Trend-Kolumne Das große Abspecken

Klotzen und protzen war gestern. In der Krise ist eine neue Tugend gefragt: Bescheidenheit. Wer sich darauf einlässt, kann erfahren, dass eine Nummer kleiner immer noch groß genug ist - und der Verzicht auf unnötigen Ballast Energie freisetzen kann.
Von Andreas Steinle

Aus New York berichten uns die Trendkorrespondenten, dass die Luxusboutiquen unbedruckte Tüten ausgeben, damit sich kein Kunde outen muss, soeben ein Kleidchen von Prada für 1200 Dollar bezahlt zu haben. Zu groß ist die Angst anzuecken. Schließlich tobt da draußen die Krise. Alle müssen den Gürtel enger schnallen. Und wer nicht dazu gezwungen ist, will nicht unbedingt das Gegenteil demonstrieren. Es ist also leicht nachvollziehbar, dass allzu offensiver Überfluss und Luxus derzeit schwierig zu vermarkten ist.

Für viele Kunden stellt sich nicht die Frage: "Was kann ich mir leisten?", sondern "Was will ich mir leisten?". Obwohl sie das Geld für einen 5er-BMW hätten, entscheiden sie sich bewusst für ein Modell der 3er oder 1er-Reihe. Auch vor dem Hintergrund des wachsenden Umweltbewusstseins gelten zwei Tonnen schwere Autos nicht mehr als prestigefördernd. BMW tat daher gut daran, den lange geplanten Geländesportwagen X7 zu beerdigen. "Natürlich wollen wir Autos bauen, für die sich der Kunde nicht schämen muss", zitierte kürzlich das "Süddeutsche Zeitung Magazin" einen BMW-Sprecher.

Wir erleben derzeit den Abschied von der "Immer schneller, immer höher, immer weiter"-Kultur. Im wahrsten Sinne des Wortes wird jetzt einen Gang runter geschaltet. In der Automobilindustrie sind es die kleinen, praktischen, sparsamen Wagen, die derzeit nachgefragt werden. Sie sind nicht nur günstiger, sondern erleichtern in überfüllten Großstädten die Mobilität. Der Smart feiert dieser Tage seinen späten Sieg und bewegte Daimler-Chef Zetsche im Juli 2008 zu folgender Aussage: "Er ist sinnvoll und macht Spaß - und wenn wir ihn nicht vor zehn Jahren erfunden hätten, müssten wir ihn heute erfinden." Wie sich zeigt, sind Fahrspaß und Vernunft für die Autokäufer keine Gegensätze mehr. Genuss liegt nicht mehr im Überfluss, sondern in einer gewissen Einfachheit. Viele wollen schlichtweg mit weniger Ballast durchs Leben gehen. Diese Tendenz im Konsumverhalten lässt sich in vielen Branchen beobachten.

Einfacher ist attraktiver

Auch in der Informationstechnologie gilt die Devise: Einfacher ist attraktiver. Auf der letzten Cebit, der weltgrößten Computermesse, standen vor allem die Netbooks im Mittelpunkt. Das sind kleine, günstige Computer, die dank abgespeckter Leistung weniger als 400 Euro kosten und vor allem fürs Internetsurfen gedacht sind. Dieses Segment wächst zurzeit zweistellig. Das Motto "immer schneller, immer leistungsfähiger" verliert für die Kunden zunehmend an Reiz. Ebenso die Ingenieurs-getriebene Lust, Produkte mit immer mehr Funktionen auszustatten. Irgendwann wünscht sich jeder ein Handy, mit dem man ausschließlich telefonieren kann.

Einer der größten Verkaufserfolge im letzten Weihnachtsgeschäft in den USA war die Mini-Kamera Flip. Im handlichen Handy-Format ist sie ausschließlich dafür konstruiert, Video-Clips im Youtube-Format aufzunehmen und diese über die entsprechenden Plattformen mit Bekannten zu teilen. Die New York Times schrieb: "One of the most significant electronic products of the year". Flip ist deswegen so erfolgreich, weil das Produkt so wundervoll simpel ist.

Egal, in welchen Bereich wir blicken: Je einfacher, desto besser. Nicht zuletzt gilt dies für die Finanzwirtschaft. Im Bereich der Anlagen erlebt der gute, alte Bausparvertrag einen regelrechten Boom - womöglich auch weil dieses Produkt selbst der Finanzberater versteht. Mit 1,52 Millionen neuen Verträgen haben die zehn Landesbausparkassen (LBS) 2008 ein Plus von 12,5 Prozent erzielt. Die Bausparsumme von 35,78 Milliarden Euro kletterte um 6,4 Prozent auf das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte der LBS-Gruppe.

Das Besondere ist heute das Normale. Im Konsum wie in der Freizeit. Balkonien statt Bali. Ostsee statt Karibik. Jeder vierte plant in diesem Jahr, die Ferien in Deutschland zu verbringen, so die BAT Stiftung für Zukunftsfragen. Selbst für das immer beliebtere Pilgern müssen wir uns nicht ins Ausland bewegen. Das geht auch an der Nordsee beim Wattpilgern von Amrum nach Föhr. Wieso in die Ferne ziehen, wenn wir die Exotik der Nähe erleben können. Schärfen wir also den Blick - für das Wesentliche. Und werfen unnötigen Ballast ab.

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