Jahrhundertauktion Die Schätze von YSL

Es dürfte der edelste Gemischtwarenladen der Welt sein: Christie's versteigert die Sammlung des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent und dessen Partners Pierre Bergé - vom 3000 Euro teuren Quarzkristall über Vasen des Bildhauers Alberto Giacometti bis hin zum millionenschweren Stillleben von Pablo Picasso.

Paris - Die Meisterwerke von Picasso und Matisse oder die herrlichen Silberpokale aus dem ehemaligen Besitz des Königshauses Hannover sorgen schon seit Wochen für Aufsehen. Denn sie stammen aus der kostbaren Sammlung des im August 2008 gestorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent und dessen Lebensgefährten Pierre Bergé und kommen in wenigen Tagen unter den Hammer.

Wohl noch nie wurde eine Auktion in der französischen Metropole so in Szene gesetzt. Christie's hat für 300.000 Euro das riesige Pariser Grand Palais gemietet und es für eine Million Euro ausgestaltet. Denn bevor die 700 Kunstwerke und Objekte unter der 45 Meter hohen Glaskuppel des Grand Palais Anfang nächster Woche den Besitzer wechseln, werden sie am Wochenende ein letztes Mal zusammen in ihrer ganzen Pracht zu sehen sein. Am Montag beginnt dann der von manchen als "Jahrhundertauktion" bezeichnete Verkauf im Grand Palais und dauert bis zum Mittwoch.

Der Medienrummel ist enorm, sorgfältig vorbereitet von dem Geschäftsmann Pierre Bergé und dem Auktionshaus. Der findige Financier, der mit Yves Saint Laurent nicht nur zusammen die einzigartige Kollektion aufgebaut hat, sondern auch dessen Modehaus, hat nach eigenem Bekunden Paris für die Auktion gewählt, um dessen Kunstmarkt "den Glanz zurückzugeben, den er verloren hat". Bis jetzt scheint ihm dies gelungen zu sein. Bei Christie's steht das Telefon nicht mehr still: Journalisten bitten um Vorabbesichtigungen und Kunstliebhaber aus aller Welt melden sich zur Versteigerung an.

Rückgabeforderungen von China

Das Schaulaufen wäre fast perfekt, gäbe es da nicht die Rückgabeforderungen Chinas. Die chinesische Regierung verlangt zwei Bronzeskulpturen zurück, die jeweils den Kopf eines Hasen und einer Ratte abbilden. Die beiden Tierköpfe stammen aus der Zeit um 1743 und wurden von dem Kaiser Qianlong für seinen Sommerpalast in Peking in Auftrag gegeben. China will die seltenen Stücke wiederhaben, weil sie während des Zweiten Opiumkriegs von Frankreich und England gestohlen worden seien. Christie's hingegen besteht darauf, dass die Herkunft aller Objekte klar und eindeutig sei.

Die Sammlung ist nicht nur aufgrund ihres Umfangs einzig, sondern auch wegen ihres eklektizistischen Charakters. Denn sie reicht vom 3000 Euro teuren Quarzkristall bis hin zu Lampen und Vasen von Alberto Giacometti und dem Stillleben von Pablo Picasso, "Instruments de musique sur un guéridon" (etwa: Musikinstrumente auf einem kleinen runden Tisch), das auf 25 bis 30 Millionen Euro geschätzt wird. Wertvolle Dolche aus Indien und der Türkei gehören ebenso dazu wie unzählige Löwenskulpturen - der Löwe war das Sternzeichen von Yves Saint Laurent - ein auserlesener Wandteppich des Präraffaeliten Edward Burne-Jones, Jugendstilmöbel sowie Werke von Ingres, David, Delacroix und Matisse.

Die Kollektion ist in 50 Jahren gemeinsamen Sammelns und Lebens entstanden. "Jeder hatte seinen Geschmack. Das einzige Kriterium für unsere Kollektion war die Qualität", sagte Pierre Bergé, der selber ein Auktionshaus besitzt, Pierre Bergé & Associés, das ebenfalls an der Jahrhundertauktion beteiligt ist.

Tischfontäne und Drachenstuhl

Die Sammlung war seit Ende der 50er Jahre entstanden. Das erste gemeinsame Sammelstück war ein riesiger Holzvogel aus Afrika. Doch den Grundstein der Kollektion legten die kunstbesessenen Lebensgefährten im Jahr 1971 mit ihrer ersten kostspieligen Anschaffung, der Holzfigur "Madame L.R." von Constantin Brancusi, die heute auf 15 bis 20 Millionen Euro geschätzt wird.

Yves Saint Laurent und Pierre Bergé kauften vorwiegend bei Händlern ein. Die außerordentliche Pokalsammlung aus dem 17. Jahrhundert, die aus Werkstätten großer deutscher Goldschmiede stammt, erwarben sie von den Brüdern Alexis und Nicolas Kugel, die ihnen nicht nur die insgesamt elf vergoldeten Silberpokale verkauften, sondern auch eine herrliche Tischfontäne. Der Wert jedes Objekts: zwischen 30.000 und 180.000 Euro.

