Besteckdesign Zweimal im Leben

Statistisch gesehen kauft jeder Deutsche zweimal im Leben eine komplette Besteckausstattung. Und die ist oft von Peter Bäurle gestaltet worden: 100 Millionen Besteckteile wurden nach den Entwürfen des Designers fabriziert, der 25 Jahre lang bei WMF arbeitete.

Geislingen - Das Blatt ist leer. Mit einem spitzen Bleistift teilt er das noch unberührte Weiß durch einen senkrechten Strich. Eine Markierung, nach der sich in den kommenden Minuten alles richten wird. Mit wachem Blick fliegen die stahlblauen Augen über das Papier. Hier eine Hilfslinie, dort entsteht eine Verdichtung. "Ich bin fertig", sagt Peter Bäurle mit einem Lächeln.

Der Designer kann auf eine 50-jährige Firmenzugehörigkeit zurückblicken, 25 Jahre davon als ausgesprochener Experte. Bäurle war bis vor kurzem Besteckdesigner bei Deutschlands führendem Besteck- und Küchengerät-Hersteller WMF in Geislingen.

Vor ihm liegt eine Löffelskizze des Bestecks "Vision", eine der erfolgreichsten Kollektionen von WMF. "Er ist für 25 Jahre der Dreh- und Angelpunkt für die Besteckentwicklung gewesen", sagt Designmanager Cornelius Boerner. "Fast in jedem deutschen Haushalt ist ein Besteck von uns in der Schublade."

Als Meilenstein für diesen Erfolg gilt der von der ThyssenKrupp Stainless-Gruppe entwickelter Werkstoff Cromargan. "Zwar ist das Material schwerer zu prägen als die bis dahin verwendeten Kupfer-Zink-Nickel-Verbindungen. Aber die Bestecke sind robuster, muten dennoch wie Silber an", sagt WMF-Sprecher Thomas Dix.

Besteckdesigner wurde Bäurle aus drei einfachen Gründen: "Glück, Fleiß und Können." Zwar habe er immer eine Eins beim Zeichnen in der Schule gehabt. Aber studiert, das habe er nie. "Heute wäre eine solche Karriere ohne Uniabschluss wohl nicht mehr möglich", sagt Bäurle. Neben der Ausbildung als Stahlgraveur lernte er als Modelleur alle Tätigkeiten im Atelier von der Pike auf kennen, ob bei Arbeiten aus Gips oder Metall - bis er Besteckdesigner wurde.

"Ohne Bleistift geht es nicht"

"Ohne Bleistift geht es nicht"

Heute kommen die Experten für edles Tischbesteck in der Regel von einer Hochschule und haben Industriedesign studiert. Im Haus entwickeln vier interne Designer neue Trends für Bestecke, Kochgeschirre und Kaffeemaschinen. Weitere bis zu 50 externe Kreative kooperieren eng mit den WMF-Fachleuten. "Wir arbeiten mit weltweit bekannten Designern zusammen. Dazu zählt auch die Architektin Zaha Hadid, die eine Besteckkreation für uns entworfen hat", sagt Boerner.

"WMF als Unternehmen hat historisch gesehen schon immer als designaffin gegolten", sagt Egon Chemaitis, Professor für Designgrundlagen an der Hochschule der Künste (HDK) in Berlin. "Die sind im Besteck zu Hause. Auch durch die Marke Cromargan hatten die einen großen Vorteil gegenüber dem Wettbewerber." Ein zentrales Element dabei sei Kommunikation, erklärt WMF-Designer Boerner. Es gehe darum, neue Trends aufzuspüren und den Zeitgeist in Gestalt und Form zu bringen.

"Dazu gehen wir auf Messen, schauen uns neue Wohnstile an, durchkämmen Modekataloge und achten auch auf jüngste Stile in der Architektur oder neue Richtungen in der bildenden Kunst." Etwa sechs Wochen brauche ein Design, um ein Design zu werden, sagt Altmeister Bäurle. Zwar entstünden heute die meisten Entwürfe am Computer, dennoch müssten die Experten hin und wieder zur klassischen Methode greifen. "Ganz ohne Bleistift geht es nicht."

Von puristisch bis floral

Design, Qualität und Langlebigkeit seien die Argumente, die für die Kunden in Deutschland für WMF sprechen. "Satt werden, ohne sich zu verletzen, kann man auch mit billigem Besteck", meint Boerner. Der deutsche Durchschnittskunde kaufe etwa zweimal ein Besteck in seinem Leben. "Und das soll dann auch Qualität sein." Dabei müssen die Kenner von Formen und Haptik aus Geislingen den Gesamtmarkt abdecken: Von rustikal, edel und puristisch-geometrischen Linien hin zu floral-dekorativen und organisch-expressiven.

Bäurle hat etwa 100 Millionen Besteckteile mit seinem Design versehen. Insgesamt hat WMF mit rund 5900 Beschäftigten und einem Umsatz von knapp 762 Millionen Euro 2007 nach eigenen Angaben rund 500 Auszeichnungen für Form und Gestaltung gewonnen. Das Unternehmen ist neben Deutschland und den USA auch in Asien tätig.

Auch heute noch lässt die künstlerische Ader Bäurle nicht ruhen. Zu Hause als Pensionär malt er Bilder mit Acrylfarbe. "Die Zeit des Designs ist für mich vorbei", sagt er etwas nachdenklich. So ganz dürfte das nicht stimmen. Zumindest bei Familientreffen wird sich auch weiterhin im Hause Bäurle vieles um Design und Formen drehen. Denn heute arbeiten seine beiden Söhne bei der Württembergischen Metallwarenfabrik.

Sabine Kwapik, dpa

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