Interview "Probieren, probieren, probieren!"

Ausgesuchte Weißweine erobern die Topgastronomie. Kritiker Stuart Pigott verrät, welche Kreszenzen im Trend liegen, worauf der Käufer achten muss, und wie viel Geld hochrangige Manager für gute Tropfen ausgeben.
Von Martin Scheele

mm.de:

Herr Pigott, wenn Sie nach Hause kommen, sollen Sie angeblich zu einem Bier greifen? Haben Sie abends keine Lust auf Rebensaft?

Pigott: Das hat sich geändert. Meine Bierlust hat extrem nachgelassen, im Sommer genehmige ich mir gerne mal ein Hefeweizen. Aber ansonsten trinke ich wirklich gerne Wein.

mm.de: Weißweine insbesondere der traditionellen Rebsorte Weißburgunder liegen bei Käufern und Topgastronomen voll im Trend. Warum?

Pigott: Die Mode fing genau genommen schon vor 15 Jahren an, entwickelte sich aber ganz langsam. Weißburgunder schmecken zumeist rund und trocken. Der Eindruck der Leichtigkeit und der Geschmeidigkeit dieser Weine begeistert die Konsumenten.

mm.de: Lässt sich dieser Aufschwung auch in Zahlen messen?

Pigott: Seit den neunziger Jahren ist ein gewaltiger Weinboom festzustellen, der zu enormen Neupflanzungen führte. Heute gibt es einen Überschuss von 50 Millionen Hektoliter weltweit. Die Produktion von Weißburgunder in Deutschland stieg von 2500 Hektoliter in 1998 auf 2800 Hektoliter in 2001.

mm.de: Das heißt: die Preise sind im Keller?

Pigott: Ja genau, zumindest für Alltagsweine. Gute Weißburgunder sind für unter fünf Euro bis zehn Euro zu bekommen. Vor allem deutsche Produzenten liefern tolle trockene Weißweine. Mehr als 20 Euro muss man für exzellenten Weißburgunder nicht ausgeben, das ist die absolute Schallmauer.

mm.de: Zu welchem Essen würden Sie Weißburgunder servieren?

Pigott: Zu fast jedem. Ausgenommen sind extrem scharf gewürzte Speisen. Und sehr intensive Tomatensoßen, wegen der Säure der Tomaten.

mm.de: Worauf soll der Käufer achten?

Pigott: War lange Zeit der Jahrgang das wichtigste Qualitätsmerkmal, hat sich das heute geändert. Wichtiger ist mittlerweile der Ort der Herstellung. Die Rolle des Produzenten wird immer wichtiger.

mm.de: Unterscheidet sich die Qualität nach Anbaugebieten?

Pigott: Eigentlich ist sie überall gleich. Aber genau so wie es Erste-Klasse-Weine gibt, findet sich auch überall Schrott. Das ist eine große dumpfe Masse an Weinen, die zwar technisch in Ordnung sind, die aber dennoch wenig überzeugen. Letztlich ist das Traubengut entscheidend.

"Viele Vorstände mögen's günstig"

mm.de: Wie schneiden Deutschlands Winzer ab?

Pigott: Deutschlands Anteil an der weltweiten Weinwirtschaft beträgt gerade mal 1,33 Prozent. Die Chancen seiner Winzer liegen darin, sich kleine Nischen zu suchen. Ich möchte den Namen Dr. Loosen  aus Bernkastel (Mosel) nennen, der wunderbaren Riesling herstellt. Und Müller-Catoir  aus Neustadt-Haard (Pfalz), wie auch Dönnhoff  aus Oberhausen (Nahe). Bei diesen guten Produzenten muss auch ich extrem rechtzeitig bestellen. Komme ich eine Woche zu spät, sind die besten Weine weg.

mm.de: Lassen sich gute Weine auch im Supermarkt kaufen?

Pigott: Davon rate ich ab. Die Auswahl und die Präsentation in den Supermärkten ist schlecht. Es gibt praktisch keine Kontrolle der Qualität. Es wird häufig auch gar nicht überwacht, ob das was bestellt ist, mit dem übereinstimmt, was geliefert wird. Für die Käufer gilt: Übung macht den Meister. Probieren, probieren, probieren. Und natürlich Bücher lesen.

mm.de: Sie sollen ja viele Weinveranstaltungen vor Führungskräften aus der Wirtschaft abhalten.

Pigott: Das stimmt. Gerade in jüngster Zeit habe ich unglaublich viele Anfragen bezüglich Weinverkostungen aus den Chefetagen der deutschen Unternehmen erhalten. Manchmal wird die Weinzusammenstellung für ein Diner gewünscht oder ich veranstalte Weinproben oder Vorträge.

mm.de: Können Sie prominente Auftraggeber nennen?

Pigott: Bayer, die Deutsche Börse, HypoVereinsbank, ThyssenKrupp. Einige Unternehmen betreiben einen wahnsinnigen Aufwand. Zum Beispiel ThyssenKrupp. Ich habe eine Weinliste erstellt. Die Chefetage wollte prompt die Weine, die am schwierigsten zu bekommen waren. Für diese Art von Veranstaltungen scheint ein richtiger Trend zu entstehen.

mm.de: Worum geht es den Managern in der Diskussion?

Pigott: Die häufigste Frage ist: "Was kostet der Wein?" Was ich festgestellt habe: Günstigere Weine sind mehr gefragt. Dieser Personenkreis steckt ja bereits viel Geld in teure Autos. Viele Vorstände präferieren Preisregionen zwischen sieben und zehn Euro. Was soll ich dagegen sagen. Das ist Geschmackssache.

mm.de: Personen, die Sie engagieren, dürfen sich auch auf poetische Beschreibungen der Weine freuen ...

Pigott: Ja, durchaus. Ich habe einen schlechten Wein schon mal als das Ungeheuer von Frankenstein bezeichnet. Fast hätte ich aber ein interessantes Detail der Weißburgunder-Geschichte vergessen. Die Weißburgunder-Traube heißt ja in Frankreich Pinot Blanc. Im Burgund ist diese Rebsorte eigentlich verboten. Das war das Ergebnis eines Geheimabkommens der französischen Regierung und Elsässer Winzern nach dem Kriegsende. Ziel war es, die Elsässer einzubinden. Tatsächlich gibt es aber immer noch eine ganze Menge Burgund-Reben im Burgund, viele der Läger bestehen noch.

mm.de: Geben Sie uns noch einen Tipp?

Pigott: Probieren sollten Sie auf jeden Fall Weine von Daniel Vollenweider aus Wolf/Mosel (Telefon 0 65 41 / 81 44 33, weingut-vollenweider@t-online.de ), der aus Graubünden stammt und beste Weinberge an der Mosel gekauft hat.

Weintest: Woher die besten Weißburgunder kommen Download: 27 Weißburgunder, die ihr Geld wert sind


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