Frankreich Holzspäne und Spitzenwein

Der Jahrgang 2005 der Grand-Cru-Rotweine aus dem Bordeaux-Gebiet wird ein Jahrhundertwein, sind sich Experten einig. Schon werden die edlen Tropfen zu Spitzenpreisen verkauft. Im Kampf gegen die Konkurrenz aus Australien und den USA dürften aber auch in Frankreich immer mehr Winzer auf die Einlagerung in Eichenfässern verzichten.

Bordeaux/Paris - In der Weinbranche scheinen sich diesmal alle einig zu sein. Der Jahrgang 2005 der Grand Cru-Rotweine aus dem Bordeaux-Gebiet, bereits jetzt zu Spitzenpreisen verkauft und dabei doch frühestens in einigen Jahren zu entkorken, ist herausragend und wohl so etwas wie ein "Jahrhundertwein". Gerade richtige Trockenheit ohne Hundstage, das war das Rezept der Natur im vergangenen Sommer, um den Reben den ersehnten Schub zu geben.

Während Winzer und Tester in den höchsten Tönen schwelgen, geht es für Tausende von Weinbauern in der anhaltenden Absatzkrise weiter abwärts. Als Strohhalm hält die Pariser Regierung ihnen nun etwas hin, was in dem traditionsreichen Weinland bisher verpönt war: Eichenspäne dürfen ihren Wein "würzen".

Die anstehende Erlaubnis für die Winzer, vor allem die Tafel- und Landweine - nach dem Vorbild ihrer australischen oder chilenischen Kollegen - mit "Wood-Chips" in den Inox-Fässern zu aromatisieren, belegt nur die Tiefe der Krise. Denn jeder französische Weinbauer, der auf sich hält, hat bislang sein Produkt stolz und brav (und nach den strengen Regeln) in teuren neuen Eichenfässern ausgebaut.

In den vergangenen Jahren zogen jedoch in der globalisierten Welt des Weins die "neuen Weinländer" an den erfolgsverwöhnten Franzosen vorbei. Sie können weit preisgünstiger produzieren und sind weniger von Gesetzen und Verordnungen behindert, wie sie etwa den Bordeaux-Winzer treffen.

Noch vor fünf Jahren schmetterte Frankreichs Kassationsgerichtshof Eichenspäne im Fass als Fälschung und Panscherei ab. Damals hatte der Siegeszug auch der kalifornischen Chardonnay-Weine mit dem strengen und bei den Weintrinkern immer beliebteren Fassholzaroma aber längst begonnen. Vereinbarungen zwischen den USA und der EU zur Ware Wein im Herbst 2005 ebnen den Spänen jetzt auch in europäischen Weinkellern den Weg. Bordeaux-Winzer Jean-Louis Triaud macht die Rechnung auf: "Eichenholzspäne kosten ein Zehntel eines neuen Eichenfasses." Also befürworten etliche Bordeaux-Winzer die neue Freiheit, die ihnen im Keller zugestanden wird. Und das trotz der Kritik vieler Fachleute.

Die Nachteile der Holzchips

Denn die billige Alternative zum hochwertigen Fassausbau hat doch enorme Nachteile. "Das Eichenholz des Fasses ist porös, der Wein im Fass atmet durch die Sauerstoffzufuhr und entwickelt so sein eigenes Aroma", hält Olivier Poussier fest, weltbester Sommelier des Jahres 2000. Dieses Innenleben erlaubt ein Stahlfass oder Betonbehälter nun wahrlich nicht. Und die Eichenspäne machen den Wein zwar gefälliger, er ist also ganz so wie derzeit vom Kunden bevorzugt. Sie verkürzen allerdings auch die Lagerfähigkeit eines guten Tropfens. Wollen die Winzer lediglich möglichst rasch verlorene Marktanteile zurückholen?

"Die Australier sind doch bereits einen Schritt weiter gegangen und setzen Aromamoleküle ein, um ihren Wein zu parfümieren, dem es an Fruchtigkeit fehlt", schreibt die "Revue du Vin de France" - ihr schwant überhaupt nichts Gutes für die Zukunft. Doch andererseits halten die Kenner in der Fachwelt fest, dass zu penetrant nach Eiche schmeckende Weine in der Zwischenzeit an Zugkraft auf dem Weltmarkt zu verlieren scheinen.

Was das Pariser Landwirtschaftsministerium vorhat, nennt Denis Saverot in der renommierten Weinzeitschrift eine überflüssige "Gabe an eine rebellierende Zunft", die auf dem Weltmarkt überrollt wurde und kaum Rückendeckung von Politikern spürt. Der Winzer habe nichts von einer solchen "unüberlegten Aufgabe" der Bestimmungen, die doch seit jeher Qualität und Identität förderten. Und Eichenspäne im Fass dürften so nur kurz verstummen lassen, was die versammelte Branche der Politik vorhält - sie habe zu wenig fürs "Kulturgut Wein" übrig.

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa

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