Fußball Topklubs verlieren wegen Corona massiv an Wert

Corona setzt dem Geschäftsmodell der Fußballbranche zu. Eine KPMG-Studie zeigt, dass Klubs wie Real Madrid oder Manchester United bis zu einem Fünftel ihres Wertes eingebüßt haben. Für einen deutschen Klub ist der Wertverlust sogar dramatisch.
Schalke-Spieler am Boden: Der Firmenwert hat sich nach Schätzung von KPMG fast halbiert. Doch nicht nur auf Schalke lastet nun mehr Druck als je zuvor

Schalke-Spieler am Boden: Der Firmenwert hat sich nach Schätzung von KPMG fast halbiert. Doch nicht nur auf Schalke lastet nun mehr Druck als je zuvor

Foto: Friedemann Vogel / Getty Images

Das Finale der Champions League zwischen Manchester City und dem FC Chelsea, das am Samstagabend in Porto angepfiffen wird, ist der finanzielle Höhepunkt des europäischen Fußballgeschäftsjahres. Wer das Finale des lukrativsten Klubwettbewerbs der Welt gewinnt, streicht allein für ein Spiel 19 Millionen Euro Prämie ein. Hinzu kommen Prämien für die vorangegangenen Spielrunden sowie aus zwei weiteren Töpfen. Als der FC Bayern München 2020 die Champions League (CL) gewann, brachte das dem Klub insgesamt etwa 135 Millionen Euro ein.

Betriebswirtschaftlich betrachtet lastet auf den deutschen Finalteilnehmern – Chelsea-Coach Thomas Tuchel (47) mit den Nationalspielern Kai Havertz (21), Timo Werner (25) und Antonio Rüdiger (28) auf der einen und City-Mittelfelsstar Ilkay Gündogan (30) auf der anderen Platzseite – mehr Druck als je zuvor. Denn wegen Corona haben Europas Topklubs das Geld aus der CL nötiger denn je. Welche Einbußen die 32 bedeutendsten europäischen Fußballfirmen durch die Pandemie hinnehmen mussten, zeigt der neue Report  der Experten von KPMG Football Benchmarks zur Wertentwicklung von Chelsea, City, Bayern & Co.

Die Fußballbranche dürfte eine ganze Weile brauchen, um die Folgen von Covid-19 wirtschaftlich wegzustecken. Um durchschnittlich 15 Prozent sind die Umsätze der Top-Fußballmarken durch die Pandemie gefallen – insgesamt 6,1 Milliarden Euro an Erlösen hat Corona vernichtet. Das drückt auf die Firmenwerte: Real Madrid, mit einem Unternehmenswert von 2,9 Milliarden Euro der wertvollste Klub der Welt, musste einen Einbruch von gut 16 Prozent verkraften (siehe Tabelle). Beim Drittplatzierten Manchester United waren es sogar über 20 Prozent. Und während vor der Pandemie noch 20 Klubs der Top-32 Gewinne schrieben, sind es nun nur noch sieben.

Ablesen lässt sich der Wertverlust auch an der Börse. Sechs der 32 Topklubs sind dort notiert. Ihr aggregierter Börsenwert fiel im Untersuchungszeitraum zwischen Januar 2020 und Januar 2021 um satte 32 Prozent.

Bayern und BVB schlagen sich noch gut - doch für S04 wird es eng

Die beiden heimischen Marktführer Bayern München (Unternehmenswert: minus 9 Prozent) und Borussia Dortmund (minus 5 Prozent) haben sich noch vergleichsweise gut geschlagen. Übel gebeutelt hat es allerdings den FC Schalke 04, dessen Firmenwert nach KPMG-Schätzung um fast 40 Prozent einbrach. Da der Klub wegen des Abstiegs zudem nächste Saison in der 2. Bundesliga antreten muss, muss sich Schalke auf absehbare Zeit aus dem Kreis der großen Fußballmarken verabschieden.

Corona kostet die Klubs gleich mehrfach Millionen. Den Fußballfirmen fehlen nicht nur Zuschauereinnahmen, weil sie seit mehr als einem Jahr fast immer in leeren Stadien spielen müssen. Auch Medienerlöse sind teilweise zurückgegangen. Zudem sind die Werte der Spieler – dem wichtigsten Asset der Klubs – eingebrochen, weil die Preise am Transfermarkt gefallen sind. Für die Top-500 Spieler geht KPMG von einem Wertverlust bis April 2021 von knapp zehn Prozent aus.

