Lisa Lu und Wang Quan'an Duell mit Stäbchen

Der eine attackiert mit Krebsen, sein Rivale kontert mit Buddhas Lieblingssuppe. In "Tuan Yuan", dem chinesischen Eröffnungsfilm der Berlinale 2010, ist das Essen ein subtiles Duell um die Liebe einer Frau. Anlass, mit dem Regisseur Wang Quan'an und der Hauptdarstellerin Lisa Lu über Essen, Tabus und Tischmanieren zu sprechen.
Von Madeleine Jakits und Stefan Elfenbein

Frage: Frau Lu, Herr Wang, es ehrt uns, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Wenn wir Ihnen zum Auftakt ein Glas Champagner anbieten - wäre das nach chinesischen Spielregeln der korrekte Einstieg? Oder ganz falsch? Was würden Sie uns denn als Gastgeberin offerieren?

Lisa Lu: Ich würde davon ausgehen, dass unser Schnaps für Sie als Europäer zur Begrüßung zu stark wäre. Aus Respekt würde ich daher etwas Sanfteres wählen, einen Wein. Es gibt gute chinesische Weine. Um die Respektsbezeugung noch zu steigern, könnte man auch einen westlichen Wein wählen, vielleicht sogar einen aus Ihrem Land. Den Champagner, übrigens, nehme ich jetzt gern …

Wang Quan'an: Sie müssen aber wissen: Der Schnaps kommt in China dann trotzdem auf den Tisch, und zwar in dem Moment, in dem das Gastmahl auf seinen emotionalen Höhepunkt zusteuert - wenn Freundschaft angeboten wird oder die Vertragsverhandlungen kurz vor dem erfolgreichen Abschluss stehen. Mit Schnaps wird bei uns alles besiegelt, manchmal bis zum bitteren Ende …

Frage: Bis einer vom Stuhl fällt?!

Wang Quan'an: So etwa. Aber das Trinken mit Gästen hat durchaus seinen Zweck: Die Tiefe der Freundschaft wird geprüft oder die Ernsthaftigkeit eines Angebots, man bezeugt Sympathie oder festigt Hierarchien - wer stößt wann mit wem an und wie oft? Aber keine Sorge, es wird heutzutage auch vorbehaltlos akzeptiert, wenn Sie als Besucher erklären, dass Sie keine harten Getränke mögen. Eines allerdings sollten Sie bedenken: Entweder gar keinen Schnaps trinken - oder aber richtig! Ein halbherziger Mittelweg, auch wenn er freundlich gemeint ist, kann mit Chinesen am Tisch zu großen Missverständnissen führen.

Frage: Damit wir also nicht alles falsch machen, helfen Sie uns bitte. Wie würde unser Lunch in China denn jetzt weitergehen?

Lisa Lu: Der Ranghöchste am Tisch, meist der Älteste, begrüßt die Gäste. In der Familie ist das üblicherweise die Gastgeberin. Der Ehemann sitzt dann gerne selig daneben. Da ich inzwischen meist die Älteste am Tisch bin, wie ja auch jetzt, würde ich zum Beispiel so anfangen: "Liebe Gäste, ich bitte Sie, jetzt ein Glas Champagner mit mir zu nehmen!" Und dann stoße ich mit allen meinen Gästen in der Reihenfolge ihres Ranges an.

Wang Quan'an: In der Familie ist das einfach. Beim Geschäftsessen allerdings muss der Gastgeber die Rangordnung am Tisch sehr genau klären, bevor er das Essen eröffnet. Er wird sich vorab informiert haben und studiert noch einmal genau die ihm überreichten Visitenkarten, klärt bei der ersten Zusammenkunft im Small Talk vielleicht noch unklare Details, die er mit scheinbar unverfänglichen Fragen herauskitzelt. Die Rangniederen, so will es unsere Erziehung, schweigen in dieser Phase, nur der Ranghöchste, der Gastgeber in diesem Fall, stellt Fragen. Erst wenn ihm die Hierarchien klar sind, bittet er seine Gäste an den Tisch. Und natürlich darf keiner trinken oder essen, bis er begrüßt und das Zeichen gibt für: "So, jetzt wollen wir mal anfangen!"

Wichtige Gäste bedient man mit den besten Stücken

Frage: Und dann? Beim Geschäftsessen zum Beispiel liegen ja meist Stäbchen und ein Silberlöffel neben den Tellern. Und die Gerichte werden alle nacheinander in kleinen Schüsseln in die Tischmitte gestellt. Bedient man sich selbst? Und wie?

