Cidre und Co. Ausweitung der Prickelzone

In Frankreich ist er so etwas wie ein Nationalgetränk - aber auch in Deutschland erfreuen sich Cidre und Co. gerade im Sommer wachsender Beliebtheit. Kein Wunder also, dass auch immer mehr einheimische Winzer erfrischende Apfelweinvarianten für sich entdecken.

Leimen/Mainz - "Cidre gehört zur Familie der Apfelweine", erklärt der Winzer Marcus Müller aus Leimen bei Heidelberg. Das prickelnde Getränk sei für laue Sommerabende ideal: "Es hat deutlich weniger Alkohol als Wein, macht daher nicht müde, löscht aber dennoch ähnlich wie eine Apfelschorle gut den Durst und erfrischt."

Cidre wurde schon von den Kelten getrunken, wie der Weinexperte und Buchautor Fabian Lange aus der Nähe von Mainz berichtet. "Sie hatten keine Weintrauben und griffen deswegen auf andere Früchte zur Herstellung von Alkoholgetränken zurück."

Noch heute komme der sprudelnde Apfelwein traditionell aus der Normandie und der Bretagne. "Doch auch in anderen Ländern gibt es ähnliche Produkte: den Cider in Wales, den Sidra im spanischen Asturien und den Viez in Hessen."

Für die Herstellung von Cidre kann laut Lange fast jeder Apfel verwendet werden. "Für 95 Prozent aller Cidres werden alle verfügbaren Äpfeln zusammengemischt und gemeinsam gegart." Wer jedoch eine bessere Qualität wolle, nehme nur Äpfel einer bestimmten Sorte und verarbeite sie separat.

"Dann gibt es zwei Möglichkeiten der Herstellung: Entweder verarbeitet man die Äpfel sofort oder lässt sie - wie in der Normandie typisch - noch einige Zeit liegen, damit sich die Stärke im Apfel in Fruchtzucker umwandelt und später besser gärungsfähig ist", sagt Lange.

Egal, welchen Weg man gewählt hat, muss man das Obst im nächsten Schritt hexeln und mithilfe einer Presse den Saft aus dem Brei drücken. Abgefüllt in Tanks gärt das Getränk dann und wird zum Apfelwein. "Schließlich wird der noch gärende Wein gefiltert und in Flaschen gefüllt, wo er noch etwas weiter gärt und so mit Kohlensäure versetzt wird." Unterschiede gibt es in der Süße des Getränks: "Brut" bezeichnet die eher herbe Variante, "doux" die süßlichere.

Das Geheimnis perfekter Temperatur

Das Geheimnis der perfekten Temperatur

Bis vor einigen Jahrzehnten war Cidre in Deutschland vergleichsweise unbekannt, griff man doch lieber zum Bier statt zur französischen Alternative. Doch seit einigen Jahren haben auch einheimische Winzer das Getränk entdeckt. "Cidre" ist dabei laut Lange zwar ein geschützter Begriff, der nur für die Produkte aus Normandie und Bretagne verwendet werden darf, doch die in Deutschland hergestellten sprudelnden Apfelweine folgen ähnlichen Herstellungsprinzipien.

So wie auf dem Weingut von Winzer Müller. "Mein Vater Helmut hat das Getränk Anfang der 90er Jahre in Frankreich für sich entdeckt und gedacht: 'Das können wir auf unserem Weingut bestimmt auch machen'", erzählt Müller. Deswegen bezieht die Familie seitdem Äpfel von einem Obstgut aus der Region und gärt sie innerhalb von vier bis sechs Wochen zu einem fruchtigen, cidreähnlichen Getränk.

Auch viele Naturkostläden haben mittlerweile Bio-Cidre im Sortiment. Dieser wird dabei auf ähnliche Weise wie normaler Cidre hergestellt, allerdings unterscheidet sich die Produktion in einigen Punkten von der herkömmlichen: Beim konventionellen Apfel-Cidre-Anbau werden Pestizide zwar kaum eingesetzt, doch für diejenigen, die sich nicht darauf verlassen wollen, gibt es eben das Getränk aus kontrolliert biologisch angebauten Äpfeln.

Der Cidre und die Jacobsmuscheln

Cidre kann übrigens auch wie Wein gut zum Kochen verwendet werden, wie Experte Lange erzählt. "Das Gericht 'Tripes à la mode de Caen' gehört beispielsweise zu den Klassikern", sagt er. Auch Jacobsmuscheln erhielten durch Cidre ein ganz neues Aroma. "Für Desserts ist Cidre dagegen weniger gut geeignet, ist er doch nicht süß genug."

Getrunken erfrischt Cidre am besten bei zehn bis zwölf Grad Celsius, weil er bei dieser Temperatur sein volles Aroma entwickelt. Dabei muss man allerdings auch vorsichtig sein - immerhin ist Cidre dafür bekannt, dass er die Verdauung anregt und in größeren Mengen manchmal eine durchschlagende Wirkung hat.

Cidre gilt seit jeher auch als Hausmittel gegen verschiedene Beschwerden. So galt der englische Cider im 17. Jahrhundert als Allheilmittel gegen Übelkeit, Gicht und rheumatische Beschwerden.

Der Seefahrer James Cook (1728 bis 1779) nahm auf seine zweite Entdeckungsreise Cider als ein Wundermittel gegen Skorbut an Bord. Die Heilung kann aber kaum am Cider gelegen haben - Vitamin C ist in dem Getränk kaum zu finden. Daneben werden dem Cidre auch heute noch positive Eigenschaften zugeschrieben: Er soll beispielsweise den Blutdruck senken sowie die Psyche beruhigen. Wissenschaftlich bewiesen ist all das aber nicht.

Aliki Nassoufis, dpa

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