Wein Kunstwein schwappt nach Europa

Die EU und die USA haben eine Vereinbarung zum Weinhandel besiegelt, die es amerikanischen Winzern erlaubt, Kunstwein in Europa zu verkaufen. Die Herstellungspraktiken sind bei vielen europäischen Winzern verpönt. Doch das US-Verfahren könnte auch bald hier zu Lande eingesetzt werden.

Brüssel - Horst Seehofer konnte nicht mehr viel ausrichten. Zwar hatte der Bundeslandwirtschaftsminister gegen das Weinabkommen der EU mit den USA gestimmt, doch aufhalten konnte er die Vereinbarung nicht. Ende vergangener Woche wurde das Abkommen unterzeichnet.

Und so kommt es, dass nach rund 20 Jahren die Verhandlungen über eine Einfuhrerlaubnis von so genannten Kunstweinen zu einem glücklichen Ende fanden. Glücklich? Aus Sicht der USA sicherlich, in Deutschland ist man wohl eher anderer Meinung. Noch im Dezember hatte Seehofer gesagt, es könne nicht sein, dass amerikanische Kunstweine auf den deutschen Markt gelangten, ohne dass die Verbraucher es wüssten.

Der Präsident des kalifornischen Weininstituts, Robert P. Koch, äußerte sich indes zufrieden. Am Wochenende erklärte er in San Francisco, "diese Vereinbarung bringt unseren kalifornischen Winzern einen langfristigen Zugriff auf die europäischen Märkte". Das Abkommen, das die gegenseitige Anerkennung von Verfahren bei der Weinherstellung regelt, schaffe Planungssicherheit. Nach 20 Jahren!

Worum geht es überhaupt? Stein des Anstoßes ist, dass das US-Weinrecht den Winzern beispielsweise gestattet, die teure und lange Lagerung im Eichenfass zu umgehen, in dem zur Anreicherung der Tannine edler Weine Holzchips in die Stahltanks kommen. Außerdem ist die "Fraktionierung" des Weins erlaubt - anders als in der EU. Dabei handelt es sich um ein Schleuderverfahren, um die Bestandteile zu trennen und beliebig mit Aromazusätzen wieder zusammenmischen zu können.

Der deutsche Verband der Prädikatsweingüter (VDP) hatte das Abkommen bereits als Super-Gau für den Wein bezeichnet. Viele europäische Winzer betrachten die Nutzung von Holzspänen als Bruch gegen alte Traditionen. Allerdings darf die USA bereits seit einigen Jahren Weine einführen, die mit diesem Verfahren hergestellt wurden. Eine Ausnahmeregelung. Nicht erlaubt sind jedoch fraktionierte Weine.

Die Verbraucher wüssten künftig nun nicht mehr, ob Wein drin ist, wo Wein draufstehe, ärgern sich Weinexperten. Norbert Weber, Präsident des Deutschen Weinbauverbands (DWV), forderte, dass eine Unterscheidung zwischen industrieller Weinproduktion und landwirtschaftlicher Weinbereitung möglich sein müsse. So wundert es wenig, dass in den vergangenen Monaten bereits die Diskussion um ein "Reinheitsgesetz" laut wurde, mit dem europäische Anbieter daran gehindert werden sollen, bei der Weinproduktion in die Fußstapfen der Amerikaner zu treten.

Nicht überall ist das Entsetzen so groß wie in Deutschland, das mit Österreich, Griechenland, Litauen und Portugal gegen das Abkommen gestimmt hatte. Die amerikanischen Weinherstellungsmethoden finden auch in Europa ihre Befürworter, denn das Beifügen von Holzspänen ist deutlich günstiger als das jährliche Wechseln der Fässer. So bemühte sich Italien zum Beispiel um eine Änderung der EU-Gesetzgebung - mit dem Ziel, dass künftig auch hier die Beifügung von Holzschnitzen zum Wein erlaubt werden soll. Mit Erfolg. Brüssel entschied, den Einsatz der Holzspäne zuzulassen.

Was ändert sich für die Verbraucher?

Bislang handele es sich aber erst um eine Grundsatzentscheidung, erklärte Rudolf Nickenig, Generalsekretär des DWV, gegenüber manager-magazin.de. Nun müsse noch über die Bedingungen gesprochen werden. Derzeit arbeite die EU-Kommision zudem daran, wie die Weine künftig gekennzeichnet sein sollen. Die US-Weine sind entweder mit "oaked" für das Holzspäne- oder mit "barrique" für das Holzfässer-Verfahren gekennzeichnet. Nickenig geht davon aus, dass das Holzspäne-Verfahren - sobald hier zu Lande erlaubt - besonders bei den Herstellern von Tafelweinen Anklang finden dürfte.

Im Gegensatz zu den Holzspänen soll die Fraktionierung aber nicht erlaubt werden. Allerdings hat sich die EU mit dem Abkommen zur Anerkennung dieses Verfahrens verpflichtet. Nickenig weist darauf hin, dass die Anerkennung erst mit einer Änderung der amerikanischen Gesetzgebung in Kraft tritt. Diese soll für den Schutz der europäischen Weine sorgen und es den US-Kellereien untersagen, Herkunftsnamen wie Mosel oder Bordeaux zu nutzen.

Die US-Winzer hoffen derweil schon auf ein nächstes Abkommen. In einigen Wochen sollen Welthandelsgespräche aufgenommen werden, die das Ziel verfolgen, "die massiven Subventionen zu verringern, die die EU in den Weinsektor steckt", erklärte der Präsident des kalifornischen Weininstituts. Nahezu die Hälfte des US-Weinexports im Wert von 273 Millionen Euro ging laut Weininstitut 2005 in die EU.

Aber nicht nur die US-Winzer, sondern auch Europas Weinbaunationen wie Frankreich und Italien profitieren von der Abmachung. Immerhin haben die jährlichen Ausfuhren in die USA einen Wert von mehr als zwei Milliarden Euro und machen zwei Fünftel aller Exporte aus. Die USA ist für die EU damit bei weitem der wichtigste Weinabsatzmarkt.

Für die Verbraucher in Europa ändert sich zunächst nichts, betonte Nickenig. Erst wenn die Amerikaner ihr Gesetz änderten, dürften Weine, die mit dem Fraktionierungsverfahren hergestellt wurden, nach Europa eingeführt werden. Wann das passiert, ist derzeit noch offen.

manager-magazin.de

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