Wang Quan'an: Mit dem Löffel füllt man das Essen auf den eigenen Teller. Aber Vorsicht, niemals nimmt man dafür die Schüsseln in die Hand, um sie näher zu sich heranzuholen! Niemals! Der Löffel dient aber auch zum Vorlegen, also um anderen vom Essen auf den Teller zu legen. Und da wird es wieder kompliziert: Man bezeugt damit Respekt oder Zuneigung.

Aber natürlich darf nicht einfach jeder jedem etwas auf den Teller legen. Wichtige Gäste bedient man, natürlich nur mit den besten Stücken. Dabei müssen sich aber Gebender und Nehmender im Rang nahestehen. Alles andere wäre eine Anmaßung. Bei Geschäftsessen kann es allerdings auch mal passieren, dass eine Person mit hohem Rang einem Rangniederen vorlegt. Dies gilt dann als große Wertschätzung einer besonderen Leistung des Untergebenen. Und schließlich: Gegessen wird nicht mit den Löffeln, sondern mit Stäbchen.

Lisa Lu: Es gibt bei uns in vielen Familien die wohlmeinenden Tanten, die immer noch einmal vorlegen, obgleich man schon längst satt ist. Auch ich hatte so eine Tante. Sie wusste ganz genau, welche Bissen ich als kleines Mädchen am liebsten mochte. Immer wenn sie am Tisch saß, hieß es: "Oh, Kindchen, iss doch noch!" Ich habe dann die Strategie entwickelt, schon sehr zeitig zu sagen: "Tantchen, ich kann nicht mehr!" So konnte sie mir dreimal nachlegen, und für meinen Appetit war es dann genau richtig.

Frage: In Ihrem Film "Tuan Yuan" wird ständig in großer Runde gegessen. Und jeder am Tisch reicht den anderen kreuz und quer die Häppchen zu - und zwar mit den eigenen Stäbchen, die er auch schon im Mund hatte …

Wang Quan'an: Innerhalb der Familie darf man die eigenen Stäbchen zum Vorlegen benutzen. Da ist man sich ja vertraut, das ist eine Geste der Intimität. Bei Geschäftsessen nimmt man aber immer und unbedingt die Vorlegelöffel. Und es wird auch immer nur aus dem Bereich auf dem Teller oder in der Schüssel ausgewählt, der noch nicht von anderen am Tisch angerührt worden ist.

Frage: Wie benehmen wir Westler uns anständig bei chinesischen Delikatessen, die wir auch beim besten Willen einfach nicht herunterkriegen: Seegurke, Qualle, Vogelnest …?

Wang Quan'an: Kein Problem! Man sollte höflich sagen: "Das bin ich nicht gewohnt", oder: "Das ist mir fremd." Man sollte dabei aber bitte nicht angewidert das Gesicht verziehen.

Alle wirklichen Entscheidungen fallen beim Essen

Frage: Wir müssten also Entenfuß und Hahnenkamm nicht heimlich unter den Tisch fallen lassen … Wie ist es aber mit Reklamationen im Restaurant: Lässt man auch in China ein versalzenes Gericht zurückgehen?

Wang Quan'an: Nein, das sollte man nicht tun. Das wäre für alle Betroffenen eine unschöne Situation. Jedes Essen in China hat immer auch eine zwischenmenschliche Bedeutung. Und dabei sind die Gespräche, die Themen, über die man redet, sehr viel weniger wichtig, als das, was man tut. Man beobachtet einander genau - wo liegen Gemeinsamkeiten, die Differenzen? Wie aufmerksam ist der andere, wie egoistisch?

Geschäftsbesucher aus dem Westen denken manchmal: "Ich hab' da ein tolles Produkt anzubieten, das wird schon alle überzeugen." Aber so ist das nicht: Alle wirklich wichtigen und endgültigen Entscheidungen werden in China - privat wie geschäftlich - erst beim Kennenlernen bei der ausgedehnten gemeinsamen Mahlzeit getroffen.

