Mittwoch, 24. Juli 2019

Bodyflying "Jetzt bin ich ein Pfeil"

2. Teil: "In diesen endlosen Himmel"

mm.de: Steht so eine Anlage schon irgendwo?

Schweizer: Nein. Es gibt vergleichbare Prinzipien, sogenannte Zweikreisrückführungsanlagen. Das Einkreissystem, das wir bauen, ist die zentrale Technologie der Zukunft. Das haben wir in einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt mit einer deutschen Universität entwickelt.

 Völlig schwerelos: Im vertikalen Windtunnel, hier eine Anlage in der Schweiz, wird man kräftig in die Luft geblasen. Einige Anlagen gibt es bereits in Deutschland; Jochen Schweizer will im Dezember in Bottrop ein großes Bodyflying-Center mit neuer Technik eröffnen.
Jochen Schweizer GmbH
Völlig schwerelos: Im vertikalen Windtunnel, hier eine Anlage in der Schweiz, wird man kräftig in die Luft geblasen. Einige Anlagen gibt es bereits in Deutschland; Jochen Schweizer will im Dezember in Bottrop ein großes Bodyflying-Center mit neuer Technik eröffnen.
mm.de: Welche Uni war das?

Schweizer: Das will ich noch nicht sagen. Das sagen wir zur Eröffnung im Dezember. Eine sehr bekannte deutsche technische Universität. Im Rahmen dieses Projekts haben wir das System bis zur Modellreife gebracht. Das Modell funktioniert. Und wir bringen den Beweis, dass es in Groß auch funktioniert.

mm.de: Wie weit sind Sie denn mit Ihrer Anlage in Bottrop? Sie haben im Mai den Grundstein gelegt.

Schweizer: Die Wände gehen schon hoch. Im Dezember werden wir dort fliegen. Alles läuft nach Plan. Wir werden noch vor Weihnachten eröffnen.

mm.de: Man soll ja anderthalb Stunden eingewiesen werden und dann sechs Minuten fliegen. Ein kurzes Vergnügen, oder?

Schweizer: Nein. Bei einem normalen Fallschirmsprung springen Sie üblicherweise in 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug. Die ersten elf Sekunden beschleunigt Ihr Körper. Nach elf Sekunden werden Sie nicht mehr schneller und fallen ab da mit 50 Metern pro Sekunde. Das ist die Geschwindigkeit, die ich brauche, damit mein Körper aerodynamisch wird.

Die meisten Menschen assoziieren mit Fallschirmspringen den geöffneten Fallschirm. Aber es geht nicht um die Zeit unter dem Schirm. Es geht um die Zeit im freien Fall. Bei einem realen Fallschirmsprung ist die eigentlich nur 45 Sekunden lang - mit den elf Sekunden Beschleunigung zu Beginn und einer späten Öffnung ist die Gesamtflugzeit also maximal eine Minute. Bei uns fliegen Sie sechs.

Hinzu kommt: Um eine Minute Freifall erleben zu können, müssen Sie den Sport erlernen. Sie haben mehrere Wochen Ausbildungszeit, sitzen im engen Flugzeug und müssen 25 Sprünge absolvieren, um sich dann irgendwann in 4000 Metern Höhe von all dem zu befreien und rauszuspringen in diesen endlosen Himmel.

Und dieses Gefühl zu erleben, seinen Körper in der Luft kontrollieren zu können (steht auf und demonstriert); allein, wenn ich meine Hände so nach hinten ziehe, so eine Mikrobewegung - sssscht, ich schieße nach vorne. Wenn ich meine Füße anziehe, sssscht, ich schieße nach hinten. Wenn ich die eine Hand reinnehme, und den Fuß dazu, gleite ich zur Seite. Ich kann mich auf meiner Stirn balancieren. Jetzt bin ich ein Pfeil und schieße, Kopf voran, 150 Stundenkilometer schnell.

Darum geht es beim Fallschirmspringen: Um diese außergewöhnlichen Momente. Für einen Laien ist das normalerweise nicht erlebbar. Der Windkanal ermöglicht es jedermann. Sofort.

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