Mittwoch, 23. Oktober 2019

Getränketrends Ciao, Latte macchiato!

Feine Teesorten kommen in Mode. So schnell, dass Berlins Adlon-Hotel darauf reagiert hat: Das Fünf-Sterne-Haus lässt seine Gäste jetzt von einem Tee-Sommelier beraten. Seitdem ist der Latte macchiato für viele Adlon-Gäste nur noch kalter Kaffee.

Berlin - Feiner Duft steigt aus dem silbernen Kännchen. Mit gekonntem Schwung gießt Kathleen Winkler einen guten Assam-Tee in eine Porzellantasse mit Goldrand. Man serviert stilvoll im Adlon. Doch nicht nur im Berliner Luxushotel am Brandenburger Tor sei Tee dabei, dem Modegetränk Latte macchiato kräftig Konkurrenz zu machen.

Kathleen Winkler: Erschnuppert 20 verschiedene Teesorten mit verbundenen Augen
"Der Trend zum Tee ist deutlich zu spüren. Mit der Wellness-Welle hat er sein Oma-Image völlig verloren", sagt Kathleen Winkler.

Kann man ihrem Trendgefühl vertrauen? Die 26-jährige Winkler ist Tea Master des Fünf-Sterne-Hotels, was so viel heißt wie: geprüfte Teeberaterin. Sie kann den Geruch 20 verschiedener Teesorten mit verbundenen Augen erschnuppern. Sie kümmert sich um die Adlon-Teetrinker. Soll es ihnen recht machen. Es ist ihr Beruf. Seitdem bemerkt sie den Trend zum Tee täglich.

Wer in der Hotellobby nach Tee verlangt, bekommt von Kathleen Winkler zuerst eine hölzerne Teekarte gereicht. In kleinen Schaufenstern sind Blüten und Blättchen von "Assam", "Morgentau" oder "Earl Grey" zu sehen. Ähnlich wie beim Wein kreisen Kennergespräche schnell um Anbaugebiete, Pflückung oder Geschmacksrichtung. Die Beschreibung "fischig-algig" für japanische Sorten ist dabei durchaus zulässig.

Abgefüllt in Bremen: 50 Gramm des exklusiven Weißen Tees aus China kosten oftmals 10 Euro Fein justiert: Christoph Michaelsen, Geschaeftsfuehrer des Tee-Importeurs W.B. Michaelsen & Co., hat sich auf die Nischenbranche exklusiver Tees spezialisiert. Geschmackstest: Frisch aufgekochter Assam-Tee auf dem Tisch eines Hamburger Teehandelshaus

Feiner Tee: Abgepackt, gewogen und im Geschmackstest
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Auch die wechselnden Teemoden spürt die Masterin schnell: Fragten Teefreunde im vergangenen Jahr noch nach Rotbusch-Sorten, steht nun weißer Tee ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

Heißes Wasser auf ungeöffneten Blattknospen

"Weißer Tee ist wie Eiswein", erläutert Kathleen Winkler - eine Auslese, kein Massenprodukt. Im alten China hatte er den Ruf, zur Unsterblichkeit zu verhelfen. Noch heute werden nur die ungeöffneten Blattknospen des Teestrauchs dafür gepflückt. Auch wenn der Tee mit seinem eher wässrigen Aussehen in der Tasse nicht viel hermacht, entfaltet er ein sehr feines Aroma.

Was dem Weinkenner ein versierter Sommelier ist, ist Kathleen Winkler für den Teefreund. Sie berät die Adlon-Gäste bei der Teewahl, beschreibt Geschmack und Aroma und versteht sich auf die Zubereitung der Tees.

Kathleen Winkler: Mit kleinen Schlucken prüft die "Tea-Masterin" im Berliner Hotel Adlon die Qualität einer frisch gebrühten Tasse Tee. Winkler berät als geprüfte Teeberaterin die Gäste des Fünf-Sterne-Hotels
Prominente Adlon-Gäste sind allerdings oft wählerisch. Queen Elizabeth II. beispielsweise trank nur die Teesorte, die ihr Butler mit nach Berlin brachte, und selbst zubereitete. Es wird gemunkelt, dass es ein Famous Earl Grey gewesen sei. Und auch beim Tee für den Dalai Lama mischte sich Winkler lieber nicht ein. Doch wenn es Schauspielern wie Morgan Freemann nach Einschlaftee gelüstet, fühlt sich die Tea Masterin gefordert.

Teetrinken ist ein Ritual, das seine Zeit braucht. Gelten Kaffeetrinker oft als hektisch, sehen sich Teetrinker gern als die Ruhe selbst. "Tee ist bekömmlicher, weil der Körper die Stoffe langsamer abbaut", sagt Winkler. Teeliebhaber können sich wie bei einer Weinprobe durch viele verschiedene Sorten probieren. Ein Vergnügen, das Kaffeetrinkern nicht anzuraten ist. "Da kriegt man wohl irgendwann das große Zittern", sagt Winkler.

Über die Teegewohnheiten der verschiedenen Nationen kann sie viel erzählen. Die Briten rühren Sahne im Tee grundsätzlich nicht um. Doch den Streit, ob erst der Tee und dann die Milch in die Tasse gehört oder umgekehrt, versteht sie nicht. "Das macht geschmacklich keinen Unterschied", sagt sie. "Die echten Feinde des Tees sind Süßstoff und Zitrone." Auch Teeeier schadeten dem Genuss. "Tee braucht Raum, um sein Aroma zu entfalten", sagt die professionelle Teefrau.

Für ihren Titel "Tea Master" hat Kathleen Winkler Prüfungen im In- und Ausland abgelegt, und auch bei der Teeernte in Sri Lanka zugeschaut. "Ich habe heute viel mehr Respekt vor Tee", sagt die gelernte Restaurantfachfrau. Und sie trinkt keinen Latte macchiato mehr.

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