Frage: Genau das zeigt ja auch Ihr Film "Tuan Yuan". Nach Jahrzehnten kommt der ehemalige Soldat Liu Yansheng aus dem Exil in Taiwan zum ersten Mal wieder in seine Heimatstadt Shanghai. Er hat die tollkühne Absicht, die Liebe seines Lebens, Qiao Yu'e, nach Taiwan zu holen - er hatte die junge Frau bei seiner Flucht schwanger zurückgelassen. Qiao Yu'e, ihre Familie und sogar ihr Ehemann nehmen den Besucher trotz seines Ansinnens freundlich auf, dem Eindringling wird sogar ein Bett im Haus der Familie bereitet. Doch dann ziehen die Männer in eine Schlacht, die westliche Zuschauer erst allmählich als solche begreifen: Die Männer kaufen herrlichste Köstlichkeiten ein und bereiten einander Festessen zu …

Wang Quan'an: Hier kommt eine Ebene der chinesischen Esskultur ins Spiel, über die wir noch nicht gesprochen haben: die Symbolik, die tiefere innere Bedeutung von Zutaten, Gerichten …

Lisa Lu: … und natürlich haben fernöstliche Männer ähnliche Gefühle wie westliche Männer. Sie haben auch an Konflikten zu knabbern, nur die Art und Weise, sie zu lösen, ist bei uns ganz anders.

Wang Quan'an: Qiao Yu'es Ehemann eröffnet also den Kampf um seine Frau, indem er, wenn auch zu ihrer Missbilligung, dem Gast die allergrößten und teuersten Krebse kocht, die er auf dem Markt finden konnte. Er will dem Nebenbuhler damit sagen: "Meine Großzügigkeit soll dich beschämen und dir zeigen, wie klein und schäbig du bist." Die Botschaft kommt an. Liu Yansheng erkennt im späteren Verlauf der Geschichte, dass er seine Jugendliebe nicht mitnehmen kann.

Obgleich er weiß, dass er in diesem stillen Zweikampf unter Rivalen verloren hat, kocht er für den inzwischen erkrankten Ehemann eine aufwendige Suppe namens "Buddha springt über die Mauer". Diese Suppe ist seine Revanche, sein "großer Krebs" für den Gegner. Denn sie ist sehr kostspielig zubereitet, nur aus dem Besten, das Himmel, Erde und Wasser hervorbringen, keine Zuchtfische, nur beste Ware aus Wildfang. Diese Wahl der Waffen drückt äußerste Wertschätzung aus. Diese Geste - die Niederlage mit gleichzeitig ostentativer Großzügigkeit - erlaubt es allen, am Ende das Gesicht zu wahren.

Die Weisheit der Küche funktioniert ohne viele Worte

Lisa Lu: Das ist etwas sehr Chinesisches - wir möchten eine komplizierte Situation auflösen, beenden, indem alles zum Anfang zurückgeführt wird, nach dem Prinzip: "Es ist zwar viel passiert, aber jetzt können wir uns alle wieder in die Augen schauen." Mit seiner Suppe hat Liu Yansheng gewissermaßen den Reset-Knopf gedrückt, ohne viele Worte, aber durch die Weisheit der Küche. Auch wenn sich ein Paar in China einmal streitet, sagt man zur Versöhnung nicht etwa: "Es tut mir Leid." Nein, man sagt zum anderen: "Ich koch' dir jetzt was Schönes!"

Frage: Was würden Sie einem Mann kochen, dessen Herz Sie gewinnen möchten?

Lisa Lu: Ich würde ihn genau studieren, um herauszufinden, was ihm schmeckt, was sein Leibgericht ist. Genau das würde ich ihm servieren. Denn er wüsste dann sofort, wie wichtig er mir ist. Entscheidend ist aber, dass alles über das Herz geht. Man würde nie direkt nach Wünschen fragen. In dem Moment, in dem ein Wunsch ausgesprochen wird, hat die Information schon an Wert verloren. Meine Mutter hat meinen Vater kulinarisch erobert. Er liebte Fleisch. Und selbst als die beiden schon verheiratet waren und Hauspersonal hatten, wies sie die Köche an, jeden Tag ein anderes Fleischgericht zu kochen, nichts durfte sich wiederholen. Ja, das war Liebe!

Frage: Herr Wang, kurz zurück zu Buddhas Suppe. Sie haben von Fisch aus Wildfang und natürlichen Zutaten gesprochen …

Wang Quan'an: Gemeint sind Lebensmittel, die natürlich gewachsen sind, ohne Chemie und Wachstumshormone. In ihnen steckt mehr Yin Yang, gute Energie. Sobald sich der Mensch über die Gesetze der Natur hinwegsetzt, auch auf dem Acker, wird nämlich das Gleichgewicht gestört, die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Industriell erzeugtes Obst, Gemüse, Fleisch, auch Fisch, haben weniger Nährwert, und sie liefern kaum Lebenskraft.

