Emilia-Romagna Fleischeslust auf Italienisch

Zarter, aromatischer Culatello-Schinken, frisches Brot, beste Butter und fangfrischer Fisch - die Emilia-Romagna hat ihren Ruf als eine der Feinschmeckerregionen Italiens nicht ohne Grund. Bei einer Fahrradtour lassen sich kulinarische und touristische Genüsse aufs Beste miteinander verbinden.

Ferrara - Der Culatello hängt an Ketten dicht gedrängt über- und nebeneinander und lässt in dem kühlen Keller wenig Platz. Die Fenster der alten Kellergewölbe lassen feuchte Luft vom nahen Fluss herein. Der kostbare Schinken soll unter idealen Bedingungen reifen. Der Meister Massimo Spigaroli aus der norditalienischen Provinz Emilia-Romagna überwacht alles selbst. Auf die Frage, was der Culatello-Vorrat unter seinem Dach wohl wert sei, schweigt der 51-jährige Junggeselle und lächelt zufrieden.

Die Antica Corte Pallavicina in Polesine Parmense, ein Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert, ist bestens geeignet, um edlen Schinken und Parmesankäse zu lagern und durchreisenden Gästen, auf der Suche nach den vielfältigen kulinarischen Kostbarkeiten der Region, eine vorzügliche Rast zu gewähren.

Massimo Spigaroli und sein Bruder Luciano haben in der fruchtbaren Po-Ebene eine ökologische Landwirtschaft aufgebaut, abseits des Massentourismus und so dicht am Flussbett, dass man annehmen könnte, schon ein mittelschweres Hochwasser würde dem ehrwürdigen Anwesen leicht ein jähes Ende bereiten. Aber die dicken Mauern des Landgutes haben schon viele Fluten überstanden. Man gibt sich optimistisch.

In 18 Jahren bauten die Spigaroli-Brüder das Gebäude zu einem Landhotel mit benachbartem Restaurant und angeschlossener Agrarwirtschaft aus. Spigarolis Leidenschaft gilt dem schwarzen Schwein (Nera Parmigiana), das den berühmten Culatello liefert.

In wenigen Orten der Region wird der Culatello di Zibello in Handarbeit hergestellt und zertifiziert. Der Schinken ist am Ende so weich, als wäre er schon einmal durch den Fleischwolf gegangen. Spigaroli ist überzeugt, dass es der beste Schinken ist, den es gibt. Die Spezialität ist in der Parma-Region für etwa 65 Euro pro Kilo zu haben, im weltweiten Handel wird noch deutlich mehr verlangt.

Die Rasse der schwarzen Schweine kam ursprünglich aus Spanien. Der Prinz von Wales, als Ökolandwirt bekannt, hält ebenfalls Schweine, musste laut Spigaroli aber feststellen, dass der Aufschnitt aus der Po-Ebene besser schmeckte als der von seinen eigenen Ländereien. Man verständigte sich darauf, dass Spigaroli Prinz Charles regelmäßig Culatello-Schinken, Salami und Bauchspeck liefern würde. In der Empfangshalle des Landhauses am Po zeugt ein Foto des Kronprinzen von der prominenten Geschäftsbeziehung unter Schlossherren.

Auf den feuchten Wiesen entlang des Flusses Po in der Region Emilia-Romagna gedeihen nicht nur Schweine, Kühe, Hühner, Gänse und Enten prachtvoll. Auf den Feldern werden auch Äpfel, Birnen, Melonen, Tomaten, Spargel, Kürbisse - eine typische Spezialität der Region - und sogar Reis angebaut. Der Tourismus setzt in dieser Region verstärkt auf die agrarökologische Komponente. Brot, Käse, Milch, Butter, Wurst, Schinken, Marmelade und Eier aus hauseigener Herstellung schmecken hervorragend.