Werke des Impressionismus und der Moderne erwarb das Paar vor allem bei dem Pariser Händler Alain Tarica, von dem auch ein Aquarell von Paul Cézanne versteigert wird, das den legendären Hausberg des französischen Malers zeigt. Was die beiden Kunstpioniere an Jugendstil-Möbel einst günstig kauften, ist heute Millionen von Euro wert, wie der einzigartige Drachenstuhl von Eileen Gray, der auf 2,5 Millionen Euro beziffert wird, oder die zwei kleinen Sitzbänke mit Leopardenfell von Gustave Miklos, für die heute zwischen 2 und 3 Millionen Euro gezahlt werden müssen.

Mit ihrer Sammlung aus Afrika, Asien, Amerika und Europa schmückten sich die beiden Männer ihre Pariser Prachtwohnungen. So stand bei Yves Saint Laurent in der Eingangshalle ein römischer Torso aus Marmor in der Nähe der postimpressionistischen "Träumenden Marie" von Edouard Vuillard, die auf 1,5 Millionen Euro geschätzt wird. Für die Ausstellung im Grand Palais wurden die Zimmer der holzgetäfelten und mit edlen Stoffen und Teppichen ausgelegten Domizilen zum Teil rekonstruiert.

"Trotz der Krise hoffe ich, dass wir an die 300 Millionen Euro erzielen werden. Wir haben eine der letzten bedeutenden Privatsammlungen in Europa und ich bin sicher, dass die Museen von Russland bis Amerika hier eine einmalige Chance sehen", hofft Pierre Bergé. Den Millionen-Erlös will der Geschäftsmann seiner Aids-Stiftung zukommen lassen.

Die Münchner Collection Rolf Heyne hat, bevor der Hammer fällt, einen Band vorgelegt, der die stilbildende Kraft der Sammlung eindrucksvoll darstellt und diese für die Nachwelt gleichsam rettet. In ästhetischen Bildern und kenntnisreichen Texten zeigt "Yves Saint Laurent & Pierre Bergé - die Sammlung" die Innenansichten von Bergés und Saint Laurents Wohnungen, in der die Objekte der Auktion ihren Platz hatten. Das Buch beleuchtet so die eigenwillige Beziehung dieses berühmten Tandems der Mode gleichsam von innen.

Dekor aus goldenen Blättern

"Dies ist kein Buch über Innenausstattung. Es ist das Fenster zu einem gemeinsamen Leben", schreibt Bergé im Vorwort. Er hatte dem amerikanischen Journalisten Robert Murphy und dem Fotografen Ivan Terestchenko die Türen zu den Domizilen geöffnet, die er in 50 gemeinsamen Jahren mit Saint Laurent bewohnte. Zuerst natürlich die legendäre Wohnung in der Rue de Babylone am linken Seine-Ufer, 1972 von dem Paar bezogen und eine Symbiose ihrer geschmacklichen Vorlieben.

Die Wohnung selbst glich schon, als das Paar sie 1969 entdeckte, einem Kunstwerk. YSL und Bergé sammelten damals Art-déco-Stücke, lange bevor diese Kunstrichtung wieder in Mode kam. Und so passte es perfekt, dass die Räume von einem Amerikaner Ende der 20er-Jahre im Stil des Künstlers Jean-Michel Frank (1895-1941) ausgestattet worden waren.

Ein rot lackierter Flur, das Dekor aus goldenen Blättern und ein getäfelter Salon boten die ideale Kulisse für alle Schätze, die Saint Laurent und Bergé im Lauf der Jahre anhäuften. Sie kauften Bilder von Munch, Matisse oder Goya, platzierten eine Holzschnitzerei von Brancusi über dem Kamin oder stellten auf einen Teppich mit bunten Papageien aus den 30er-Jahren einen Drachensessel der wunderbaren Eileen Gray (1879-1976). Es gab schimmernde Alabasterlampen, nackte Marmorkörper, Kameen, Elfenbein und zahlreiche andere Dinge, die jedes für sich bezaubern und trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft sich harmonisch zusammenfügten.

Sie zeigten wie perfekt eigentlich die Verbindung ihrer ungleichen Besitzer war, des scheuen und von Drogen und Alkohol abhängigen Genies Saint Laurent und des geschäftstüchtigen Strategen Pierre Bergé, der Saint Laurent immer wieder aus seinen Depressionen riss, ihn zur Arbeit drängte und beschützte. Beide hatten neben der gemeinsamen Wohnung jeweils eigene. Auch diese sind in dem Buch dokumentiert.

Saint Laurents Apartment war deutlich moderner, das von Bergé eher klassisch eingerichtet, beide mit großer Geschmackssicherheit. Gemeinsame Träume jenseits des Alltags verwirklichten sie bei der Einrichtung des Château Gabriel in der Normandie sowie in ihren Häusern in Marrakesch. Das Schloss wirkt wie eine Hommage an Saint Laurents Lieblingsschriftsteller Marcel Proust.

Sabine Glaubitz, dpa

YSL: Die Jahrhundertauktion in Paris

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