Lisa Lu: Im Westen scheint mir das Essen auf seine kulinarischen und ästhetischen Werte reduziert zu sein. Man liebt - wie in Amerika - sein Obst und Gemüse möglichst groß, perfekt. In China ist das anders. Wir wissen: Was wir essen, hat eine tiefere Bedeutung und verändert uns. Selbst in Großstädten wie Shanghai oder Peking, wo es überall moderne Supermärkte gibt, wird saisonal gekocht. Bestimmte Produkte sollten eben nur zu bestimmten Jahreszeiten gegessen werden. Essen hat für uns viel mit Gesundheit, Heilkraft und Philosophie zu tun.

Frage: Haben Sie keine Angst, dass sich auch China verändert? Es gibt auch dort Fastfood, neuerdings sogar übergewichtige Kinder. In Ihrem Film trinkt die Jüngste der Familie als Einzige zum Essen eine Coca-Cola.

Wang Quan'an: China war so lange verschlossen. Natürlich will man jetzt teilhaben an der Welt, modern sein. Nach dem Fastfood entdeckt man in den Städten zurzeit gerade die italienische Küche. Aber auch die Diskussion um Bio hat begonnen, und es gibt sogar einen Aufschwung der Regionalküchen. Viele Chinesen kommen schon zu dem Schluss: "Gut, ich kenne jetzt das Neue, aber eigentlich schmeckt mir das Alte besser."

Trinkgeld wird eher als überheblich empfunden

Lisa Lu: Vieles verändert sich in China. Aber unsere Esskultur wird bleiben, da bin ich mir sicher. Ganz sicher! Unser Essen ist das, was uns ausmacht, seit Jahrtausenden.

Frage: Wir sind schon beim Dessert. Der Moment für die Rechnung kommt näher, und das wollen wir Sie unbedingt noch fragen: Wie handhabt man denn im Restaurant die Bezahlerei in China am elegantesten?

Wang Quan'an: In der Regel sieht es für Westler am Ende jedes Essens so aus, als würde ein heftiger Streit darüber entstehen, wer bezahlt. Das ist aber nur ein Spiel. Jeder weiß, wer dran ist. Sie müssen also, wenn Sie bezahlen wollen, mitspielen, energisch bleiben, insistieren. Am besten wäre es, wenn Sie schon vor Fälligkeit der Rechnung, vielleicht auf dem Weg zur Toilette, im Stillen alles bezahlt hätten, ohne dass die Tischgesellschaft davon etwas mitbekommen hätte. Im richtigen Moment könnten Sie diesen Trumpf dann aus der Tasche holen.

Frage: Gibt man in China auch Trinkgeld?

Wang Quan'an: Nein, kein Trinkgeld! Man lässt auch nichts auf dem Tisch liegen. Das wird nicht gern gesehen. Servicepersonal hat in China feste Gehälter. Trinkgelder brächten das Gehaltsgefüge aus der Balance, und Ihre Geste würde eher als überheblich empfunden.

Frage: Welches wäre der größte Fauxpas, den man uns Europäern bei Tisch in China ankreiden könnte?

Wang Quan'an: Trotz all unserer Regeln nicht herzlich sein und bloß steif und teilnahmslos dasitzen …

Lisa Lu: … oder gelangweilt im Essen herumstochern, nicht wirklich genießen!

Frage: Hat Ihnen in Deutschland etwas besonders gut geschmeckt?

Lisa Lu (überlegt erst eine Weile): Ich mag die Würste, besonders die Leberwurst.

Wang Quan'an: Und ich mag das deutsche Frühstück. Hier isst man am Morgen wohl so viel, damit man den ganzen Tag über hart und konzentriert arbeiten kann?

Frage: Was würden Sie Ihren Freunden zu Hause über die Deutschen und ihre Kultur erzählen - in zwei Sätzen?

Wang Quan'an: Die Deutschen haben viele große Dichter und Denker, Wissenschaftler und Komponisten hervorgebracht. Sie haben die besten Ingenieure, die besten Autos, sie sind in so vielem führend. Aber warum essen sie bloß so einfach?

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