Wein vom Mittelrhein "Das kann niemand kopieren"

Im Tal der Loreley sind in den letzten fünfzig Jahren allein 1000 Hektar Rebfläche aufgegeben worden - weil die Handarbeit für Hobbywinzer nicht mehr rentabel war. Doch jetzt hat die Region ein Konzept gefunden, mit dem der Flächenschwund gestoppt werden kann.

St. Goar - Weine vom Mittelrhein haben einst so manchen Dichter und Denker inspiriert. Denn das Flusstal von Bingen bis Bonn mit seinem engen Durchbruch durch das Rheinische Schiefergebirge, den Burgruinen und mittelalterlichen Orten war einst Heimat weltberühmter Rieslingtropfen.

Klebte damals noch Weinberg an Weinberg an den steilen Hängen, so gibt es heute nur noch vereinzelte Rebeninseln. Doch die besten Lagen sind geblieben. Und mineralisch-filigrane Rieslinge und Burgunder bringen Rheinwein wieder zu neuen Ehren.

"Wir sind leider ein schrumpfendes Gebiet", sagt Hiltrud Specht von Mittelrhein-Wein in St. Goar. In den zurückliegenden 50 Jahren seien fast 1000 Hektar Rebfläche aufgegeben worden. Inzwischen werden nur noch rund 500 Hektar bewirtschaftet. Aber mit einer gut ausgebildeten jungen Winzergeneration habe sich die Weinqualität enorm gesteigert. Die tragende Säule des Anbaugebietes bilden nach Angaben von Weinbaupräsident Gerhard Lambrich aus Oberwesel-Dellhofen knapp 80 selbstvermarktende Weinbaubetriebe.

Ein entscheidender Grund für das Schwinden der Fläche ist das Aussterben der Nebenerwerbswinzer. Im Tal der Loreley lagen kleinste Parzellen, die nebenbei bewirtschaftet wurden. Inzwischen ist der Weinbau in den Steillagen - rund 85 Prozent erfolgt in Weinbergen mit mehr als 30 Prozent Steigung, die Handarbeit erfordert - für Hobbywinzer größtenteils nicht mehr rentabel.

"Flächenschwund zum Stillstand bringen"

Während früher über die Genossenschaften ein beträchtlicher Teil des Mostes als namenloser Grundwein an Kellereien verkauft wurde, spielt der Fassweinmarkt heute kaum noch eine Rolle.

"Die Fassweinpreise orientieren sich an Flachlagengebieten. Da legen sie bei uns Geld drauf", erklärt Lambrich die schwierige Situation der Nebenerwerbswinzer. Inzwischen schließen jedoch selbstvermarktende Weinbaubetriebe Verträge mit ihnen oder kaufen ihre Weinbergflächen auf. Und so hofft Lambrich, dass "wir den Flächenschwund zum Stillstand bringen".

Denn unter anderem gaben auch die steilen Weinterrassen, die sich wie Schwalbennester an die Hänge der dramatischen Kulisse des Flusslaufes schmiegen, den Ausschlag für die Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe. Bereits die Römer bauten zwischen Koblenz und Neuwied in ebenen Weingärten Reben an. Bis zum Hochmittelalter waren dann auch die nach Süden ausgerichteten Steilhänge zwischen Koblenz und Bingen für den Weinbau terrassiert.

Warum Heinrich Heine so weich gestimmt war

Wie der Rheinwein das Seinige tat

Damals entwickelte sich Bacharach zum wichtigsten Weinmarkt am Mittelrhein. Hier wurde neben heimischen Weinen auch Rebensaft aus anderen deutschen Landen gehandelt. Wegen der gefährlichen Klippen im so genannten Binger Loch wurden die Fässer auf dem Landweg oder mit kleinen Schiffen bis nach Bacharach transportiert.

Unter der Namen "Bacharacher" verkaufte sich der Wein bis nach England und Skandinavien. Als im 19. Jahrhundert das romantische Rheintal zur Modelandschaft der Bildungsbürger wurde, tat der Rheinwein das Seinige dazu, die damaligen Touristen euphorisch zu stimmen.

Auf den 120 Flusskilometern zwischen Bingen und Bonn gedeihen zu mehr als 80 Prozent Rieslingtrauben. Vorwiegend auf Schiefer gewachsen, bringen sie mineralisch betonte Rieslinge mit einer rassigen Säure - Weine, die als typisch rheinisch gelten.

"Das kann niemand kopieren", sagt Lambrich. Zugunsten von Weiß-, Grau- und Spätburgunder wurde allerdings so manche exponierte Rieslinglage aufgegeben. "Jedoch nur dort, wo die Böden tiefgrundig genug sind", so der Fachmann. Die Rotweinfläche betrage inzwischen rund 12 Prozent, vorwiegend Spätburgunder.

Warum Heinrich Heine so weich gestimmt war

Im romantischen Rheintal wird das Zusammenspiel von Wein und Speisen groß geschrieben. Einer Vereinigung von Winzern und Gastronomen namens "Mittelrhein Momente" ist es zu verdanken, dass sich das Image des Rheinweins entschieden verbessert hat. Die Zeiten eines "Kegel- und Sauftourismus" sowie rummeliger Weinfeste mit billigen Massenweinen gehören der Vergangenheit an.

Ziel ist es auch, die Weinbergterrassen zu erhalten - nicht zuletzt, weil auf ihnen die besten Weine gedeihen. "Der Gast, der in unser Tal kommt, soll auf grüne und nicht verbuschte Hänge schauen", sagt Gastronom Harald Kutsche von "Mittelrhein Momente" in Kaub.

So wurden beispielsweise rund um die Feste Rheinfels oberhalb von St. Goar wieder Reben gepflanzt. Jedes Jahr im September kann im beeindruckenden Kellergewölbe der ehemals prächtigen Burg bei einer öffentlichen Weinverkostung nachvollzogen werden, warum der Dichter Heinrich Heine nach dem Genuss von Rheinwein so weich gestimmt war.

Von Heidemarie Pütz, dpa

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