Samstag, 21. September 2019

Currywurst Seelenwärmer im Neonlicht

3. Teil: Keine Angst vor Kebab und Sushi

Keine Angst vor Kebab und Sushi

"Ick dachte, die gehen alle in den Sushi-Laden", sagt einer. "Ach wo", sagt Chef Matthias Mosgraber, gelernter Volkswirt und Steuerbeamter. "Wer eine Curry will, der geht nicht zum Türken oder Asiaten. Die machen mir keine Angst mit Kebab und Frühlingsrollen. Mir macht Angst, was heute passiert ist ..." Und dann macht Matthias Mosgraber vor, was heute passiert ist: "Da kommt also ein Dame, vielleicht war sie einkaufen oder beim Anwalt, da gibt es ja genug davon in der Umgebung, und sie will eine Currywurst. Ich sage: Eine mit oder ohne? Sie, genervt: Machen Sie ’ne Currywurst.

Fachmann am Grill: Wer andern eine Bratwurst brät, der braucht ein Bratwurstbratgerät
Ich: Wissen Sie, da ist ja ein gewaltiger Unterschied. Soll ich ihnen eine machen, die ich gerne haben würde, die richtige Berliner? Die original Berliner ohne Darm? Ach, machense. Und dann, ohne zu warten, zückt sie den Geldbeutel: Was macht das? Da sag ich ganz einfach: Ich hoffe, satt. Sie: Wollen Sie mich verscheißern? Ich: Nein, wissen Sie, ich war beim Psychotherapeuten, und der hat mir beigebracht, ich soll aufs gesprochene Wort achten. Wenn Sie mich gefragt hätten, was Sie bezahlen dürfen, hätte ich gesagt ein Euro sechzig.

Und dann ist die gestresst abgehauen, ohne überhaupt die Wurst zu versuchen. Davor habe ich Angst: Wir wollen doch hier nicht bloß den Magen füllen. Wir wollen auch die Seele wärmen. Ein bisschen dussliges Zeugs quatschen, und plötzlich entsteht Philosophie. Das ist die Currybude. Aber wenn die Leute abgehetzt und missmutig hier ankommen, nur noch rasch die Wurst runterdrücken wollen, dann geht dieses Geschäft futsch."

Ein Kino ist aus. Jürgen und Andreas haben wieder volle Kanne zu tun, rund 800 Würste gehen täglich weg, hergestellt nach eigener Rezeptur. Zwei Jahre hat sich der ehemalige Steuerbeamte Mosgraber mit der hohen Wurstkunde beschäftigt, und jetzt müsste ihm sein Fleischer 50.000 Euro blechen, falls der das Geheimnis der Zusammensetzung jemandem verraten sollte.

Die Kinogänger verziehen sich, es nieselt immer noch in Berlin, und eigentlich, meint Matthias Mosgraber, habe er die Bude des Vaters gar nicht übernehmen wollen, weil er bereits als Kind auch die Schattenseiten des Metiers erlebt habe.

"Und jetzt", sagt er, "drei Beziehungen kaputt, immer nur schinden und machen, das letzte Mal Ferien war 1999, eine Woche Tunesien. Das will doch keine mitmachen, immer alleine in die Ferien fahren." Mitternacht in Berlin. Polizisten legen einen Stopp ein. Auch einige Taxifahrer. Die bekommen den Kaffee gratis. Es wird jetzt gequasselt an der Kieler Straße 1 und philosophiert: Eine Curry ist nicht gleich Curry", sagt Funk Taxi Berlin bestimmt. "Da kannste aber sicher sein", meint Quality-Taxi.

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