Avedon-Werkschau Mehr als schöner Schein

Er hat Twiggy, die Beatles und Andy Warhol porträtiert, aber auch Landstreicher, Preisboxer und Fleischpacker. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 19. Januar eine Werkschau von Richard Avedon zu sehen, die zeigt, dass der Starfotograf weit mehr beherrschte, als nur Modestrecken für "Harper's Bazaar" und "Vogue".

Berlin - Clarence Lippard hat wettergegerbtes Haut, seine Falten sind so tief wie das Profil eines Fahrradreifens, sein Kinn ist von Bartstoppel übersät. Lippard ist Landstreicher - dennoch verewigte ihn der vor allem als Modefotograf bekanntgewordene Richard Avedon in einem großformatigen Porträt.

Denn Avedon arbeitete nicht nur für Hochglanz-Modezeitschriften. "Er war auch ein genauer Beobachter der Situation in Amerika", sagt der Direktor des Martin-Gropius-Baus, Gereon Sievernich. Das Berliner Museum zeigt deshalb von Sonntag bis Mitte Januar in seiner Avedon-Ausstellung nicht nur Modearbeiten des US-Fotografen, sondern auch Reportagen und Porträts einfacher Leute wie Clarence Lippard.

Sie ist nach Sievernichs Worten die erste große Retrospektive des 2004 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Künstlers in Deutschland. Mehr als 50 Jahre lang war Avedon jedoch einer der bedeutendsten Fotografen der Modebranche. Diesen Ruf erarbeitete er sich vor allem als Mitarbeiter der Hochglanz-Modemagazine "Vogue" und "Harper's Bazaar".

Auch diesen Teil des Werkes gibt die Ausstellung wider. Sie beginnt mit Modefotos aus dem Paris der 1950er Jahre. Die französische Hauptstadt hatte damals mit den wirtschaftlichen Folgen des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen. Aber Avedon wollte lieber das glamouröse Paris wiederbeleben.

In der Ausstellung hängt aus diesem Grund zum Beispiel das Porträt des Models Dovima - einer schlanken Frau im Abendkleid von Dior vor massigen Zirkuselefanten. Oder ein Foto zweier Modelle, die mit Rollschuhen über die Place de la Concorde fahren. Das war das Paris, das Avedon sehen wollte.

Doch die Bilder aus den 1960er Jahren sind politischer. Etwa das Foto des Schwarzen William Casby aus den US-Südstaaten, der als Sklave geboren wurde.

Warhol zwischen Nackten

Warhol zwischen Nackten

Für den kulturellen Umbruch des Jahrzehnts steht das zehn mal drei Meter große Gruppenporträt "Andy Warhol and Members of the Factory": Der Pop-Art-Künstler findet sich am Rand, in der Mitte mehrere Nackte, ihre Kleidung liegt am Boden.

Besonders weit entfernt von Avedons Modearbeiten ist die Serie "Brandenburg Gate" über die Silvesternacht 1989 in Berlin. Avedon hatte grenzenlose Freude der Leute erwartet, weil die Mauer zwei Monate zuvor gefallen war. Doch er fand eine gewaltsame, chaotische und ängstliche Atmosphäre - man spürt sie beim Anblick der Bilder. Da sind eine Pistole, die jemand in den von Pulvernebel verhangenem Silvesterhimmel streckt, unscharfe skeptische Gesichter und Betrunkene.

Am eindrucksvollsten ist aber sicher die Reihe "The American West", die Avedon in den 80er-Jahren im Westen der USA aufnahm. Es ist nicht der mythische Westen des John Wayne. Vielmehr rückt Avedon einfache Leute in den Mittelpunkt: Kohleverschmierte Bergleute, Ölarbeiter mit dreckigen Arbeitsanzügen und müde guckende Arbeitslose.

Sie haben auf den ersten Blick nichts mit den makellosen Models aus Paris gemeinsam. Doch auf den zweiten Blick offenbaren sie eine Würde, die eleganter wirkt als die Fotos für Modezeitschriften aus den 50er-Jahren - selbst Landstreicher Lippard mit seinen tiefen Falten.

Die Retrospektive mit dem Titel "Richard Avedon - Fotografien 1946-2004" ist mittwochs bis montags von 10.00 bis 20.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt sechs Euro.

Jost Maurin, ap

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