Mit dem Fahrrad den Po entlang

Eine - nicht ganz billige - Delikatesse der Region sind zudem Fisch, Schnecken und Muscheln aus dem Po und der Adria. Leider ist es bisher nicht gelungen, den rund 650 Kilometer langen Po, den größten Fluss Italiens, auch nur annähernd auf Trinkwasserniveau zu bringen. Die Wasserqualität, merkt ein Geologe und Po-Kenner aus der Region an, sei mäßig. Das hält Angler auch aus Deutschland freilich nicht von touristischen Fischzügen ab. Beliebt ist hier vor allem das Fischen auf Wels.

Welse oder auch Waller genannt sind die größten Fische, die in Europa in Flüssen und Seen vorkommen, und für Sportangler am Po und seinen zahlreichen Nebenflüssen eine gerne gesuchte Herausforderung. In dem bis zu 24 Meter tiefen Fluss leben Welse von beachtlicher Größe, manche Exemplare sind über 100 Kilogramm schwer. Ein deutscher Angeltourist holte erst im März 2009 einen 118 Kilo schweren und rund 2,50 Meter langen Wels aus dem Po.

Wer den Ökotourismus in der Emilia-Romagna klimaneutral befördern will, nimmt das Fahrrad und kann sich entlang des Po gemütlich und auf den Deichen mit schönem Blick auf fruchtbare Felder und Pappelwälder fortbewegen. Malerisch ist die Strecke zwischen Mesola und Gorino, wo sich der Fluss mit seinem sehr breit gezogenen Delta in das Adriatische Meer ergießt. Die Gegend ist beliebt unter Ornithologen wegen der Wasservögel, Stelzvögel und Reiherarten, die in den Feuchtwiesen nach Nahrung suchen. Am Po-Delta locken Fischlokale zum Verweilen, die Miesmuscheln, Venusmuscheln, Krabben, Langusten, Schnecken und Austern im Angebot haben.

Die Region ist reich an interessanten Ausflugszielen, darunter das prächtige Landgut von Giuseppe Verdi (1813-1901) in Sant'Agata unweit von Busseto, wo der Meister komponierte und sich in einem parkähnlichen Garten mit exotischen Pflanzen und Bäumen umgab. In der zum Museum ausgebauten Villa Verdi sind der Schreibtisch des genialen Komponisten und darauf ein Gipsabdruck seiner Hand zu bestaunen, die so wegweisende Opernwerke wie "Nabucco", "Rigoletto" oder "Aida" schuf. Verdi wird in seiner Heimat verehrt wie ein Halbgott.

Sehenswert ist auch die alte Universitätsstadt Ferrara, deren Zentrum mit bedeutenden Renaissancebauten zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Ferrara, das schon im frühen Mittelalter entstand, verbindet heute die Gemütlichkeit einer Kleinstadt mit der lässigen Eleganz einer südländischen Kulturhochburg, wo Theater, Konzerte und folkloristische Straßenfeste ein kundiges Publikum finden.

Ferrara gilt auch als die Fahrradhauptstadt Italiens, begünstigt durch die Tatsache, dass die vielen kurvigen Gassen für Autos schlicht ungeeignet sind. Von Ferrara aus gibt es eine Anbindung an den "Destra Po", einen Radwanderweg, der zur Eurovelo-Route 8 gehört. Der "Destra Po", der überwiegend nur für Radfahrer und Fußgänger zugelassen ist, führt über rund 125 Kilometer von Stellata im Westen bis zur Mündung des Po di Goro an der Adria.

Die Italiener lieben Fahrräder, pflegen allerdings eine sehr spezielle Art des Radfahrens, die mehr auf den sportlichen Aspekt abhebt. So sind auf den Radrouten kaum bepackte Radwanderer zu sehen wie etwa in Deutschland oder Holland. Georg Sobbe, Schauspieler, Touristenführer und Lebenskünstler, der vor Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Ferrara kam, merkt dazu an, es dominiere ganz klar der Radsportgedanke und mancher Italiener verstecke zu Hause ein teures Rennrad, das nur zu besonderen Anlässen hervorgeholt werde. Und selbstredend verkörpert auch der Radsport-Italiener in der Ferrari-Region vollendete Eleganz.

Peter Coesfeld, ddp

Gourmetparadies: Die Emilia-Romagna in Bildern

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