Mittwoch, 18. September 2019

Currywurst Seelenwärmer im Neonlicht

4. Teil: Das Quadrat unstillbarer Sehnsüchte

Das Quadrat unstillbarer Sehnsüchte

"Wo die Taxis davorstehen, ist sie gut, so wie hier", meint die Polizei. "Oder bei ‚Curry 36‘ am Mehringdamm, Kreuzberg, wo der Ton noch rauer ist – ‚He, Alter, mach mal drei Buletten rüber!‘ – als an der vornehm gewordenen Schloßstraße." "Oder bei ‚Konnopke‘‚ am Prenzlauer Berg, der ältesten Wurstbude der Stadt." "Ach, hör schon auf mit ‚Konnopke‘", regt sich Hauptstadt-Taxi auf, "da fahr ich seit Jahren nicht mehr hin, ich kann einfach nicht." Hauptstadt-Taxi heißt Udo, ein Ost-Berliner. Der Mann ist dünn, hat graue Haare und trägt Brille.

Nur echt mit Sauce: Fachmännisch ausdekorierte Currywurst
"Wie hassten wir die Sonntage, wenn ‚Konnopke‘ geschlossen war", murmelt er. "Bei ‚Konnopke‘ trafen sich alle, Arbeiter, Hausfrauen, die Stasi-Leute und die Künstler vom Prenzlauer Berg. Einer hat sogar ein Gedicht geschrieben. Wollt ihr es hören?" Und da keiner antwortet, schmettert er es einfach in den schwarzen Berliner Himmel.

"Im kleinen Quadrat unserer unstillbaren Sehnsüchte zwischen Hackepeter und Currywurst bei Herrn Konnopke unter der U-Bahn schlürfen wir den unausgesäten Korn unserer unausgegorenen Fantasie." "Und nach der Wende", fährt Udo fort, "gingen die Leute nach drüben und sahen, dass dort die Currywurst geschnitten wurde. Und dann hat sich die Chefin Waltraud Ziervogel ein elektrisches Messer besorgt, und jetzt gibt es die Wurst auch bei ‚Konnopke‘ geschnitten, und alles ist anders geworden, jetzt schützt sie die Bude auch noch mit eisernen Rollläden." "Mann, und deswegen gehst du nicht mehr zu ‚Konnopke‘?", ruft Jürgen hinterm Tresen. "Ach wo, ich will bloß meine schönsten Erinnerungen nicht mit einem Haufen hergelaufener Touristen teilen", kontert Udo.

Ein Paar kommt aus der Nacht, strahlend bestellt er eine Curry ohne und eine Cola, erwartungsfroh schiebt er ihr die Plastikpike mit dem Wurststück zwischen die Lippen. "Das ist, wovon ich dir erzählt habe!", säuselt er ihr ins Ohr. Sie rümpft die Nase, nimmt einen Schluck aus der Flasche, wischt sich den Mund ab und sagt: "Aber irgendwie habe ich es mir anders vorgestellt."

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