Dienstag, 21. Mai 2019

Obstbrände Edle Geister

Branntweine aus Obst und Trester haben einen ambivalenten Ruf: Er schwankt zwischen billiger Vulgärspirituose und Luxusdestillat zu Apothekerpreisen. In jüngster Zeit sorgen jedoch Brenner aus Italien, Österreich und Deutschland mit aufregenden Edelschnapsraritäten für eine Imagekorrektur.

Destillate haben einen schillernden Ruf. Die schier endlose Skala der Benennungen reicht von Fusel über Schnaps, Sprit, Teufelsgesöff geradewegs bis zu "aqua vitae". Wasser des Lebens nannten unsere Ahnen den ersten Schnaps. Und meinten damit wohl dessen wohltuende, stärkende und belebende Eigenschaften. Dass unsere findigen Altvorderen zuerst nur Wein brannten, liegt auf der Hand. Freilich lassen primitive Brennmethoden kaum hervorragende Resultate vermuten. Das so gerühmte Lebenswasser war in Wirklichkeit eine stinkende, den Gaumen ätzende Flüssigkeit, die eher den Namen "Feuerwasser" verdient hätte.

Durchtrieben wie die alten Panscher waren, tranken sie die trübe Lauge nicht so, wie sie die Brennblase verließ, sondern mischten sie - übrigens genau wie ihre Weine - mit aromatischen Blumen, Kräutern, Wurzeln und (wer es sich leisten konnte) mit Goldplättchen.

Arnoldus de Villanova, hochangesehener Chemiker, Mediziner und Pharmazeut im 13. Jahrhundert, soll der erste gewesen sein, der dem aromatisierten Branntwein Zucker zusetzte. Heutzutage ist diese Methode zumindest unter Edelbrennern verpönt. Seinerzeit war es ein Fortschritt. Es entstand Hochprozentiges zur "Erhaltung der Jugend" (de conservanda juventute). Villanovas Nachfahren verbesserten im Lauf der Jahrhunderte die Brennmethoden. Sie erfanden bessere Destillationsapparate und kultivierten das fuselige Gesöff zum salonfähigen Edeldestillat. Seither haben viele Länder und unzählige Generationen um die Ehre gefeilscht, den besten Schnaps zu brennen.

Viele Länder trugen mit einer gebrannten Spezialität zur Erwärmung des Gemüts und Erhaltung der Jugend und Gesundheit bei. Unsere französischen Nachbarn frönten dem Armagnac, Cognac und Calvados. Auf den britischen Inseln wurden hervorragende Whiskys destilliert. Die Skandinavier liebten den Aquavit, Russen und Polen gönnten sich ihren Wodka. Und hierzulande glänzte der Doppelkorn.

Bewegung in den Markt kam erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Italiens Beitrag zur Kulturgeschichte der hochprozentigen Tafelfreuden: Grappa. Der Tresterschnaps ließ insbesondere deutsche Digestif-Herzen schneller schlagen. Grappa war traditionell ein Arme-Leute-Fusel. Ein Abfallprodukt, gebrannt aus gepressten Traubenresten. Den Tresterschnaps überließen die Patroni meist nur allzu gern den Bauern und Tagelöhnern.

Dann traten Giannola und Benito Nonino auf den Grappa-Plan. Das Ehepaar brannte Anfang der Siebziger gezielt anstelle eines zufälligen Trester-Gemisches jeweils nur Trester einer Traubensorte. Damit auch jeder merken konnte, dass Grappa nun ein anderes Produkt ist, präsentierten die Friauler das Destillat nicht mehr in der herkömmlichen Literflasche, sondern in einem Viertelliter-Glas.

Mundgeblasen, mit einem versilberten Verschluss und mit Giannola Noninos handgeschriebenen Etiketten, glich das kostbare Ding einem Parfum-Flakon. Ein geniales Marketing: Das Auge trinkt mit. Zur zeitgemäßen Ausstattung von Grappa gehört auch die Form der Flasche. So kam, was kommen musste. Mit Cognacpreisen avancierte der derbe Tresterschnaps zum salonfähigen Edel-Destillat. Die Noninos waren die Pioniere der beispiellosen Grappa-Welle, die Mitte der Achtziger in Deutschland begann und durch ganz Europa schwappt. Grappa gehört ebenso zur Lebensart "Made in Italy" wie Alessi-Kessel oder eine Armani-Jeans.

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