Tee Heißer Genuss in coolen Lounges

"Total Reset" für Genießer: Die neue Teekultur ist auch eine neue Sprachkultur - bei der Vermarktung kommt es nicht nur auf die richtigen Zutaten, sondern auch auf suggestive Namensgebung an. Seit Robbie Williams abends an der Bar gerne eine Tasse ordert, mutiert der Gesundheitstrank zum Szene-Elixier.

Hamburg - Weiße Ledersofas, lässige Musik und dazwischen ein paar ebenso schicke Dosen mit Tee: Mit der traditionellen Teestube hat die Samova Tea Lounge in Hamburg nichts mehr am Hut. Statt Earl Grey und Vanille-Tee werden hier Sorten wie "Business Trip", "Orange Safari" oder "Total Reset" zwischen den neuesten Designermöbeln verkauft. Vom gediegenen Getränk für feine Damenkränzchen zum Lifestyle-Drink - diese Karriere macht Tee derzeit in vielen Metropolen rund um den Globus.

"In Teesalons in New York oder London müssen Sie im Moment Wochen vorher einen Tisch reservieren", erzählt Monika Beutgen, Geschäftsführerin des Deutschen Teeverbandes in Hamburg. Vorgemacht haben es Prominente wie Robbie Williams. Statt mit Bier oder Cocktails soll er plötzlich mit einer Tasse Tee abends an der Bar gesichtet worden sein. Auch ihn hat wohl die Wellness-Welle mitgerissen, gilt Tee doch als das Getränk aller Gesundheitsbewussten.

Weshalb auch weniger die klassischen Schwarzteesorten als neue Früchte- und Kräutermischungen gefragt sind. "Teeähnliche Erzeugnisse" heißen sie im Fachbegriff - und haben laut Beutgen in Deutschland derzeit einen Marktanteil von zwei Dritteln. Statistisch gesehen trinke jeder Deutsche 75 Liter davon im Jahr.

"Bei Früchtetee denken die meisten Menschen an Jugendherbergen, bei Kräutertee ans Krankenhaus", sagt Esin Rager von Samova. Doch langsam änderten sich die Einstellungen. "Das fing mit dem Roibusch-Tee an." Thomas Holz von Tee Gschwender in Meckenheim erinnert sich: "Da gab es eine Zeit lang einen richtigen Boom." Derzeit tauchten Roibusch und Konsorten aber langsam ab. "Dafür gibt es jetzt einen Trend zu Früchte- und vor allem Kräutertees."

Gesundheit mit Genuss

Viel schwarzen Tee, ein paar Grüntees und einige Früchtetees hatte Florian Hoffmann im Angebot, als er im Herbst 2005 seinen Teesalon Teelirium in Frankfurt/Main eröffnete. Inzwischen verkauft er sehr viel Grün- und vor allem Kräutertees. "Gesundheit mit Genuss" fasst er das zusammen, was viele seiner Gäste - die meisten davon Frauen - im Teesalon suchen.

Entsprechend gefragt sind Bioprodukte. Und die Blätter und anderen Pflanzenteile sollen nicht zerkleinert, sondern möglichst in Originalgröße belassen werden. "Wir haben inzwischen etwa 40 Kräutertees in dieser Form im Programm", erzählt Holz. Favorit sei dabei Minze, gerne auch gemischt mit anderen Kräutern wie Zitronengras.

"Wir verkaufen Tee wie Popmusik oder Mode"

"Wir verkaufen Tee wie Popmusik oder Mode"

Die großen, eher traditionellen Teehäuser haben etwas gebraucht, um auf den neuen Zug aufzuspringen, sind inzwischen aber ebenfalls mit mehr oder weniger ausgefallenen Kreationen dabei. Die Ostfriesische Tee Gesellschaft (OTG) in Seevetal setzt zum Beispiel bei ihrer Marke Milford auf indischen Chai. "In Indien ist der mit Milch angereicherte Gewürztee ein Traditionsgetränk", erklärt Rolf Klein, Geschäftsführer Marketing bei der OTG. In den westlichen Metropolen habe sich Chai mittlerweile zu einem Lifestyle-Getränk entwickelt.

