Currywurst Seelenwärmer im Neonlicht

Berlin ohne Currywurst? Undenkbar! Nirgendwo sonst entzünden sich am Bratwunder mit der roten Sauce so hitzige Debatten. Wer hat sie erfunden? Wo schmeckt sie am besten? Was ist das Geheimnis des Ketchups? Viele Fragen und noch mehr Antworten, denn jeder Fan gibt seinen Senf dazu.
Von Ruedi Leuthold

Berlin - Die Schloßstraße in Steglitz. Wo Kennedy in der offenen Limousine durchfuhr, nach seiner berühmten Rede, und wo die Leute ihm aus den Fenstern zuwinkten. Aber die Leineweber von damals sind nicht mehr. "Feinkost Nöthling" hat einem Brillengeschäft Platz gemacht. Es ist Freitagnacht, Berlin nieselt, und die Paläste des Konsums, die das kleine Gewerbe vertrieben haben, liegen verlassen wie gestrandete Schiffe. Die Schloßstraße ist tot.

Nicht ganz: Ecke Kieler Straße eine rettende Insel unter Pappeln, Neonlicht, oranges Blech; ein schützendes Vordach überragt den Imbiss "Zur Bratpfanne". Darunter einige Gestalten, schweigend über rot verschmierte Pappteller gebeugt. Und hinter dem Tresen Jürgen Hesselbarth, Herr der Fritteuse. Wo die Würste reinkommen, die ohne Darm. Die mit Darm werden im Fett gebraten. 30 hat er in der Pfanne, geht eine weg, wird nachgeschoben.

"Denn das ist ja eigentlich ein Stoßgeschäft", sagt Jürgen, 63, Berliner, der seit acht Jahren dabei ist und heute als Springer arbeitet. Er nimmt die Bestellung auf: ohne Darm mit Pommes und Mayo. Bis zu 20 Kilo Mayo drückt er täglich aus der Tube, und ganze Lastwagenzüge voller Tomaten aus Spanien braucht es jährlich, um den Bedarf der Bude an Ketchup zu decken.

"Einen guten Appetit", wünscht Jürgen und schiebt die Pommestüte nach draußen, die sein Kollege Andreas Fleischer, 49, mit dem er die Schicht teilt, zubereitet hat. "Und da gibt es Leute", klagt er nun und schüttelt den Kopf, "die bestellen eine Curry mit Ketchup. Verstehste! Eine Curry ist mit Ketchup! Sonst isset keene." Aber wenigstens weiß er dann sofort, dass dieser Gast keiner aus Steglitz ist.

"Wenn aber einer einen Cheeseburger bestellt, dann macht das der Andreas", knurrt Jürgen. "Der hat dett nämlich in Fuhlsbüttel gelernt." Fuhlsbüttel ist ein Knast in Hamburg, und jetzt kichern einige Sachverständige unter dem schmalen Dach. Jürgen ist zufrieden: "Spaß muss sein, das gehört zur Currywurst." Wobei – als Folge der Preisauszeichnungsverordnung – am Imbiss "Zur Bratpfanne" auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, dass hier die berühmte Currywurst verkauft wird (seit dem 16.11.1949), übergossen mit der noch viel berühmteren Ketchup-Sauce, der Kindheitstraum von Nachkriegsberlin.

Am Preisschild steht "Bratwurst, 1,60" und darunter, klein gedruckt, "mit Phosphat". "Denn laut besagter Verordnung darf draußen nicht angeschrieben sein, was drinnen nicht drin ist", knurrt Jürgen. "Und natürlich ist in der Currywurst kein Curry drin. Wie auch! Das ist ja dett janze Ding an der Sache." Damals, nach dem Krieg, gab es in Berlin Trümmerfrauen, Lebensmittelkarten, Stromsperren und nicht mal Schweinedärme, um die Würste abzupacken. Aber es gab viele amerikanische Soldaten, die wollten eine Wurst haben.

Wie ein Wasserloch in der Savanne

Bescheiden wie ein Wasserloch in der Savanne

Und dann gab es solche wie den cleveren alten Mosgraber. Wenn man nämlich, statt die Wurst bei 78 Grad Celsius zu brühen, das fertige Brät in 94 Grad heißes Wasser warf, stockte das Fleischeiweiß so rasch, dass die geformte Masse nicht zerfiel. Das war der Beginn der Berliner Wurst ohne Pelle. Also stellte der alte Mosgraber einen Wurstkessel vor dem Titania-Palast auf, dem Großkino an der Schloßstraße, später besorgte er sich eine Plane und Tischchen. Die Bude stellte er 1951 auf, Kieler Straße 1, Ecke Schloßstraße, geöffnet von morgens um zehn bis nachts um drei, bescheiden wie ein Wasserloch in der Savanne Afrikas und genauso nützlich für die Bewohner der großen Stadt.

