Superwein Bote aus der Vergangenheit

Der älteste Wein der Welt steht in Würzburg. Abgefüllt wurde der Tropfen zu Zeiten von Martin Luther und Shakespeare. Das Produkt des heißen Sommers Anno 1540 gilt bis heute als Jahrtausendtrunk.

Würzburg - Eine dünne Staubschicht überzieht die grüne Flasche mit dem flüssigen Schatz: Der älteste trinkbare Wein der Welt steht seit Jahren unberührt hinter Panzerglas in einem Mauereinlass im weit verzweigten Kellergewölbe des renommierten Würzburger Weinguts Bürgerspital.

Der uralte Wein aus der Würzburger Spitzenlage "Stein" stammt aus dem Jahr 1540. Der Botschafter eines heißen Sommers aus der Zeit Shakespeares, Martin Luthers und Kaiser Karl IV. gilt bis heute als so genannter Jahrtausendwein.

Die Kostbarkeit dieses legendären Weinjahres bleibt meist hinter Schloss und Riegel. Indes ist der edle Tropfen schon einmal bei einer Raritätenprobe 1961 in London von Weinkenner Hugh Johnson verkostet worden. Zwar konnte er nur zwei Schluck von der damals noch vorhandenen zweiten Flasche nehmen, ehe der Wein durch die Berührung mit der Luft verging und seinen Geist aufgab. Dennoch schrieb der "Weinpapst" später begeistert: "Der 1540er Würzburger Stein war noch lebendig. Nichts hatte mir bis dahin so klar vor Augen geführt, dass Wein wahrhaftig ein lebendiger Organismus ist."

Odyssee des Superjahrgangs

Die nachweisbar letzte Flasche des 1540er Steinweines übergab Henry G. Simon, Spross einer alten Wiesbadener Weinfamilie, schließlich 1996 an das Würzburger Bürgerspital. Über verschlungene Wege war der Wein, einst im Besitz der bayerischen Könige, nach England gekommen. Im Guinness-Buch der Rekorde ist er als ältester datierter Jahrgang aller Weine vermerkt.

Das Bürgerspital zum Heiligen Geist, nur ein paar Schritte von der Würzburger Residenz entfernt, ist mit 140 Hektar Rebfläche heute das viertgrößte Weingut Deutschlands.

Rund eine Million Flaschen werden im Jahr vermarktet, davon 80 Prozent Bocksbeutel. Das Bürgerspital ist auch so etwas wie das Geburtshaus der bauchigen Flasche: "Wir haben als erstes Weingut in Franken Wein in den Bocksbeutel abgefüllt und die Flaschen mit eingebranntem Siegel verkauft", erklärt Mitarbeiterin Denise Alsheimer bei ihrer Kellerführung den Gästen. 1726 hatte die Stadt die Flaschenform als Qualitätsmerkmal eingeführt.

Für den Jahrgang 2003 stellt die 40-jährige Leiterin des Prädikatsweingutes eine außergewöhnliche Qualität in Aussicht. "Diese Intensität ist kaum zu fassen, alles ist potenziert - Aroma, Frucht, Alkohol". Auch die Säuere mache den Winzern laut Höferlin entgegen so mancher Befürchtung keinen Strich durch die Geschmacksrechnung. "Das sind Weine, an denen wir über Jahre hinweg unsere Freude haben werden".

Claudia Möbus, DPA

Mehr lesen über