"My Chai Sweet" und "My Chai Pur" heißen die beiden Mischungen, die als Beuteltees und modisch verpackt verkauft werden. Ein so traditionell besetztes Produkt wie Tee für eine jüngere Zielgruppe zu vermarkten, sei immer eine Gratwanderung. "Man muss aufpassen, dass das nicht anbiedernd wirkt", sagt Klein.

Auch beim Unternehmen Samova, das als einer der Trendsetter auf dem Markt gilt, versucht man immer ganz nah dran zu sein am neuen Teetrinker und seinen etwas anderen Bedürfnissen. "Wir verkaufen Tee wie Popmusik oder Mode", sagt Esin Rager. Die Samova-Tees würden dort positioniert, wo bisher der Latte Macchiatto platziert war.

Tee-Cocktails für Partygänger

Um Leute, die sonst keinen Tee trinken, für das Aufgussgetränk zu begeistern, gehen die Samova-Leute zum Beispiel auf Partys und kredenzen dort Tee-Cocktails. "Wir wollen zeigen, dass man Tee genauso verwenden kann wie viele andere Getränke auch", so Rager.

Schlichte Kamille oder Hagebutte haben es bei soviel Stilbewusstsein allerdings schwer. Gefragt sind unkonventionelle Mischungen mit ebensolchen Namen. "Einfach nur mit einem neuen Geschmack kriegen sie die Leute nicht mehr angesprochen", sagt Rolf Klein. Neben Klassikern wie Kamille und Hagebutte stehen deswegen mittlerweile bei Milford unter anderem "Salsa", "Jive" und "Alpenjodler" im Regal: Mischungen aus Kirsche und Chili, aus Minze und Grüntee oder aus Kräutern, Äpfeln und Zitronengras.

"Istanbul Nights" und "Tee mit der Maus"

"Istanbul Nights" und "Tee mit der Maus"

Bei Tee Gschwender wurde ein speziell für den Abend gedachter Tee "Murmeltier" getauft. Für die ganz kleinen Kunden gibt es den "Tee mit der Maus", für die älteren Geschwister "Wilde Hühner" und "Wilde Kerle". "Das Drumherum spielt eine große Rolle", beobachtet auch Thomas Holz.

Auf die Spitze getrieben wird diese Entwicklung bei Samova: Eine besondere Geschichte ist hier stets der Ausgangspunkt für eine neue Teesorte. "Wenn uns zum Beispiel gerade Istanbul als Trendmetropole interessiert, dann recherchieren wir zu dem Thema und entwickeln dann zu dieser Geschichte einen Tee", erklärt Esin Rager. In diesem Fall heißt das Ergebnis "Istanbul Nights", eine Darjeeling-Ceylon-Mischung mit orientalischen Gewürzen. "Unsere Teenamen sollen Spaß machen", sagt Rager. Und so wird an manchem doppeldeutigem Wortspiel ebenso lang getüftelt wie an der Teemischung selbst.

Trotz aller Modernisierungserscheinungen rund um den Tee sind sich die Experten in einer Sache einig: Tea-to-go-Läden nach dem Vorbild der erfolgreichen Coffeeshops wird es nicht geben. "Tee ist ein viel sinnlicheres Getränk als Kaffee. Er wird in Ruhe genossen, nicht auf die Schnelle - hektische Teeläden würden wohl nicht funktionieren", sagt Esin Rager von der "Samova Tea Lounge" in Hamburg. "Coffeeshops machen auf schnelles Geschäft. Teetrinker aber lassen sich Zeit", bestätigt Florian Hoffmann vom Teesalon Teelirium. "Das muss auch so sein, schließlich braucht ja mancher Kräutertee schon allein zehn Minuten zum Ziehen."

Sandra Cantzler, dpa

Tee: Das neue Szene-Elixier in Bildern

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.