Mittwoch, 26. Juni 2019

East Side Gallery Die Mauer bröckelt

Ein Touristenmagnet kommt in die Jahre. Die East Side Gallery, ein bunt bemaltes Teilstück der Berliner Mauer, wird aufwendig restauriert. Die spontane Kunstaktion vor 19 Jahren ist allerdings schwierig zu reproduzieren - von den 118 beteiligten Künstlern sind etliche tot oder unauffindbar.

Berlin - Vor 19 Jahren ging alles ganz schnell und spontan: 118 Künstler aus aller Welt stellten sich an einen langen, grauen Mauerabschnitt im Osten Berlins und fingen an zu malen. Nach nur vier Monaten waren sie fertig, und die wiedervereinte Stadt hatte ein Symbol für die Jahre ihrer Teilung und die Euphorie nach dem Mauerfall: die East Side Gallery. In bunten Bildern hatten die Künstler aus Japan, Chile, Indien, aus den USA, Iran und Deutschland auf dem 1,3 Kilometer langen Betonwerk ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf gelassen.

Seit Mitte Oktober wird der spektakuläre Mauerstreifen nun von Grund auf saniert - und das dauert. Spontan und schnell geht hier nichts mehr. Mehr als ein Jahr sollen die Arbeiten dauern. Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2009 soll die Galerie wieder wie neu aussehen. Dafür werden alle 821 Mauersegmente in sechs Bauabschnitten saniert und anschließend von den Künstlern selbst wieder bemalt. Den Anfang macht an diesem Wochenende der Russe Wjatscheslaw Schljachow, der extra aus Irkutsk anreist und von Montag an innerhalb von vier Wochen sein 45 Meter langes Bild "Die Masken" neu auftragen wird.

Die East Side Gallery ist das wohl berühmteste Mauerstück, das in Deutschland noch steht, und eines der wenigen, die in Berlin überhaupt noch zu sehen sind. Denn so geschichtsträchtig die Stadt auch ist - vom alten Mauerstreifen ist nur noch wenig übrig. Auch deshalb zieht die Freiluftgalerie zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof jedes Jahr mehrere hunderttausend Besucher an. Doch in letzter Zeit war dieser Ausflug eher eine Enttäuschung: Die einst farbenfrohen Wandmalereien sind ausgewaschen, abgeblättert und an vielen Stellen nicht mehr zu erkennen.

"Geplant ist, dass alle Künstler von damals ihre Bilder selbst wieder aufmalen", sagt Kani Alavi, Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery, die 1996 zum Erhalt des Freiluftkunstwerks gegründet wurde. Das aber ist gar nicht so einfach. Immerhin 100 Künstler hat der Berliner mittlerweile aufgespürt; doch sechs Maler sind inzwischen verstorben, und 13 weitere partout nicht aufzutreiben. "Vor kurzem waren auch das japanische und das tschechische Fernsehen hier", berichtet Alavi. Er hoffe, dass sich auf die Berichte hin noch der eine oder andere meldet. So, wie es kürzlich in Ungarn geschehen ist. Für diejenigen, die nicht kommen können, werden die anderen Künstler einspringen, sagt Alavi.

Mehr als zwei Millionen Euro stehen für die Grundsanierung der Mauer und die Bemalung zur Verfügung. Knapp die Hälfte des Betrages kommt von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie, der Rest stammt aus verschiedenen Töpfen von Bund, Land und der EU. Jahrelang hat die Künstlerinitiative dafür gekämpft, dass das seit 1992 unter Denkmalschutz stehende Bauwerk endlich saniert wird. "Das Interesse war lange nicht da", sagt Alavi. Das Grundstück sei begehrt, und lange hätten die Wirtschaftsforderungen eine größere Rolle gespielt. "Wenn die Bilder nicht darauf gewesen wären, wäre die Mauer längst abgerissen", ist Alavi überzeugt. Mittlerweile sei aber auch der Stadt klar, "dass die Menschen die East Side Gallery sehen wollen".

Bis das wieder möglich ist, wird es aber noch eine Weile dauern. Wjatscheslaw Schljachow wird bis Anfang Dezember sein Bild auftragen. Danach gehen die künstlerischen Arbeiten erst mal in die Winterpause.

Von Marion Meyer-Radtke, afp

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