Damit wirkt das Virus auf den langen Boom des Fußballmarktes wie eine Blutgrätsche. Zwischen 2011 und 2019 sind die Erlöse der Topligen in allen 55 Uefa-Mitgliedsstaaten im Schnitt um 7 Prozent pro Jahr gestiegen – von 13,2 auf 23 Milliarden Euro. Für Mitte 2020 kalkuliert KPMG mit einem Rückgang von elf Prozent auf 20,4 Milliarden Euro. Das Fußballgeschäft wird damit auf das Niveau von 2017 zurückgeworfen.

Doch die Corona-Krise könnte sich auch als lehrreich erweisen. Denn sie lege die "Verwundbarkeit des Ökosystems Fußball" offen, sagt Andrea Sartori, als KPMG-Partner und Global Head of Sports Hauptautor der Studie. So flossen etwa große Teile der Boomgewinne vor allem Spielern und Beratern zu. Als Folge stiegen die Fixkosten vieler Klubs immer weiter, so dass im Fall von sportlichem Misserfolg schnell finanzielle Engpässe drohten.

Ölscheichs gegen Oligarchen

Zugleich drängen aggressive Investoren wie Ölscheichs oder russische Oligarchen in den Fußball, die ihre Klubs mit Geld überschwemmen und so den Wettbewerb aushöhlen. Das CL-Finale am Samstag zwischen Manchester City und Chelsea gilt als vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung: City gehört mehrheitlich dem Herrscherhaus von Abu Dhabi, Chelsea dem russischen Milliardär Roman Abramowitsch (54).

Sartori macht einige Vorschläge, um die strukturellen Schwächen der Fußballbranche auszumerzen. So sähe er gern das "Financial Fair Play" der Uefa gestärkt, um die Wettbewerbsverzerrungen durch bestimmte Investoren zu begrenzen. Auch plädiert er für eine Verkleinerung der nationalen Ligen, um den überfrachteten Matchkalender zu entzerren und den Wert der einzelnen Spiele zu heben. Zuletzt konnten mehrere Ligen in den Verhandlungen mit ihren Medienpartnern keine weiteren Preiserhöhungen mehr durchsetzen – auch weil die Ware Fußball durch eine Mengeninflation an Wert verloren hat.

Schließlich regt Sartori auch an, dass sich kleinere Ligen zusammenschließen (etwa die der Niederlande und Belgiens) und sich Topklubs aus kleineren Märkten größeren anschließen (wie Portugals Topvereine Spaniens La Liga). Was für viele lokale Fans inakzeptabel sein dürfte, könnte jedoch Niveau und Wettbewerbsintensität anheben und das Produkt Fußball insgesamt attraktiver machen, findet der KPMG-Experte.

Christian Seifert (52), Chef der Deutschen Fussball Liga (DFL), hatte bereits vor einem Jahr diverse Reformen ins Spiel gebracht, um die wirtschaftliche Basis des Profifußballs für die Post-Corona-Zeit zu stärken – etwa auch Gehaltsdeckel für Spieler und eine stärkere Kontrolle des Beratersystems. Experten sprechen sich bereits seit Längerem für mehr Regulierung im Fußballbusiness aus.

Solche Reformen könnten auch dazu beitragen, die Abkopplung der zehn europäischen Topklubs vom Rest des Fußballgeschäfts zu bremsen. Was Unternehmenswerte, Geschäftsmodell, Leistungsfähigkeit, Markenstrahlkraft und Reichweite angeht, sind die Top-10 den anderen Fußballfirmen enteilt. Holen die anderen Marktteilnehmer nicht auf, dürfte es nicht lange dauern, bis sich der Wunsch großer Klubs, eine eigene Super-Liga zu gründen, erneut Bahn bricht. Im April waren Klubs wie Real Madrid, der FC Barcelona, Manchester City und der FC Chelsea noch wenige Tage nach Ausrufung einer "Super League" am breiten Widerstand gegen ihr Milliardenprojekt gescheitert. Sie knickten ein – aber das war allenfalls ein taktischer Rückzug.

cn
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