Yann Arthus-Bertrand Menschheitsfragen

Berühmt wurde der Fotograf Yann Arthus-Bertrand mit seinem Megaprojekt "Die Erde von oben". Sein neues Unterfangen ist nicht minder faszinierend: Für die Video-Kompilation "Sechs Milliarden andere" holte er 5000 Menschen aus 75 Ländern vor die Kamera und ließ sie grundlegende Lebensfragen beantworten.

Paris - Was haben Hollywood-Star Martin Sheen, ein afghanischer Bauer, ein brasilianischer Fischer und ein deutscher Künstler gemein? Sie alle spielen eine Rolle im jüngsten Projekt des französischen Fotografen Yann Arthus-Bertrand: Seine Videosammlung "6 Billion Others"  (Sechs Milliarden andere) ist ein bewegendes Porträt der Menschheit - zusammengesetzt aus vielen Einzelvideos, die man auf Arthus-Bertrands Website abrufen kann.

Bertrand, 62 Jahre, wurde mit seinem Mammutprojekt "The World from Above" (Die Welt von oben) berühmt, als er mit Luftaufnahmen aus 60 Ländern die Verletzlichkeit und Schönheit der Erde deutlich machte. In "Sechs Milliarden andere" wendet er sich den Menschen zu, die er in seinem ersten Werk nur aus der Vogelperspektive zeigte. Für das Nachfolgeprojekt reiste er abermals fünf Jahre um die Welt, stellte 5000 Menschen in 75 Ländern vor seiner Kamera die einfachsten und zugleich schwierigsten Fragen: Sind Sie glücklich? Was bedeutet Liebe? Was würden Sie gerne in ihrem Leben ändern? Die Antworten sind manchmal lustig, manchmal traurig, oft regen sie zum Nachdenken an.

"Das Interessante ist, dass die 'Sechs Milliarden' über Dich sprechen", sagt Arthus-Bertrand. "Die Ausstellung ist ein Spiegel, sie ruft Gefühle hervor. Es ist ein Teil von Dir, der aus den anderen spricht." Die Idee kam dem Franzosen, als er wegen einer Hubschrauberpanne in Mali zu einer Pause von "Die Welt von oben" gezwungen wurde. Er verbrachte den Tag damit, die Hoffnungen und Sorgen eines Dorfbewohners zu teilen, dessen einziges Ziel war, seine Kinder satt zu bekommen.

Die Gespräche mit dem Mann überzeugten ihn nicht nur davon, nach zehn Jahren im Flugzeug über der Erde zu den Menschen auf der Erde zurückzukehren. "Ich habe auch erfahren, dass jedes Individuum der Welt etwas zu sagen hat." Die Antworten sind nach Themen wie Krieg, Glück, Liebe oder Herausforderungen eingeordnet. Die Videozeugnisse werden in dunklen Zelten gezeigt, die im riesigen Ausstellungsraum des Grand Palais verstreut sind. Die Offenheit der Antworten erzeugt eine große Vertraulichkeit in den Zelten.

"Ich habe keine eigene Botschaft"

"Um vollkommen glücklich zu sein, müssen alle Bedürfnisse befriedigt sein. Das ist unglaublich schwierig", sagt eine elegante Frau aus Tansania. "Ich bin glücklich in meiner Armut", sagt ein Mann aus Ecuador. "Ich war glücklich mit meinem Mann", sagt eine ältere Italienerin. "Er hat den Sonnenschein mit sich genommen." Die Geschichten den Menschen sind manchmal erschütternd. Kriegsberichte von Vergewaltigungen, Entführungen, Morden. Aber auch über das Leid der Arbeitslosigkeit, den Verlust eines Kindes oder ein Aids-Infektion, über gescheiterte Ehen und über Trennungen.

Einige Interviewte brechen am Ende ihrer Schilderungen in Tränen aus. "Das härteste in meinem Leben war der Krieg", sagt eine Tschetschenin, die eine Entführung überlebte. "Was habe ich aus diesen Jahren gelernt? Vielleicht, zu vergeben." Einige seiner Gesprächspartner brachte Arthus-Bertrand dazu, zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Schweigen zu brechen. Wie eine junge pakistanische Frau, die über die Schläge ihres Mannes berichtete.

Oder eine Französin, deren Tochter im Gefängnis sitzt. "Für einige waren die Interviews eine befreiende Erfahrung, wie ein Gespräch mit einem Therapeuten", sagt der Künstler. Er selbst habe viel aus seinem Projekt gelernt, auch wenn er nicht wisse, ob es grundlegende Antworten geben könne. In dieser globalisierten Welt, in der jeder von allen abhängt, müssen wir einander zuhören", sagt er. "Ich habe keine eigene Botschaft, es sind die Menschen, die etwas zu sagen haben."

Emma Vandore, ap

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