Freitag, 15. November 2019

Teeverkostung Reine Geschmackssache

Bis zu 200 Teesorten verkostet Sandra Nikolei pro Tag. Die Prozedur ist standardisiert: 2,86 Gramm Tee müssen in 150 Milliliter Wasser exakt fünf Minuten ziehen. Nur wenige Sorten finden Gnade vor dem Geschmackssinn der Teetesterin.

Hamburg - Die blonde Frau nimmt schlürfend einen Schluck, gurgelt geräuschvoll und spuckt anschließend aus. Wer annimmt, sie befände sich beim Zahnarzt irrt - Sandra Nikolei verkostet Tee. Bis zu 200 unterschiedliche Teesorten probiert sie pro Tag. Das Schmatzen und Gurgeln hilft ihr, jede kleine geschmackliche Feinheit zu erkennen.

Die 33-Jährige ist Teetesterin bei der Ostfriesischen Tee Gesellschaft Laurens Spethmann GmbH & Co. KG und zuständig für den Einkauf der Teemarke "Meßmer". Neben der Qualitätskontrolle kreiert sie auch neue Sorten. "Außerdem bin ich mit meinem Kollegen verantwortlich dafür, dass zum Beispiel die Schwarzteemischung aus unserem Haus immer gleich schmeckt", berichtet Nikolei. An diesem Morgen verkostet sie in der Firma in der Hamburger HafenCity fünf Grüntees aus Indien.

Dazu gehört auch Fingerspitzengefühl: Nikolei gibt die Tees zuerst auf weiße Pappen und lässt sie dabei durch ihre Finger rieseln. Dann wiegt sie mit einer traditionellen Handwaage genau 2,86 Gramm ab. Das Gegengewicht ist ein Sixpence-Stück. "Das wird überall auf der Welt genau so gemacht. Die Prozedur zur Verkostung ist weltweit genormt", erläutert die Teeliebhaberin.

Das Konzentrat des Geschmacks

Diese 2,86 Gramm Tee ziehen dann in 150 Milliliter Wasser exakt fünf Minuten. "Das ist sehr viel Tee mit wenig Wasser und eine extrem lange Ziehzeit. Was dabei heraus kommt, ist quasi das Konzentrat des Geschmacks." Schon der erste feine Geruch nach dem Aufgießen verrate viel. Nachdem der Tee gezogen ist, beginnt dann das Schlürfen und Spucken. Gefällt Nikolei ein Tee, schiebt sie die Tasse auf dem Tisch nach vorne. Alles, was ihr nicht schmeckt, landet hinten. Heute ist es lediglich einer der fünf grünen Tees, der richtig gut ankommt.

Auf ungefähr 40 professionelle Teetester schätzt Nikolei bundesweit die Kollegenschar. Der Beruf sei nicht staatlich anerkannt und auch eine klassische Ausbildung gebe es nicht, sagt die Testerin. Ihre Leidenschaft für das Getränk habe sie schon früh entdeckt. "Ich habe während meines Studiums in einem Teeladen gejobbt, irgendwann ist der Nebenjob dann wichtiger geworden als das Studium." Sie brach die Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule ab und entschied sich, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Der erste Schritt war eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einer Teehandelsfirma. "Eine kaufmännische Ausbildung ist schon sinnvoll, weil man als Teeverkoster Einkauf im großen Stil betreibt." Schon bei ihrer Ausbildung im Einkauf gehörte die Verkostung mit dazu. Anschließend arbeitete sie in der Produktentwicklung und war sieben Jahre lang "Junior Tee Tester".

Wer Teetester werden möchte, müsse seinem Chef einfach zeigen, dass er einen guten Job macht, sagt die Handelsfrau. Es gibt weder eine feste Ausbildungszeit noch ein Abschlusszeugnis. "Das ist eher ein fließender Übergang, es gibt nicht so etwas wie einen Gesellenbrief." Auch nach getaner Arbeit bleibt die Berufstätige ihrem Lieblingsgetränk treu, eine warme Kanne Tee darf auch zu Hause nicht fehlen.

Anna-Maria Jeske, dpa

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