Michelin-Jubiläum Drei Sterne für Sarkos "Kantine"

In seiner Jubiläumsausgabe zum 100. Erscheinen zeigt sich der legendäre Restaurantführer Guide Michelin gnädig: Anders als in den vergangenen Jahren wird kein französischer Gourmet-Tempel aus dem Drei-Sterne-Olymp verstoßen. Doch die Zeiten werden auch für Spitzenköche härter.

Hamburg - In der am Montag in Paris vorgestellten Edition erhält das Pariser Nobelrestaurant "Le Bristol" in Nachbarschaft des Elysée-Palasts, in dem auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy öfters speist, zum ersten Mal die begehrten drei Michelin-Sterne. Die Küche habe endlich die notwendige Beständigkeit erreicht, begründete Michelin-France-Chef Jean-François Mesplede die Kür.

Der rote Guide Michelin ist 1900 zum ersten Mal erschienen, damals noch als Verzeichnis mit Reifenherstellern und Werkstätten für die ersten Autofahrer des Landes. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ratgeber um Herbergen erweitert, inzwischen ist er der weltweit wichtigste und von den Küchenchefs gefürchtetste Restaurantführer der Welt. Während der Weltkriege erschien der Reiseführer nicht - deswegen wird das "Hundertjährige" erst in diesem Jahr gefeiert.

In Frankreich listete der Guide Michelin in seiner aktuellen Ausgabe 548 Restaurants, 26 von ihnen sind mit drei Sternen ausgezeichnet. In die Zwei-Sterne-Kategorie wurden neun neue Küchenchefs aufgenommen. Das Maison de Bricourt verschwand von der exklusiven Liste, weil es geschlossen wurde. Das Schicksal eines weiteren Drei-Sterne-Tempels ist besiegelt: Marc Veyrat, einer der großen Kultköche Frankreichs, gab vor einer Woche bekannt, dass er seine Auberge de l'Eridan aus Gesundheitsgründen schließen werde.

Um den Erfolg des Gastroführers auch in der Krise beizubehalten, sucht der Verlag neue Kunden. So können sich iPhone-Nutzer das Kompendium der Haute Cuisine bald auf ihren Telefonen anschauen.

Auch sind neue Ausgaben geplant. Derzeit erscheint der rote Ratgeber in 22 Ländern beziehungsweise Stätten, die deutsche Ausgabe verzeichnet neun Drei-Sterne-Restaurants. In den kommenden Monaten würden weitere Städte in den USA sowie in Asien hinzukommen, kündigte Mesplede an.

Für die preiswerten Restaurants sieht Michelin-Direktor Jean-Luc Naret wegen der Wirtschaftskrise die größten Chancen. Dagegen würden die Toprestaurants eher von der Krise getroffen, meinte er, wenn auch weniger stark als oft befürchtet.

Zum Erscheinen der 2000 Seiten dicken 100. Ausgabe des seit 1900 vom Reifenkonzern Michelin herausgegebenen Führers findet in Frankreich ein "Gourmand-Monat" statt. 900 Restaurants bieten dazu besondere Menüs an. Ein geplantes Treffen der Drei-Sterne-Köche aus aller Welt war wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage und wegen des schlechten Ergebnisses des Reifenherstellers Michelin für 2008 wieder abgesagt worden.

Invasion mit Michelin im Sturmgepäck

Von Anfang an versprach der Führer eine gerechte und strenge, völlig unabhängige Bewertung. Kein "pot de vin", kein Schmiergeld, warnte das kleine Reifen-Männchen. 1908 wurde denn auch die bezahlte Reklame für Hotels im Guide abgeschafft, 1919 jede andere Fremdwerbung. Doch dafür mussten die Kunden den Führer nun kaufen.

André Michelin gehörte zum führenden Gourmet-Club des Frankreichs. 1926 ließ er den ersten Stern für gute Speisen drucken. Fünf Jahre danach wurde das bis heute unveränderte Wertungssystem etabliert, ganz aus der Sicht der Reisenden. Ein Stern: "Gute Küche", zwei Sterne: "Den Umweg wert", drei Sterne: "Lohnt eine Reise".

Nur während der Weltkriege konnte der Guide nicht erscheinen. Dafür druckte der patriotische Konzern Straßenkarten für den Generalstab. 1944 unterstützte Michelin die Landung der Alliierten in der Normandie: Der US-Militärgeheimdienst durfte die letzte Vorkriegsausgabe von 1939 nachdrucken. Damals gab es noch keine Satellitenfotos, kein Google und nur wenige andere Karten. So bekamen die US-Soldaten den Reiseführer mit genauen Stadtplänen - und kaum brauchbaren Gourmet-Tipps - ins Sturmgepäck, um Bayeux, Cherbourg oder Caën von den Deutschen zu befreien.

Seit 1970 empfiehlt das Reifenmännchen "Bibendum" nicht nur teure, sondern auch preiswerte Restaurants. Doch das Hauptinteresse galt schon damals den Sternen der Spitzenköche, unter denen Paul Bocuse einer der großen Rekordhalter ist. Sein Restaurant bei Lyon hat seit 44 Jahren drei Sterne.

manager-magazin.de mit Material von ap, afp und dpa

Fotostrecke: Wo die deutschen Sterne funkeln

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