Wie Schatten tauchen sie aus der Schloßstraße auf, krümmen sich an den Tresen, murmeln ihre Bestellung, warten geduldig, während Jürgen und Andreas mit der Hingabe von Dirigenten die großen Gesten des Alltags wiederholen. Die Wurst rauspicken, mit dem Messer zerteilen, rein in die Pappschale, Ketchup drüber, die Curry-Streue, mit Chili, wenn es etwas schärfer sein soll, mit Tabasco für extrascharf, marinierte Zwiebeln auf Wunsch, alles eine Sache von Sekunden. Polizisten machen einen Halt, Feuerwehrmänner, Schichtdienstler auf dem Weg zur Arbeit und spät heimkehrende Verkäuferinnen.

"Aber", belehrt nun ein Gast, stolz auf sein Wissen, "erfunden wurde die Currywurst 1949 von Herta Heuwer. Im Januar 1959 hat sie sogar das Patent dafür hinterlegt, Warenzeichen 721319." Jetzt lächelt der Jürgen, der aus Prinzip mit niemandem streitet, der seine Wurst isst, und er sagt: "Das würde ich aber nicht dem Chef sagen. Der weiß da ganz andere Dinge zu erzählen." Der Chef, Matthias Mosgraber, kommt wenige Zeit später. Kaum vernimmt er den Namen Herta Heuwer, ruft er auch schon aus: "Nee, alles Blödsinn, und mein Vater ist noch der Einzige, der diese alten Wurstgeschichten kennt, und der weiß das besser." "Dann soll der Vater herkommen", sagt der Gast.

Mosgraber, der die Bude vom Vater übernommen hat, guckt traurig. "Ach, der Vater", seufzt er, "der will nichts mehr davon hören. 40 Jahre seien genug." Schweigen am Imbiss "Zur Bratpfanne". Es nieselt. "Das muss man sich mal vorstellen", sagt einer, "die Entbehrungen des alten Wurstbraters." Dann ist es wieder ruhig, und es duftet süß nach Ketchup und Wurst und Kinderparadies. Aber Matthias Mosgraber, emsige Frohnatur, von morgens fünf Uhr bis spätabends unterwegs, ist der Letzte, der sich von Sentimentalitäten erwärmen ließe.

Die Amerikaner hätten den Ketchup erfunden, erzählt er, und die Soldaten, die in Berlin stationiert waren, verlangten ihre Wurst mit Ketchup. Da hätten die Frauen mit Tomatenmark und Gewürzen zu experimentieren begonnen, Rosmarin, Muskat, Curry, und die GIs sagten, es fehle noch was, und dann kamen noch Zimt und Senf dazu, Essig, vielleicht auch etwas Zucker für die Süße, andere nahmen Honig, so habe es ihm seine Mutter erzählt, und so sei die Sauce erfunden worden, die über die Wurst kam. "Das war ein gemeinsames Pröbeln und Basteln, bis die Currywurst endlich erfunden war. Alles andere ist Mumpitz", versichert Mosgraber.

"Meine Mutter hat mir ihr Ketchup-Rezept auf dem Gaumen mitgegeben", fährt er fort. Heute beschäftigt er 15 Angestellte. Zwei Männer sind damit beschäftigt, den frischen Ketchup nach dem Familienrezept zu mischen. Morgens um drei beginnt ihr Arbeitstag in einem Souterrain nicht weit von der Bude.

Jürgen und Andreas verkaufen ihn für 2,50 Euro pro Liter (plus Pfand). Die Kunden kommen von weither. Gar nicht zu sagen, wer sich schon alles den Ketchup von den Fingern geschleckt hat, hier an der Kieler Straße: Berlins Bürgermeister, Senatoren, berühmte Fußballer und Fernsehstars. "Was soll’s, da wird keen Heckmeck gemacht, die kriegen ihre Curry, dann kommt der Nächste an die Reihe", schnauft Jürgen.

