Whisky müsste leicht schmecken und wäre damit auch leichter zugänglich für ungeübte Gaumen. Die Lösung für dieses Problem kam 1826 mit der Erfindung einer neuen Destilliermethode. Ein säulenförmiger Brennapparat erlaubte es erstmals, Whisky kontinuierlich zu brennen, statt jedes Mal umständlich die kupfernen Brennblasen neu zu füllen. Das war schneller und billiger, zumal man damit auch ungemälzte Gerste und andere Getreidearten brennen konnte. Erwünschter Nebeneffekt: Dieser "Grain Whisky" war deutlich leichter als Malt Whisky.

Von da an wurde experimentiert, wurden Malt und Grain Whiskys miteinander verschnitten. Dieses Blending war die Geburtsstunde der großen Whisky-Marken. Der Tag der Malts verging, Johnnie Walker und seine Kollegen kamen. Scotch wurde zum Welterfolg, viele Blends zum Exportschlager.

Geblendet von den neuen Absatzmöglichkeiten, produzierten die Malt-Destillerien bald nur noch für die großen Marken - über Generationen. Nur wenige füllten noch ihren eigenen, unverschnittenen Whisky als Single Malt auf Flaschen. Etwa die Brennerei Glenfiddich, der wir die Renaissance des Malts verdanken: Mitte der 1960er Jahre begann Glenfiddich als erste Destillerie, Single Malt auch außerhalb Schottlands zu vermarkten. In den siebziger Jahren begannen die ersten Nachzügler, ebenfalls ihren Malt selbst abzufüllen und zu exportieren.

Spekulieren mit Malt

Heute werden weltweit 90 Millionen Kisten schottischer Whisky verkauft. Das sind 33 Flaschen, die da über den Tresen gehen - pro Sekunde. Das Brennwunder spielt sich ab auf den Inseln und im dünn besiedelten schottischen Hochland, in den Lowlands von Glasgow und im Nordosten in Speyside. Die Welt will immer mehr Whisky trinken, und 40 Prozent der globalen Erzeugung stammen aus Schottland, wo heute noch 107 Destillerien in Betrieb sind.

In den vergangenen zehn Jahren haben sie ihre Produktion um rund die Hälfte gesteigert. Vor allem Schwellenländer wie Singapur, Südkorea, Südafrika und Brasilien haben einen gewaltigen Nachfragesog geschaffen. Aber auch in Europa (insbesondere Frankreich, Spanien und Griechenland) ist Whisky kein Altherrengetränk mehr. In Deutschland sind Käufer zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig inzwischen die mit Abstand wichtigste Kundengruppe. Für Schottland ist der Whisky nach dem Nordseeöl das wichtigste Exportgut.

Auch wenn Malt Whisky inzwischen wieder 10 Prozent Marktanteile erlangt hat, er ist ein Nischenprodukt geblieben - für Maltliebhaber und Maltsammler. Weil Single Malts allerdings vergleichsweise hohe Preise erzielen, generieren sie fast 20 Prozent des Whisky-Umsatzes, der im Jahr 2008 allein im Export bei 3 Milliarden Pfund Sterling lag.

So mancher Malt entpuppt sich auch als lukratives Spekulationsobjekt. Bei einer im Maltversteigerung des Aktionshauses Bonhams in New York erzielte im vergangenen Juni ein 50 Jahre alter Macallan Anniversary Malt 9250 Dollar.

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