Tauchen Mit Forschern ins Wasser

Die Vergangenheit liegt vor den Küsten, in Seen und in Flüssen - konserviert unter Wasser. Archäologische Fundstücke locken Forscher wie Souvenirjäger. Auch Freizeittaucher stoßen des öfteren auf wertvolle Artefakte. Archäologen der Kieler Uni bilden nun "Paten" für Wracks aus.

Kiel - "Ein Flossenschlag kann in Sekundenschnelle 5000 Jahre Geschichte auslöschen" - Ulrich Müller weiß, wovon er spricht. Der Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Kieler Universität denkt an die vielen Taucher, die vor den Küsten oder in Seen und Flüssen meist unbedacht steinerne oder hölzerne Zeugnisse aus längst vergangenen Epochen zerstören.

Deshalb nehmen Wissenschaftler an der Förde jetzt Sporttaucher buchstäblich an die Hand, um ihnen "denkmalgerechtes Tauchen"  beizubringen. Zwischen 2700 und 2800 Sporttaucher sind allein in Schleswig-Holstein in 33 Vereinen organisiert, fast 80.000 Mitglieder sind es in ganz Deutschland.

Oft können Freizeittaucher nicht einschätzen, ob sie unter Wasser auf ein möglicherweise wertvolles Stück gestoßen sind und wie sie damit umgehen sollen. Bundesweit vielleicht um die 1000 haben sich im Laufe der Jahre als Forschungstaucher ausbilden lassen.

Souvenirjäger und Gutwillige

"Wir wollen die Taucher sensibilisieren im Umgang mit den vielen Kulturgütern, die vor unserer Haustür im Wasser liegen", sagt der Unterwasserarchäologe Florian Huber. Der 32-Jährige ist auch Tauchlehrer und leitet die Spezialkurse, die jetzt erstmals an der Förde begonnen haben. Theorie einschließlich ethischer und rechtlicher Fragen gehört dazu; im Mittelpunkt steht aber die Praxis.

Dass Taucher von einem Wrack etwas abnehmen, weil sie es nicht besser wissen, kommt ebenso vor wie Souvenirjägerei und Geschäftsdrang. "Es gibt durchaus so etwas wie Organisierte Kriminalität, bei der Taucher gezielt Wracks aufsuchen und plündern", berichtet Huber. "Und es gibt eine Militaria-Szene, die nach "Schätzen" aus versenkten Kriegsschiffen giert."

Das neue Kursangebot der Kieler Wissenschaftler richtet sich aber an die "Gutwilligen", die nichts Wertvolles zerstören und möglicherweise sogar beim Bewahren helfen wollen. "Wir zeigen, wie man ein Wrack richtig antaucht, ohne mit der Flosse etwas kaputt zu schlagen", erläutert Huber. "Man glaubt gar nicht, was zwei Flossen so anrichten können." Ob ein vor Kiel gefundenes Wrack aus der Zeit des Nordischen Krieges Anfang des 18. Jahrhunderts oder steinzeitliche Siedlungen wie vor Neustadt in Ostholstein - bei falschem Umgang gehen wertvolle Fundstücke der Wissenschaft unwiederbringlich verloren.

Steinzeitbeile zerfallen an der Luft

Steinzeitbeile zerfallen an der Luft

"Was in der Steinzeit an Land stand, befindet sich jetzt oft vier bis fünf Meter unter dem Wasser und wird dort konserviert", erläutert Huber. "Wenn Steinbeile mit Holzschaft, Angelhaken aus Knochen oder 5000 Jahre alte Bastschnüre aber einfach so an Land geholt werden, zerfallen sie an der Luft."

Deshalb bekommen interessierte Sporttaucher jetzt in Kiel eine kleine Einführung in Unterwasserarchäologie, lernen, wie man eine kleine Fundskizze erstellt und bekommen weitere praktische Hinweise. Im Idealfall werden die so Geschulten die Profi-Archäologen auch umgehend informieren, wenn sie auf ein interessantes Stück gestoßen sind. "Unser Team kann ja nicht in jeden See springen", sagt Huber.

Für Prof. Müller ist das gemeinsame "Abtauchen" mit Hobbysportlern auch ein Beispiel für die Öffnung von Wissenschaft nach außen: "Wir wollen tatsächlich nicht nur im Elfenbeinturm sitzen". Rund 20 Archäologen, aber auch Geologen und Biologen gehören an der Kieler Uni einer Arbeitsgemeinschaft aus Forschungstauchern an, die nun mit der Öffnung zu den Hobbytauchern neue Ufer anpeilt: Am Bodensee oder auch in Großbritannien oder Skandinavien kümmert sich jeweils ein Taucherteam als "Pate" um ein ganz konkretes Wrack. "So etwas schwebt uns auch vor", sagt Huber.

Wolfgang Schmidt, dpa

Fotostrecke: Freizeitarchäologen unter Wasser

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