Keine Angst vor Kebab und Sushi

Keine Angst vor Kebab und Sushi

"Ick dachte, die gehen alle in den Sushi-Laden", sagt einer. "Ach wo", sagt Chef Matthias Mosgraber, gelernter Volkswirt und Steuerbeamter. "Wer eine Curry will, der geht nicht zum Türken oder Asiaten. Die machen mir keine Angst mit Kebab und Frühlingsrollen. Mir macht Angst, was heute passiert ist ..." Und dann macht Matthias Mosgraber vor, was heute passiert ist: "Da kommt also ein Dame, vielleicht war sie einkaufen oder beim Anwalt, da gibt es ja genug davon in der Umgebung, und sie will eine Currywurst. Ich sage: Eine mit oder ohne? Sie, genervt: Machen Sie ’ne Currywurst.

Ich: Wissen Sie, da ist ja ein gewaltiger Unterschied. Soll ich ihnen eine machen, die ich gerne haben würde, die richtige Berliner? Die original Berliner ohne Darm? Ach, machense. Und dann, ohne zu warten, zückt sie den Geldbeutel: Was macht das? Da sag ich ganz einfach: Ich hoffe, satt. Sie: Wollen Sie mich verscheißern? Ich: Nein, wissen Sie, ich war beim Psychotherapeuten, und der hat mir beigebracht, ich soll aufs gesprochene Wort achten. Wenn Sie mich gefragt hätten, was Sie bezahlen dürfen, hätte ich gesagt ein Euro sechzig.

Und dann ist die gestresst abgehauen, ohne überhaupt die Wurst zu versuchen. Davor habe ich Angst: Wir wollen doch hier nicht bloß den Magen füllen. Wir wollen auch die Seele wärmen. Ein bisschen dussliges Zeugs quatschen, und plötzlich entsteht Philosophie. Das ist die Currybude. Aber wenn die Leute abgehetzt und missmutig hier ankommen, nur noch rasch die Wurst runterdrücken wollen, dann geht dieses Geschäft futsch."

Ein Kino ist aus. Jürgen und Andreas haben wieder volle Kanne zu tun, rund 800 Würste gehen täglich weg, hergestellt nach eigener Rezeptur. Zwei Jahre hat sich der ehemalige Steuerbeamte Mosgraber mit der hohen Wurstkunde beschäftigt, und jetzt müsste ihm sein Fleischer 50.000 Euro blechen, falls der das Geheimnis der Zusammensetzung jemandem verraten sollte.

Die Kinogänger verziehen sich, es nieselt immer noch in Berlin, und eigentlich, meint Matthias Mosgraber, habe er die Bude des Vaters gar nicht übernehmen wollen, weil er bereits als Kind auch die Schattenseiten des Metiers erlebt habe.

"Und jetzt", sagt er, "drei Beziehungen kaputt, immer nur schinden und machen, das letzte Mal Ferien war 1999, eine Woche Tunesien. Das will doch keine mitmachen, immer alleine in die Ferien fahren." Mitternacht in Berlin. Polizisten legen einen Stopp ein. Auch einige Taxifahrer. Die bekommen den Kaffee gratis. Es wird jetzt gequasselt an der Kieler Straße 1 und philosophiert: Eine Curry ist nicht gleich Curry", sagt Funk Taxi Berlin bestimmt. "Da kannste aber sicher sein", meint Quality-Taxi.

Das Quadrat unstillbarer Sehnsüchte

Das Quadrat unstillbarer Sehnsüchte

"Wo die Taxis davorstehen, ist sie gut, so wie hier", meint die Polizei. "Oder bei ‚Curry 36‘ am Mehringdamm, Kreuzberg, wo der Ton noch rauer ist – ‚He, Alter, mach mal drei Buletten rüber!‘ – als an der vornehm gewordenen Schloßstraße." "Oder bei ‚Konnopke‘‚ am Prenzlauer Berg, der ältesten Wurstbude der Stadt." "Ach, hör schon auf mit ‚Konnopke‘", regt sich Hauptstadt-Taxi auf, "da fahr ich seit Jahren nicht mehr hin, ich kann einfach nicht." Hauptstadt-Taxi heißt Udo, ein Ost-Berliner. Der Mann ist dünn, hat graue Haare und trägt Brille.

"Wie hassten wir die Sonntage, wenn ‚Konnopke‘ geschlossen war", murmelt er. "Bei ‚Konnopke‘ trafen sich alle, Arbeiter, Hausfrauen, die Stasi-Leute und die Künstler vom Prenzlauer Berg. Einer hat sogar ein Gedicht geschrieben. Wollt ihr es hören?" Und da keiner antwortet, schmettert er es einfach in den schwarzen Berliner Himmel.

"Im kleinen Quadrat unserer unstillbaren Sehnsüchte zwischen Hackepeter und Currywurst bei Herrn Konnopke unter der U-Bahn schlürfen wir den unausgesäten Korn unserer unausgegorenen Fantasie." "Und nach der Wende", fährt Udo fort, "gingen die Leute nach drüben und sahen, dass dort die Currywurst geschnitten wurde. Und dann hat sich die Chefin Waltraud Ziervogel ein elektrisches Messer besorgt, und jetzt gibt es die Wurst auch bei ‚Konnopke‘ geschnitten, und alles ist anders geworden, jetzt schützt sie die Bude auch noch mit eisernen Rollläden." "Mann, und deswegen gehst du nicht mehr zu ‚Konnopke‘?", ruft Jürgen hinterm Tresen. "Ach wo, ich will bloß meine schönsten Erinnerungen nicht mit einem Haufen hergelaufener Touristen teilen", kontert Udo.

Ein Paar kommt aus der Nacht, strahlend bestellt er eine Curry ohne und eine Cola, erwartungsfroh schiebt er ihr die Plastikpike mit dem Wurststück zwischen die Lippen. "Das ist, wovon ich dir erzählt habe!", säuselt er ihr ins Ohr. Sie rümpft die Nase, nimmt einen Schluck aus der Flasche, wischt sich den Mund ab und sagt: "Aber irgendwie habe ich es mir anders vorgestellt."

Fotostrecke: Es geht um die Currywurst

Berlins besteWurstbuden

Berlins beste Wurstbuden

Zur Bratpfanne Kieler Str. 1, Ecke Schloßstraße, 12163 Berlin-Steglitz, Tel. 030-79 78 83 60, Mo-Do 10-1 Uhr, Fr, Sa 10-3 Uhr, So 12-1 Uhr, www.zurbratpfanne.de  Eine Steglitzer Institution seit 1949. Zwei Filialen in den Stadtteilen Lichterfelde und Spandau.

Curry 36 Mehringdamm 36, 10961 Berlin- Kreuzberg, Tel. 030-251 73 68, Mo-Fr 9-4 Uhr, Sa 9-5 Uhr, So 10-5 Uhr, www.curry36.de . Die Kreuzberger Traditionsadresse wird immer mehr zum Treff für die junge Szene.

Imbiss am Kotti Reichenberger Straße 171, 10999 Berlin-Kreuzberg, Mo-Fr 12-0.30 Uhr. Urgestein Anni ist die Letzte, die ihre Currywurst noch mit der Schere schneidet.

Konnopke’s Imbiss Schönhauser Allee 44 a, 10435 Berlin-Prenzlauer Berg, Tel. 030-442 77 65, www.konnopke-imbiss.de , Mo-Fr 6-20 Uhr, Sa 12-19 Uhr, So geschlossen. Schon 1930 zog Max Konnopke als "Wurstmaxe" mit Wurstkessel, Klapptisch und Sonnenschirm durch Berlin. 1960 eröffnete er eine Bude unter der Hochbahn. Seitdem wird auch Currywurst geboten.

Krasselt’s Steglitzer Damm 22, 12169 Berlin-Steglitz, Mo-Sa 9.30-1 Uhr, So 12-24 Uhr. Hier gibt’s die Wurst nur am Spieß, seit 45 Jahren. Filiale am Roseneck im Grunewald.

Kudamm 195 Kurfürstendamm 195, 10707 Berlin-Wilmersdorf, Tel. 030-881 89 42, Mo-Do 11-5 Uhr, Fr, Sa 11-6 Uhr, So 12-5 Uhr. Seit 42 Jahren tingelt Gregor Biers Bude über den Ku’damm. Der heutige Standort wurde 1990 eröffnet. Spezialität: Wurst und Champagner. Filiale am S-Bahnhof Friedrichstraße.

Maximilian Lichtenrader Damm 10-12, 12305 Berlin-Lichtenrade, Tel. 030-742 54 57, www.maximilian.de , Mo-Sa 9.30-24 Uhr, So 12-24 Uhr. Budenbesitzer Max Brückner kreierte 1949, kurz nach Herta Heuwers Saucenwunder, die Currywurst ohne Darm. Rund 250 Filialen in Berlin.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.